Der Erfinder der Torwand
23.08.2009 | 16:35 Uhr 2009-08-23T16:35:00+0200
Dortmund. Heinrich Klein aus Dortmund hat die legendäre Torwand für das ZDF-Sportstudio erfunden. Seit genau 46 Jahren wird nun darauf geschossen.
Nach einer satirischen Selbstdarstellung des ZDF-Sportstudios erfanden Germanen die Torwand, indem sie den Römern mit Bällen Löcher in den Limes schossen; eine amüsante Unsitte war das, die erst ein Tribun namens Catenaccio unterband. So charmant die Geschichte ist, sie ist leider völlig falsch: Vielmehr hat der Dortmunder Heinrich Klein die Torwand erfunden; Jahre später, stand sie dann erstmals am 23. August 1963 im Sportstudio herum, also gestern vor 46 Jahren.
Das klingt verwirrend? Aber ich bitte Sie, 50. Jahrestag kann doch jeder! Jubiläen werden in den Medien eh immer früher gewürdigt, immer weiter vor dem Stichtag – aber mit praktisch vier Jahren vorher setzen wir jetzt mal Maßstäbe.
Als Pionier im Weltkrieg gekämpft
Doch zurück zu Heinrich Klein, zurück nach Dortmund-Hörde, wo der 90-Jährige in einer kleinen Wohnung lebt im Johanniter-Stift. Als Pionier hatte er im Weltkrieg gekämpft, was passt, wenn man weiß, was dann geschah: Die Erfindung dieser Torwand, die ja nicht nur im Fernsehen Karriere machte – wer hält sich da schon 46 Jahre? Sie ist auch ein zehntausendfach verkauftes, sehr beliebtes Sportspielzeug: Bei Wikipedia werden sie und ihr sehr schwer zu beschreibender Reiz angemessen ungelenk vorgestellt als „eine Vorrichtung für eine bestimmte Geschicklichkeitsübung beim Fußballtraining”.
Das kam nämlich so: Klein, gelernter Zimmermann und Ingenieur, war in den 1950er-Jahren Leiter Technik der damals neuen Westfalenhallen. „Da gab es jedes Jahr das Sportpressefest, und ich musste mir immer etwas Neues ausdenken”, erinnert sich Klein. Das letzte funktionierte nicht gut: Prominente treten den Ball auf ein Handballtor, in dem ein Torhüter steht. Das ist jetzt nicht soo schrill. „Der hielt alles. Das passte mir nicht.”
Premiere beim Sportpressefest
Der Torwart muss weg. Im Jahr darauf, eventuell 1960, sägt Klein zwei Löcher rechts unten und links oben in eine Spanplatte und montiert sie auf das Handballtor. „Wir hatten Angst, dass das umfallen würde, aber es ist gutgegangen”, sagt Klein. Beim nächsten Sportpressefest kommt die Torwand zum Einsatz. Der Spaß ist groß, der Torwart weg, und man muss sagen, dass die alte Büro-Bosheit an dieser Stelle wirklich einmal zutrifft: Die Lücke, die der Mann hinterlässt, ersetzt ihn mühelos.
Ohne die beiden Sportjournalisten Werner Schneider und Wim Thoelke wäre die Geschichte jetzt zu Ende. Aber Schneider und Thoelke nehmen die Idee Torwand vom Sportpressefest mit ins Sportstudio, zu dessen ersten Moderatoren sie von 1963 an gehören. Fernsehhistorisch betrachtet, ist sie dort das erste Unterhaltungselement in einer deutschen Sport-Nachrichtensendung, die indes am späten Samstagabend mit Aktualität auch nichts reißen konnte.
Seitdem wird jeden Samstag auf sie geschossen, auch, wenn es ein sogenannter schwarzer Samstag ist, also einer ohne jeden Fußball. In ewiger Erinnerung bleiben Günter Netzer 1974, der als erster Mensch im Sportstudio fünf Mal traf; Franz Beckenbauer 1994, der einen Ball einlochte, den er von einem vollen Glas Weizenbier trat; und natürlich der Versuch in den 70ern, die Torwand abzuschaffen. Das ging in Wut und Tränen unter, naja, das ZDF erinnert sich daran nicht so gern.
Verdienstkreuz für den Einsatz im Behindertensport
Eine Institution. Eine Marke. Ach, hätte Klein sie damals vermarktet, vielleicht wäre er nicht in Hörde, sondern in Key Largo? „Ich wollte gar nichts anmelden, ich war Bediensteter der Westfalenhalle und der Presseverein unser Kunde”, sagt Klein. Und vermisst nichts. Viele Jahre später erhielt er das Bundesverdienstkreuz, völlig zu Recht natürlich, auch wenn er offiziell ausgezeichnet wurde wegen seiner Verdienste um den Behindertensport. Klein selbst konnte niemals auf die Wand schießen: Seit der Schlacht von Monte Cassino 1944 hat er im rechten Unterschenkel acht Durchschüsse, und den linken ersetzt eine Prothese.
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