Betuwe-Lärm plagt die Anwohner
01.10.2009 | 07:24 Uhr 2009-10-01T07:24:00+0200
Oberhausen. Die letzten Herbstblumen wiegen sich im Wind, Blätter rieseln auf den akkurat gestutzten Rasen. Eine perfekte Idylle im Oberhausener Stadtteil Barmingholten – wenn nur die Bahn nicht wäre. Mal sind es schier endlose Güterzüge, die vorbeirattern, dann rauscht der ICE nach Arnheim durch.
Alle paar Minuten herrscht Funkstille zwischen den knapp 100 000 Menschen, die im Umfeld der 72,6 Bahnkilometer zwischen Oberhausen und Emmerich leben. Gegen den Lärm kommt niemand an. Die Betuwe-Linie – so heißt die nach einer Landschaft in der Provinz Gelderland benannte Strecke – macht stumm.
1867 Güterwaggons am Tag - Tendenz steigend
Leben entlang der Bahn. Wer wie in Barmingholten nur wenige Meter von den Gleisen entfernt sein Haus gebaut oder eine Wohnung gemietet hatte, wusste immer, dass ihn keine Oase der Ruhe erwartet. Doch dass der Verkehr auf der Betuwe derartig zunehmen würde, konnte niemand ahnen. Transporte von der Straße auf die Schiene zu verlagern – das klingt gut, wenn die Gleise entsprechend ausgebaut werden. Stattdessen rollen immer mehr Güterzüge über die unterdimensionierte Trasse. Stichwort: Taktverdichtung.
Im Dezember 1994 ließ die Stadt Dinslaken die Waggons zählen. Ergebnis: 234 Güterwagen in 24 Stunden. Im September 2006 waren es bereits 1867, Tendenz steigend. Mitunter gezogen von jenen legendären Dieselloks sowjetischer Bauart, die die Bahn nach der Wende aus DDR-Beständen übernommen hat. „Taiga-Trommeln” nennt der Volksmund die kilometerweit dröhnenden Ungetüme. Oder auch „Stalins Rache”
Verkehr wird sich verdoppeln
Erst im Juni waren 120 Vertreter aus Politik und Bürgerinitiativen vom Niederrhein nach Berlin gereist, um Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee zwei dicke Aktenordner zu übergeben. Inhalt: 15.488 Unterschriften für ein drittes Gleis, das zugleich Bedingung für den ersehnten Lärmschutz ist. „Nach Berechnungen der Deutschen Bahn wird der Verkehr auf der Betuwe-Linie von täglich 200 auf 400 Züge zunehmen. Das wird unsere Lebensqualität massiv beeinflussen”, erläuterte damals Bruno Ketteler, Bürgermeister der Stadt Rees und Sprecher der kommunalen Betuwe-Arbeitsgemeinschaft, dem Minister. Dessen Antwort fiel kryptisch aus: „Wir werden an Lösungen arbeiten”. Politikersprech eben, ohne konkrete Zusage, unbefriedigend.
Anlieger wie Christine Kelbassa aus Barmingholten oder der Sterkrader Manfred Flore sind Realisten. Ihnen geht es nicht darum, die stählerne Lebensader zwischen den holländischen Nordseehäfen und Genua einzuschnüren. Sie fordern nur das ein, was Bahn und Bund seit Jahren versprochen haben: Eben jenes dritte Gleis und die damit verbundene Verpflichtung, eine vier Meter hohe Lärmschutzwand zu bauen. „Wenn ein Zug kommt, kann man selbst bei geschlossenem Fenster nicht mehr telefonieren”, schildert Christine Kelbassa ihre Nöte. Und Manfred Flore, SPD-Ratsherr und Sprecher der Oberhausener Bürgerinitiative führt an, dass der Lärmteppich der Betuwe auch die Kleinsten in Verdrückung bringt: „Auf Spielplätzen können Eltern nicht mehr hören, wenn ihr Kind ruft.”
Auf über 1,2 Milliarden Euro werden die Kosten des Ausbaus geschätzt, bei dem es nicht nur um das dritte Gleis geht, sondern auch um den Wegfall und die Modernisierung von etwa 50 Bahnübergängen, sprich Über- und Unterführungen, an denen sich die meist armen Kommunen beteiligen müssen. In einigen Niederrhein-Gemeinden hat man die Kreuzung von Straße und Schiene schon beseitigt, denn die häufigen Wartezeiten an den Schranken nervten.
Baubeginn Mitte 2012
Wann beginnt der dreigleisige Ausbau, der auf holländischer Seit schon Mitte 2007 abgeschlossen wurde? Laut NRW-Bahnsprecher Gerd Felser sind die Vorplanungen 2009 abgeschlossen. Dann beginnt das Planfeststellungsverfahren. 18 Monate sind für die öffentliche Auslegung und Anhörungen angesetzt. Klagen könnten die Umsetzung weiter verzögern. „Wir fangen da an, wo wir Baurecht haben”, so Felser. Wenn „alles gut geht”, könnte das Mitte 2012 sein.
Haben Bund und Bahn überhaupt Geld für die Maßnahme? Bahnsprecher Hans-Georg Zimmermann (Frankfurt) sieht das Projekt auf einem guten Weg: „Die Strecke ist für uns wichtig”. Schließlich besagten Prognosen, dass der Güterverkehr nach der Wirtschaftskrise bald wieder zunehmen werde.
Manfred Flore hat schon zu viele Ankündigungen dieser Art gehört. Er bleibt vorsichtig: „Solange ich nicht sehe, dass hier eine Schüppe bewegt wird, glaube ich nicht, dass es endlich los geht.”

18:25
Lärmschutz ist möglich mit Untertunnelung oder neuen Schutzwänden. Das Geld muss investiert werden. Bei Autobahnen werden Milliarden Euro einfach bereitgestellt, beim Bahn-Lärmschutz dreht die Politik mal wieder jeden Euro um und ist geizig. Ausbaden müssen das die Anwohner. Typisch für die Verkehrspolitik.
23:49
Wieviele Güterwagen waren es denn 1984, 1974, 1964 und 1954?
Hier wird zum Vergleich die Zahl von 1994 präsentiert - gerade aus einem Jahr in dem Zeitraum in dem der Anteil der Bahn am Güterverkehr mit am geringsten war.
Ein Schelm wer...
19:33
an hazy:
Natürlich soll der Gütervrekehr von der Strasse. Am besten wäre für alle eine reine Güterstrecke unter Tage. Stört keinen und belastet auch keinen. Mit Untertage kennen wir Deutschen uns doch ganz gut aus ....Also nicht unser Geld den Banken und deren Chefs als Boni in den ***** blasen, sondern was wirklich gutes für unsere Region und für den Arbeitsmarkt machen.
19:29
Wenn man will kann man auch aufhören zu Atmen.
17:05
Wenn man will kann einen alles stören.
20:01
#2, hazy,
niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen.
Und früher hat auch niemand an 450 Züge pro Tag
gewusst.
Und irgendwann wird auch das 4. Gleis gebaut !
20:00
Ja, sehe ich auch so, der Autor ist ein Fachmann.
Noch mehr über die Betuwelinie findet man allerdings hier:
http://www.betuwe-sicherheit.de/
15:58
Wenn ich ein relativ günstiges Grundstück zum Bau eines Hauses in der Nähe einer Bahntrasse kaufe, muß ich damit rechnen das der Verkehr zunimmt.
Mache ich es nicht bin cih entweder naiv oder- und dumm.
Alle wollen den Verkehr, von der Strasse haben,
aber wo soll der Verkehr den hinn??
Da kommt das Prinzip zu Geltung überall nur nicht bei mir.
Das es nicht sehr schön ist wenn die Züge vor dem Fenster lang donnern, kann ich verstehen, aber was sollen die Anwohner einer großen Durchgangsstrasse z..B. (Glagdbecker B 224 ) in Essen sagen.
Da ist noch nicht einmal Raum für Lärmschutz.
09:29
Man merkt, dass der Autor des Artikels Fachmann ist! Aber die sogenannte Taigatrommel ist nach der Wende kaum aus dem Osten herausgekommen. Was hier so lärmt ist die exDDR-Reichsbahn Baureihe 132, genannt Ludmilla, da ebenfalls sowjetischer Bauart. Diese diesel-elektrische Lokomotive war viele Jahre unter anderem die Stütze der Interzonenzüge zwischen Helmstedt und Berlin. Die Bahn AG hat diese Loks dann unter der neuen Baureihennummern 232, 233 und 234 für den schweren Güterverkehr im Ruhrgebiet auserkoren, wo sie seitdem auf den elektrifizierten Strecken umherlärmen. Seit der Bahnprivatisierung vor über 15 Jahren wurde der Güterverkehr von der DB-AG und auch den vielen privaten EVUs (Eisenbahn Verkehrsunternehmen) trotz elektrifizierter Strecken zunehmend verdieselt, da der Einsatz moderner elektrischer Lokomotiven offenbar zu teuer ist. Ausserdem will man bei Fahrten in die Niederlande ein Umspannen der Lokomotiven im Systemwechsel-Bahnhof Emmerich vermeiden. Die DB fährt mit 15000 Volt Wechselstrom, die NS mit 1500 V Gleichstrom. Aber das interessiert ja sowieso keinen. Auch den BUND und andere Ökos nicht. Lieber den Bau eines modernen Kohlekraftwerks stoppen, als mal was gegen die ungefilterten Feinstäube der Dieselabgase von Lokomotiven, Schiffen (z.B. ankernde Kreuzfahrer-Stadtteile) und Baumaschinen zu tun.
Gute Fahrt und Tschüss