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Annie Leibovitz

Der Star hinter der Kamera

06.03.2009 | 18:22 Uhr

Um von Annie Leibovitz fotografiert zu werden, stehen Promis Schlange. Bilder von Bill Clinton oder Demi Moore finden sich in der aktuellen Berliner Leibovitz-Schau. Aber sie beleuchtet auch die Beziehung zu Susan Sontag.

Berlin. John Lennon hat sich für sie ausgezogen, die Queen hat für sie still gestanden: Annie Leibovitz ist die Leibfotografin der internationalen First-Class-Prominenz. Die private Seite der 59-Jährigen dagegen blieb eher unterbelichtet: Von der talentierten Tochter, der spät Gebärenden, der aufmerksam Liebenden erzählt jetzt eine berührende Ausstellung in Berlin: „A Photographer's Life 1990 - 2005”.

Selbst wer Annie Leibovitz nicht kennt – mindestens eines ihrer legendären Porträts hat jeder schon einmal gesehen: Die nackte, hochschwangere Demi Moore auf dem Cover der „Vanity Fair”, den entkleideten John Lennon, der sich in Embryostellung an Yoko Ono schmiegt, wenige Stunden vor seiner Ermordung.

Viele dieser Bilder sind jetzt in der Retrospektive zu sehen – aber sie spielen nur eine Nebenrolle. Die weltbekannten Gesichter dienen als Wegmarken der Starfotografin, als öffentliche Spuren des Fotografenstars. Die Hauptrolle spielt eine Frau: Susan Sontag, die kritische Essayistin, der weibliche Star unter den amerikanischen Intellektuellen. 1988 lernten sich die beiden kennen und lebten bis zu Sontags Krebstod 2004 als Paar.

»Ich bringe Susan zurück nach Berlin«

„Ich bringe Susan zurück nach Berlin”, so Annie Leibovitz beim Rundgang durch die Ausstellung im alten Postfuhramt in Berlin-Mitte. Die Freundin habe Berlin geliebt. „Und sie wäre bestimmt sehr stolz auf diese Ausstellung.” Dabei ist die Auswahl der privaten Fotos alles andere als eine sorgfältig polierte Hommage an die berühmte Lebensgefährtin.

Es ist das intime Dokument einer Beziehung, mit dem roten Faden des anstehenden Abschieds. Der Ursprung: Ein fotografisches Erinnerungsbuch für die Gäste bei Susan Sontags Beerdigung.

Was Fotografie für sie bedeutet, will eine junge Journalistin von Annie Leibovitz wissen. Die große blonde Frau mit der energischen Nase und der strengen schwarzen Brille zögert einen Moment. Es ist so, als wolle einer wissen, was Autofahren für Michael Schumacher bedeutet. „Es hält die Zeit an”, sagt Leibovitz schließlich. Was sie nicht sagt: Es zeigt gleichzeitig unbarmherzig, wie schnell die Zeit vergeht.

Die Ausstellung wirkt auf den ersten Blick wie hingeschludert: Kleinformatige Schnappschüsse vom Badeurlaub mit den Eltern, von Susan Sontags Arbeitsplatz und ihren Stein- und Muschelsammlungen hängen zwischen Por-träts von Bill Clinton und Kate Moss. Links sieht man die Eltern der Fotografin am Tag ihrer Goldenen Hochzeit, rechts das Neugeborene ihres Bruders, in der Mitte Demi Moores Babybauch und darauf die behaarten Hände von Bruce Willis.

Erst im letzten Raum der Ausstellung verdichtet sich die Idee des Gegeneinanderschneidens von Job und Privatleben: Die Prominenz bleibt zum ersten Mal draußen vor der Tür, dafür gibt es ein Foto – diesmal von Susan Sontag gemacht –, das die nackte, schwangere Annie Leibovitz zeigt. In der gleichen Perspektive wie zehn Jahre zuvor Demi Moore.

2001 brachte die 52-Jährige Leibovitz ihre Tochter Sarah zur Welt. Auf einem Foto hält eine erschütternd müde Susan Sontag den schlafenden Säugling auf dem Schoß. Sie weiß offensichtlich, dass sie das Kind nicht lange wird begleiten können. Im Winter 2004/2005 starb erst Susan Sontag, dann Leibovitz' Vater. Kurz darauf brachte eine Leihmutter für Annie Leibovitz Zwillinge zur Welt. Die Fotografin hält auch da wieder die Kamera in der Hand – und fotografiert die Geburt ihrer eigenen Kinder. Welche Mutter kann das schon.

Foto-Schau auf Tour

Einzige deutsche Station der Annie Leibovitz-Retrospektive ist Berlin. Die Ausstellung war bereits in den USA und in London zu sehen und soll im Sommer weiter nach Spanien und Österreich gehen.

Annie Leibovitz: „A Photographers' Life 1990-2005”, c/o Berlin, Postfuhramt, Berlin-Mitte. Bis 24. Mai, täglich 11 bis 20 Uhr.

Julia Emmrich


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