Das SUV unter den Motorrädern

Essen..  „Boah Papa, das ist ja eine tolle Maschine!“ Meine Tochter hat nicht allzu viel Ahnung von Motorrädern, aber ein durchaus mehrheitsfähiges Gespür für Ästhetik. Und die neue Honda CRF 1000 Africa Twin trifft sicherlich nicht nur ihren Geschmack: Besonders in der schwarz-weiß-roten Rallye-Version mit ebenfalls dreifarbiger Sitzbank sieht die hochgewachsene, aber schlanke Maschine mit den goldenen Gabelrohren sehr attraktiv aus.

Und das Schönste: Honda ist mit der neuen Africa Twin gleich ein doppeltes Kunststück geglückt. Denn zum einen ist es nach einigen Modell-Verirrungen endlich gelungen, Körper und Geist der legendären Namensgeberin aus den 80er-Jahren wiederzubeleben, deren Ruhm sich nicht nur von Siegen bei der Rallye Paris-Dakar ableitete, sondern vor allem von ihrer unverwüstlichen Robustheit. Und zum anderen trifft das schlanke Konzept auch technisch den Nerv vieler Motorradfahrer, denen überbordende Leistung und hochkomplexe Assistenzsysteme zunehmend unheimlich werden.

Knapp 1000 Kubikzentimeter Hubraum, 95 PS, abschaltbares ABS und Traktionskontrolle – so unkompliziert sich die technischen Daten lesen, so angenehm gestaltet sich auch der Umgang mit den vollgetankt 230 Kilogramm: Die sind nämlich so geschickt angeordnet, dass sich die Honda über den breiten Lenker wunderbar leicht und neutral dirigieren lässt. Dazu passt der erfreulich große Lenkeinschlag, der Rangieren und Wenden erleichtert. Die Ergonomie ist Honda-typisch untadelig, die Sitzposition für Fahrer (in 85 oder 87 Zentimetern Höhe) und Beifahrer angenehm entspannt, nur der Hitzeschutz des Auspuffs stört ein wenig an der rechten Hacke.

Der Motor dagegen baut schön schmal, denn anders als in der Ur-Version ist es kein V2-Motor mehr, sondern ein günstiger herzustellender Reihenmotor, der aber durch seine Zündfolge einen V-Motor imitiert. Und das auf sehr unterhaltsame Art und Weise: Er tönt kehlig beim Anreißen, sirrt dann entspannt vor sich hin, um im Schiebebetrieb munter vor sich hinzubrabbeln und zu sprotzen. Das herrliche, aber nie aufdringliche Spektakel ist die Untermalung für ein breites Drehzahlband, das schon bei 2000 Umdrehungen gut nutzbare Leistung abliefert. Nur empfindliche, große Schwungmassen gewohnte Naturen bemängeln ein leichtes Konstantfahrruckeln und eine verzögerte, dann aber harsche Gasannahme aus dem Schiebebetrieb heraus.

Ebenso vielseitig wie der Motor präsentiert sich das voll einstellbare Fahrwerk mit seinem 21-Zoll-Vorderrad, ein deutliches Indiz für die anvisierte Geländetauglichkeit der Africa Twin – schließlich gilt es, einen guten Ruf zu verteidigen. Aber auch auf der Autobahn – wo sie sicherlich öfter zu finden sein wird als im Gelände – erweist sich das nicht auf übermäßige Handlichkeit ausgelegte Fahrwerk als beruhigend stabil. Keine Selbstverständlichkeit im Kreis ihrer Konkurrenten. Dass die kleine Scheibe und die Tankverkleidung dabei bis weit über Richtgeschwindigkeit erstaunlich guten Windschutz bieten, komplettiert das Bild eines Motorrads, das endlich das Zeug hat, die Legende Africa Twin würdig fortzusetzen.

Kein Wunder also, dass sie sich bis Mai schon fast 1800-mal verkaufte. Was sie in Deutschland zum drittbeliebtesten Motorrad macht (hinter dem Platzhirsch BMW R 1200 GS und der preiswerten Yamaha MT-07). Es scheint also zu stimmen: Es ist eine tolle Maschine.