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Linkspartei

Der Schnittmengenlehrer

11.01.2010 | 19:33 Uhr

Wie Gregor Gysi in Abwesenheit von Oskar Lafontaine die Linkspartei zur Ordnung ruft und das Ende von Bundesgeschäftsführer Bartsch einleitet.

Wenn Lothar Bisky mit der „ideologischen Schweinegrippe” Recht hat, von der er seine Partei akut befallen sieht, dann war gestern am Berliner Alexanderplatz noch längst nicht klar, auf welche „Medizin” sich die Linke verständigen wird. Nur, dass es zügig gehen müsse, darüber waren sich viele der 700 Parteigänger einig.

Gekommen waren sie in das Kongress Centrum, um sich mit bekömmlichen politischen Losungen für das frisch begonnene Jahr zu versorgen. Was sie bekamen, waren schwer verdauliche Standpauken und Vorträge in innerparteilicher Schnittmengenlehre.

Und einmal mehr war es Fraktionschef Gregor Gysi, der die rhetorische Hauptlast zu tragen hatte, um die Linke, die sich seit Wochen vordergründig über die Animositäten zwischen Noch-Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch und Noch-Parteichef Oskar Lafontaine Herz und Hirn zerbricht, an die eigentliche Aufgabe zu erinnern: „Geschlossen” und „kraftvoll” gegen die „radikal neoliberale” Bundesregierung Politik zu machen.

Dass Grabenkämpfe zwischen Ost-Verbänden und westlichen Parteigliederungen hinderlich sind, steht für Gysi felsenfest.

„Besserwisser und Wichtigtuer brauchen wir nicht”, schrie er mit hochrotem Kopf in den Saal. Was die Linke benötige, sei „Vereinigung” und „Gemeinsamkeit”, und er beklagte in seiner oft von lautem Beifall unterbrochenen Rede ein „unerträgliches Klima der Denunziation” in der Linkspartei.

Der Rechtsanwalt räumte ein, dass die krankheitsbedingte Abwesenheit von Parteichef Lafontaine ein Vakuum an der Spitze hinterlassen habe. Sich da „hinein zu drängeln”, sei kontraproduktiv. Ob, wann und in welcher Funktion Lafontaine nach auskurierter Krebserkrankung wiederkommen wird, ließ Gysi offen.

Sollte der 66-jährige Saarländer im Mai in Rostock wieder kandidieren, müsste er sich aber wohl nicht mehr auf Dietmar Bartsch einstellen. Der „erfolgreiche und verdienstvolle” Bundesgeschäftsführer habe Interna an Medien gegeben und damit die aktuelle Misere selbst ausgelöst, befand Gysi öffentlich, nannte das „illoyal” und kündigte Folgen an. Welche? Noch offen. Dass Bartsch den „Spiegel” etwa wissen ließ, dass Lafontaines Schreibtisch in der Parteizentrale verwaist sei, will vielen Parteimitgliedern nicht ausreichen als Beleg für das „gestörte Vertrauensverhältnis”, von dem Gysi sprach. „Dahinter stehen garantiert die ewigen Rangeleien zwischen unseren Realos und Fundis”, sagte ein junger Linkspartei-Funktionär am Rande.

Genau die will Gysi überbrücken helfen, indem er der Linken zu einem entspannteren Verhältnis rät, was ihr „permanentes strategisches Dilemma” angeht: Mitregieren oder Dagegensein? Bartsch will regieren, wo es eben geht. Muss er deshalb ins zweite Glied? Lafontaines Antwort darauf steht noch aus.

Dirk Hautkapp

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