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Der Sonnyboy der Saiten

07.11.2008 | 12:59 Uhr

David Garrett (28) sieht aus wie eine Mischung aus Sasha und Kurt Cobain. Es ist kein Geheimnis, dass den Spitzengeiger sein gewinnendes Äußeres bei musikalischen Grenzgängen kräftig unterstützt

Darling der Damen, das senkt nicht zuletzt den Altersschnitt bei Konzerten: David Garrett. Foto: Brill

Der schnellste Geiger der Welt kommt eine Dreiviertelstunde zu spät. Doch wenn David Garrett (28) mit weit ausholenden Schritten ins Restaurant der Arena stürmt, mit den Armen dramatisch eine Entschuldigung andeutet und sein Lächeln anknipst, so strahlend hell wie eine 1000-Watt-Birne, ist aller Unmut schlagartig vergessen.

Anwesend beim Pressegespräch sind erstaunlich viele Vertreterinnen von Zeitschriften, in deren Titel das Wörtchen "Frau" vorkommt. Normalerweise würde man dort kaum Interesse für Instrumente vermuten, die vor über 250 Jahren von Italienern mit klangvollen Namen gefertigt wurden. Aber kaum packt Garrett die Violine aus dem Koffer, geht das Geraune los: "Ist das die Stradivari?" Sie ist es nicht. Dafür lässt diese Szene zwei Schlüsse zu: "Normalerweise" greift bei Garrett nicht, dafür umso mehr die Bezeichnung "Frauentyp".

Garrett ist groß, blond und lässig. Über verwaschenen Jeans trägt er ein schwarzes Hemd und ein schwarzes Jackett. Schulterlange Haare, im Nacken zum Pferdeschwanz gebunden. Strahlend weiße Zähne, die aus einem Stoppel-Dickicht hervorblitzen, das garantiert älter ist als die vorgeschriebenen drei Tage.

Der Typ sieht aus, als käme er gerade von einem Konzert der "White Stripes". Einen Weltklasse-Geiger, der als Zehnjähriger seinen ersten Auftritt hatte, mit zwölf gemeinsam mit Menuhin auf der Bühne stand und mit 13 als damals jüngster Solist bei der "Deutschen Grammophon" unter Vertrag genommen wurde, würde man nicht vermuten. Aber genau das ist er. 2007 machte der gebürtige Aachener mit seiner CD "Virtuoso" vor, wie man Klassik-, Rock-, Musical- und Filmmusik unter einen Hut bringt: "Im Vorfeld sagten alle: ,Das ist ja eine ganz schreckliche Idee! Das ist ja völlig unvermarktbar!'"

Die Crossover-Scheibe wurde ein Hit und Garrett zum "David Beckham der Violine". Seitdem ist seine Stradivari für die Medien ein ähnlich interessantes Accessoire wie die neueste Handtasche von Beckham-Gattin Victoria.

Nun hat der 28-Jährige nachgelegt. Im Oktober erschien sein zweites Album "Encore" (Besprechung auf dieser Seite), was im Klassikbereich schlicht für "Zugabe" steht. Anfang des Jahres geht der Sunnyboy der Saiten damit auf Tour.

Doch spannender finden die Damen aus dem bunten Blätterwald seine Lebensumstände ("Zu Hause in New York war ich nur zwei Wochen in diesem Jahr"), sein "Burnout-Syndrom" mit 18 ("Das war eher körperlich bedingt. Ich bin zwischen 14 und 17 sehr schnell gewachsen, da kam die Muskulatur nicht nach") und sein gebrochenes Herz ("Tatsache ist, dass ich ein paar Mal eine Frau gedatet habe, aber es hat nicht funktioniert"). Ehe der schnellste Geiger der Welt, als der er seit Ende Mai für einen fehlerfrei in 66 Sekunden gespielten "Hummelflug" im Buch der Rekorde steht, wieder abdüst, hat er noch Gelegenheit, auf sein eigentliches Anliegen hinzuweisen: "Mit meiner klassischen Musik viele junge Menschen zu erreichen."

Was einem wie ihm, der aussieht wie eine Mischung aus Sasha und Kurt Cobain, tatsächlich zu gelingen scheint: "Bei meinen Konzerten sind die Leute zwischen 20 und 45." Eine Zielgruppe, nach der sich andere Musiker mit klassischem Hintergrund alle zehn Finger lecken.

David Garrett gastiert am 18. November mit Sonaten von Beethoven und Grieg in Essens Philharmonie. Das Konzert ist ausverkauft. Mit softerem Programm und Orchester ist er bei "Encore" am 10. Januar in der Arena Köln und am 16. in der Halle Münsterland

Von Susanne Schramm

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