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30 Jahre Europäisches...

Das Brausepulver-Problem

17.07.2008 | 09:12 Uhr

Wenn Literatur zur Weltliteratur wird: Straelen lässt Übersetzer aufblühen, seit drei Jahrzehnten schon. Zum Geburtstag spendierte die Autorin Julia Franck dem Haus jetzt Arbeitsstipendien.

Autorin Julia Franck

Essen. Sie sind die Mauerblümchen des Literaturbetriebs, Schattengewächse, die im Verborgenen den Boden bereiten für nichts Geringeres als Völkerverständigung. In Straelen, der floralen Metropole am Niederrhein, finden sie sozusagen ein schützendes Gewächshaus: das Europäische Übersetzerkollegium. Vor 30 Jahren wurde es gegründet.

Die Übersetzer sind die Postpferde der Bildung.Alexander S. Puschkin

Kuhstraße, provinzieller könnte eine Adresse kaum sein. Und doch trifft sich hier die Welt, nicht virtuell wie überall sonst, sondern: wirklich. Ein Ensemble aus sechs Wohnhäusern beherbergt 30 Appartements für Übersetzer, 700 kommen jährlich und – ja, übersetzen. Goethes „Faust” zum Beispiel fand hier den Weg ins Bulgarische, ins Vietnamesische, Grass' Blechtrommel wurde übertragen ins Russische und ins Chinesische, trotz aller Hindernisse: In China gibt es kein „Brausepulver”. (Herr Grass,heißt es, habe geraten, es mit „irgendetwas” Prickelndem aus dem chinesischen Sprachraum zu versuchen.)

Fremde Sprachen sind schön, wenn man sie nicht versteht. Kurt Tucholsky

Bei kniffligen Fragen wie dieser hilft eine Bibliothek, die 110 000 Bände zählt – Wörter- und Sachbücher, Weltliteratur, Versandhauskataloge, Gebrauchsanweisungen. Die Bibliothek gilt europaweit als einzigartiges Herzstück des Hauses. Fragt man aber die Übersetzer selbst, warum sie hier sind, so aus dem Bauch heraus jetzt mal, dann sagen sie: Weil man in der Küche andere Übersetzer trifft. Geplauder beim Nachschlag spart so manches Nachschlagewerk.

Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen. J. W. von Goethe

Dass ausgerecht Straelen vor drei Jahrzehnten die Förderung literarischer Übersetzer beschloss, ist schnell erklärt: Der Beckett-Übersetzer Elmar Tophoven war hier daheim, auf seine Initiative hin wurde das EÜK gegründet. Mit dabei war Klaus Birkenhauer vom Verband der literarischen Übersetzer, als berühmte Förderer seien unter anderen Samuel Beckett und Heinrich Böll genannt. Finanziert wird die Arbeit des Kollegiums durch das Land und die Kunststiftung NRW. Eng ist zudem die Zusammenarbeit mit der Universität in der Landeshauptsadt Düsseldorf: Hier bildet der deutschlandweit einzigartige Studiengang „Literaturübersetzen” den Nachwuchs aus.

Kennst du viele Sprachen – hast du viele Schlüssel für ein Schloss.  Voltaire

Der 30. Geburtstag assoziiert meist Krise und Orientierungslosigkeit; in Straelen aber beschreitet man zielstrebig neue Wege, setzt weiterhin den Gegentrend zur virtuellen Vernetzung – setzt nämlich auf das persönliche Gespräch. Eine Woche lang arbeitete jüngst Julia Franck mit 18 Übersetzern zusammen, die ihren mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Die Mittagsfrau” auf die weite Welt bringen werden. Zum Beispiel: in Brasilien. „A Mulher do Meio-Dia” heißt die „Mittagsfrau” dort nun, wörtlich übersetzt und doch fern der eigentlichen Bedeutung: „Wir haben eine Karnevalsfigur, die so heißt”, sagt Übersetzer Marcelo Backes: „Sie hat nichts mit der Mythologie im Roman zu tun, aber evoziert ebenfalls etwas Erotisches, das tut dem Buch nur gut.” Im Anschluss an diese Woche, die Julia Franck viel gegeben hat, gibt die Autorin nun etwas zurück: Drei Arbeitsstipendien für Übersetzer deutscher Gegenwartsliteratur aus ost- und mitteleuropäischen Ländern, die in diesen Tagen über die Internetseite des EÜK ausgelobt werden.Die Sprache ist gleichsam die äußere Erscheinung der Völker. Freiherr von Humboldt

In seiner Schriftenreihe übrigens hat sich das Europäische Übersetzerkollegium nicht nur fernen, sondern auch nahen und doch überraschend fremdartigen Sprachräumen angenähert: Das Büchlein, das wertvolle Einblicke in die Mutterzunge des gemeinen Revierbürgers gibt, heißt schlicht: „Hömma!”

Britta Heidemann

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