Bochum war anders
18.01.2008 | 21:51 Uhr 2008-01-18T21:51:00+0100
Als die Studentenproteste begannen, hatte die erste Hochschule des Reviers gerade erst den Lehrbetrieb aufgenommen. Den „Muff von 1000 Jahren” gab es dort nicht. Ein Gastbeitrag von Prof. Kurt Biedenkopf – er war der Rektor der Universität in jener Zeit.
Viel ist zu Beginn dieses Jahres die Rede von den 68ern, die vor 40 Jahren im Land für Unruhe sorgten, demonstrierten, aufbegehrten und nach Überzeugung vieler, die heute darüber schreiben, entweder Gutes oder Böses hinterlassen haben. Richtig ist, dass die Ereignisse der Jahre, die sich um das Jahr 1968 gruppieren, zu wichtigen und bis heute wirksamen Veränderungen im damaligen Westdeutschland führten.
Gegen die Hochschulordnung der Zeit rebelliert
Die damaligen Studenten – eben die 68er – haben gegen die Hochschulordnung ihrer Zeit rebelliert, aber auch das Denken der Menschen beeinflusst. Ihr Protest gegen Überkommenes hat Spuren hinterlassen. Sie dafür heute verantwortlich zu machen, ist aber zu kurz gesprungen. Sie konnten zwar gegen die herrschenden Verhältnisse und deren Ordnung protestieren. Die Veränderungen, die sie damit erreichten, wurden jedoch nicht von ihnen beschlossen. Ihre Anführer saßen nicht in den Parlamenten der Länder und des Bundes. Dort saßen ihre Eltern und die Vertreter deren Generation. Und die hatten vielfach Angst vor den heftigen Protesten und den Fragen der Jüngeren. Für die Eingriffe in die Hochschulstrukturen, die sich später als falsch erwiesen und kaum geeignet waren, die eigentlichen Fragen zu lösen, trugen sie ebenso Verantwortung wie für die Folgen ihrer Nachgiebigkeit und Unfähigkeit, sich den Protesten zu stellen.
Die Zeit der 68er war zugleich auch die Zeit der ersten großen Koalition. Die Nachkriegsgenerationen hatten das Land wieder aufgebaut. Das Wirtschaftswunder der 50er und 60er Jahre wäre nicht möglich gewesen ohne ihren Fleiß, ihren Einsatz und ihre Bereitschaft, sich zu beschränken. Mit dem Sturz Erhards als Kanzler ging diese Zeit des wirtschaftlichen Wiederaufbaus zu Ende. Sie verlor ihre perspektivische Kraft. An ihrer Stelle meldeten sich die unbeantworteten Fragen nach den Ursachen der Katastrophe, durch die Deutschland gegangen war und nach der Mitverantwortung der Älteren.
Die Angst, die viele angesichts der Proteste der Jüngeren beschlich, war auch die Angst vor diesen Fragen und der eigenen Unfähigkeit, sie der ersten Nachkriegsgeneration zu beantworten. Wenn das Aufbegehren der 68er gegen das Schweigen der Älteren eine bleibende Wirkung hinterließ, dann war es der mit ihren Protesten ausgelöste Zwang, sich ihren Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen. Viele wurden bis heute nicht gefunden. Warum nun sind Bochum und seine Ruhr-Universität inmitten all der Unruhe der 68er Jahre anders? Warum insbesondere das Verhalten der Studenten? Weil sie in Bochum an einer jungen und einer besonderen Universität studierten. Die Ruhr-Universität war die erste Hochschule im Revier, seit Kaiser Wilhelm II. 1892 anordnete, im Revier dürfe es keine Kasernen und keine Universitäten geben. Man wollte keine Unruhe in der Waffenschmiede des Reiches. Die Universitäten waren um das Revier herum angesiedelt: in Münster, Aachen, Köln oder Bonn, aber nicht dort, wo Millionen Menschen lebten und durch ihre Arbeit dem Lande Wohlstand brachten.
Die gleichen Chancen für alle Menschen im Revier
Deshalb war der Ruhr-Universität von Anfang an die Aufgabe vorgegeben, den Menschen im Revier und ihren Kindern die gleichen Chancen zu bieten, die andere von alters her genossen: durch ein Studium ihre Lebenschancen zu verbessern. Deshalb galt sie vielen als eine „Arbeiter-Universität”. Und die Menschen im Revier, vor allem in Bochum, waren stolz auf ihre neue Hochschule.
Als die Ruhr-Universität im Jahr 1965 den ersten Studenten ihre Tore öffnete, kamen sie auf eine Baustelle. Einige der Hochbauten waren fertig gestellt, der größere Teil wurde während der folgenden Jahre gebaut. Die Bochumer Studenten studierten gewissermaßen unter den Augen der Bauleute. Und sie kamen zum großen Teil aus den umliegenden Städten und Gemeinden und kehrten abends dorthin zurück. Im Umfeld des Campus war die Auswahl an Kneipen gering, in denen man sich treffen und notfalls auch verschwören konnte.
Aber nicht nur äußerlich war die Ruhr-Universität eine Baustelle. Sie war es auch ihrem eigenen Verständnis nach. Als die ersten Professoren berufen wurden, zeigte sich, dass viele der bereits angesehenen und etablierten Professoren anderer Hochschulen wenig Neigung zeigten, ihre geordnete Welt gegen eine Baustelle einzutauschen.
Viele junge Hochschullehrern
So kam es, dass ein wesentlicher Teil der Lehrstühle mit jungen Hochschullehrern besetzt wurde. Sie waren, wie ich, zuvor Privatdozenten gewesen. Wir wussten um die Hierarchien, die eingespielten Beschränkungen des Wettbewerbs an „klassischen” Universitäten, die zahlreichen Unbeweglichkeiten und die tradierten Verhältnisse. Ihnen wären wir weniger leicht entkommen, hätte es die neue Universität nicht gegeben. Uns bot sie die von vielen begehrte Chance, an der Reform der deutschen Universität mitzuwirken. Bochum verstand sich als Reformuniversität. Und wir wollten in Bochum vieles anders machen, als wir es von unseren bisherigen Hochschulen gewohnt waren.
Schließlich waren wir nicht wesentlich älter als viele unserer Studenten. Als ich nach Bochum berufen wurde, war ich 34 Jahre alt – eine für die damalige Praxis sehr frühe Berufung auf einen ordentlichen Lehrstuhl. Viele meiner Kollegen – und der wenigen Kolleginnen – gehörten der gleichen Altersgruppe an. Wir fühlten uns vielfach den Sorgen und Problemen der Jüngeren näher als dem Status eines Altordinarius, seinen Regeln und seiner Symbolik. Wir verstanden uns eher als eine Zwischengeneration zwischen unseren Studenten und unseren akademischen Lehrern. Wir hatten den Krieg und die Katastrophe noch miterlebt, aber auch den Wiederaufbau des Landes. Und wir wussten um die Berechtigung der Fragen, auf deren Beantwortung unsere Studenten bestanden.
Schon deshalb fühlten wir uns den Studenten eher verbunden als unsere älteren Kollegen an anderen Hochschulen. Wir hatten keine Privilegien zu verteidigen. Uns ging es um die Freiheit von Forschung und Lehre – nicht nur dem Buchstaben der Verfassung nach, sondern im praktischen Leben der Hochschule. Wir waren, zusammen mit risikofreudigen „Altordinarien” nach Bochum gekommen, um etwas Neues zu gestalten. Die große Mehrheit der Studen-ten wollte das auch. Sie wollten die Freiheit, sie wollten arbeiten und in einem Land leben, in dem auch der Außenseiter geachtet wurde, nicht nur der, der den Mächtigen nach dem Munde redet.
In Bochum gab es unter den Talaren keinen Muff von tausend Jahren
All dies führte dazu, dass die 68er Jahre in Bochum anders verliefen, als an den traditionellen Universitäten und in den Städten, die sie beherbergten. In Bochum gab es unter den Talaren keinen Muff von tausend Jahren. Soweit überhaupt Talare getragen wurden, waren sie allenfalls eine Reverenz gegenüber der akademischen Tradition an anderen Hochschulen, der wir uns anschlossen, weil unsere Hochschule jetzt zu dem Kreis großer und alter Universitäten gehörte – nicht, weil wir die Traditionen fortsetzen wollten. Und dass der Rektor als Hausherr eine Kette trug – wie der Oberbürgermeister der Stadt – erschien wohl den meisten selbstverständlich.
All das bedeutet nicht, dass es an der Ruhr-Universität keine Proteste der Studenten und keine Versuche gegeben hätte, sich notfalls mit Gewalt Aufmerksamkeit zu verschaffen. Aber sie sahen an der Arbeiter-Universität Bochum anders aus als in Frankfurt, Heidelberg oder München. Und wir verstanden sie nicht vor allem als Bedrohungen. An einige dieser Auseinandersetzungen erinnere ich mich noch gut.
So hatten Studenten eines Tages das Gebäude verriegelt, in dem sich auch die Amtsräume des Rektors befanden. Als Rektor musste ich mir deshalb den Weg durch den Keller bahnen und diejenigen, die mich daran hindern wollten, zurückstoßen. Deren Verhalten empfand ich weniger als Bedrohung denn als töricht und ohne erkennbares Ziel. Nicht so die Arbeiter bei Opel, die von den Auseinandersetzungen gehört hatten. Ich saß noch nicht lange an meinem Schreibtisch, als das Telefon läutete und der Betriebsrat von Opel sich meldete. Er habe gehört, Magnifizenz habe Probleme – und wählte die Anrede mit Stolz. Ob man Leute mit dem notwendigen Handwerkszeug schicken sollten? Ich beruhigte ihn und dankte. Aber wir kämen gut mit einander zurecht. So war es auch.
Kritikpunkt der Studenten: Der Unterricht sei reaktionär
Unruhe herrschte vor allem unter den Studenten der Geistes- und Sozialwissenschaften. Eines Tages besetzten die Studenten der Sozialwissenschaft die Räume ihres Fachbereichs. Der ihnen angebotene Unterricht sei reaktionär. Sie forderten deshalb das Recht, eine Alternative zu entwickeln, und dies in den Räumen des Fachbereichs. Die Fakultät war erregt und verlangte vom Rektor, die Ordnung des Lehrbetriebs wieder herzustellen.
Die Studenten schickten Vertreter zu mir, um ihre Forderungen zu erläutern. Zum Schluss gestattete ich ihnen, zwei Räume des Fachbereichs zu nutzen. Sie sollten die Gelegenheit haben, ihre Konzepte zu diskutieren. Allerdings unter zwei Bedingungen: Zum einen wollte ich regelmäßig über den Fortgang ihrer Beratungen unterrichtet werden. Zum anderen erwartete ich, dass sie die Räume am Ende selbst reinigten. Die Reinigungskräfte der Universität stünden dafür nicht zur Verfügung.
Die Beratungen zogen sich über mehrere Tage und Nächte hin. Regelmäßig wurde ich über die anstehenden Fragen unterrichtet. Schließlich kam die Delegation zum letzten Mal. Die jungen Leute waren bedrückt. Sie müssten, so erklärten sie, das Experiment beenden. Denn sie könnten sich nicht auf die richtigen Antworten auf ihre Fragen einigen und müssten deshalb darüber abstimmen. Über wissenschaftliche Gegenstände, bei denen es um Wahrheit oder Irrtum gehe, könne man jedoch nicht abstimmen. Wahrscheinlich haben die jungen Leute auf diese Weise mehr gelernt als durch ein Verbot ihrer eigenständigen Suche nach Erkenntnis in den Räumen der Hochschule.
In die Fakultät der evangelischen Theologie bestellt
Auch in der evangelischen Theologie gab es Proteste und Ärger. Auf den Hilferuf des Dekans antwortete ich mit der Ankündigung, ich wolle von meinem Recht als Rektor Gebrauch machen und die Fakultät besuchen. Als ich den Beratungsraum der Fakultät betrat, wurde ich mit schweigender Missbilligung empfangen. Ich hätte nur eine Bitte an die Herren: dass mir jeder Kollege das Besondere seines Faches erläutere und was er lehre. Alle entsprachen meiner Bitte. Am Ende dankte mir der Dekan. Noch nie hätten die Mitglieder der Fakultät so miteinander gesprochen. Sie waren Opfer ihrer jeweiligen Spezialisierung und der Erwartung geworden, die Studenten könnten die Bausteine, die ihnen angeboten würden, ohne Anleitung auch selbst zu einem vernünftigen Ganzen zusammensetzen. Genau dies war der eigentliche Grund des Protestes der Studenten gewesen.
Unsere Bochumer Auseinandersetzungen waren keineswegs unpolitisch. Aber sie waren nicht primär konfrontativ. Als Rudi Dutschke Opfer eines Attentates wurde, reagierten die Studenten mit einer Demonstration in der Stadt Bochum. Aber sie erwarteten vom Rektor, dass auch er dort spreche. Und ich sprach von der Freiheit, die auch dem Außenseiter und dem zustehe, der bestehende Verhältnisse ändern wolle. Im Mittelpunkt der (hochschul)politischen Auseinandersetzungen stand in Bochum jedoch die Ordnung der Hochschule selbst. Monatelang verhandelten wir über eine neue Hochschulsatzung. Wer sich an die damaligen Kontroversen über Drittel- oder Viertelparität in allen Gremien, gleichberechtigte Mitwirkung der Studenten bei der Berufung von Professoren, das politische Mandat der Studentenschaft oder die Abschaffung des Disziplinarrechts erinnert, wird sich vorstellen können, was alles in diese Verhandlungen eingeführt wurde.
Eine Satzung, die als Bochumer Modell bekannt wurde
Letztlich gelang uns gleichwohl eine Satzung, die als Bochumer Modell bekannt wurde. Sie wurde erst geändert, als Nordrhein-Westfalen sein Hochschulrecht änderte. Die Studenten ließen sich überzeugen, dass sie nicht qualifiziert waren, ihre akademischen Lehrer auszusuchen. In getrennter Abstimmung stimmten sie der neuen Satzung zu. Das altehrwürdige Disziplinarrecht der Universität – einer der großen Streitpunkte, der fast eine Großversammlung beim evangelischen Kirchentag 1969 in Stuttgart gesprengt hätte – hatte in Bochum nie zur Diskussion gestanden. Wir mussten diesen Zopf nicht abschneiden.
Nur die feierliche Einführung des Rektors wollten wir beibehalten. Meine Einführung fand 1967 im vollbesetzten Bochumer Schauspielhaus statt. Drei Dinge sind mir noch gut in Erinnerung: Meine Antrittsrede zur kritischen Rolle der Rechtswissenschaft war zu lang, die Veranstaltung wurde nicht gestört und der Redner der Studentenschaft, der den Rektor im Namen der Studenten mit kritischen Worten begrüßte, hieß Christoph Zöpel. Er war damals gut und er blieb es auch im späteren Leben.

08:00
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17:58
warum mußte Biedenkopf eigendlich seinen Managerposten bei der Firma Henkel räumen????
12:39
Auch ich war damals als Schüler bei den Rote Punkt- Aktionen dabei.
Habe aber nicht studiert. Nach sehr langer Zeit habe ich aber feststellen müssen, dass die sog. Revuluzzer heute mehr als etabliert sind. Und von Damals verklährt sprechen. Mit dem einfachen Mann haben diese Leute heute nichts mehr zu tun.....
Sie sind z.T.schlimmer als Ihre Väter und Großväter.
Siehe Hartz IV usw.....
Soll ich dazu noch etwas sagen......
Außer schöne Musik und die Pille ist fast nichts mehr übrig geblieben!
Jedes zweite Wort von diesen Leuten heißt doch Sozialneid....
Das dies leider zu kurz gegriffen ist wollen die 68er und Hippis von DAMALS nicht mehr wissen.
Gruß
Deibel
14:43
Da hat das Gedächtnis den BO-Rektor aber arg im Stich gelassen...
Schließlich hat er den ersten Polizeieinsatz IN der RUB zu verantworten.Denn er hatte die Polizei gerufen um eine Sitzung/Besetzung durch das Studentenparlament in der Chefetage gewaltsam zu beenden.
Oder irre ich mich?
erdlinde
10:48
Ich kann viele Ihrer Gedanken nachvollziehen, weil ich 1968 dort mit meinem WIWI-Studium angefangen und es 1972 erfolgreich beendet habe.
Ich habe sehr gerne dort studiert und das ziemlich nahe Verhältnis zwischen Lehrkörper und Studierenden genossen, z.B. Prof. Ewalds Keller, RUB-Pub, viele sportliche Kontakte über das Sportinstitut. Gregor K. sei Dank!
Erschreckend für mich war 1968 die lautstarke Intoleranz einiger linker Hochschulgruppen gegenüber Thilo Koch, der den Zuhörern die Palästina-Israel-Problematik näher bringen wollte.
Die Rote-Punkt-Aktion gegen Fahrpreiserhöhung fand ich gut, weil sie den Gemeinschaftssinn förderte.
Gerne wohne ich noch heute in BO!