Beth Ditto: Stimme mit Gewicht
05.07.2009 | 08:34 Uhr 2009-07-05T08:34:00+0200Essen. Dicke haben es im Popgeschäft stets schwer gehabt, das wird Sängerin Beth Ditto mit der Band Gossip nicht ändern. Doch ihre Stimme und ihr unerschütterliches Selbstbewusstsein fordern Respekt – mehr als all ihre Vorgänger.
Spätestens als Karl Lagerfeld bei den Pariser Modewochen seinen Arm um die fülligen Schultern von Beth Ditto legte und sie für ihr Aussehen lobte, wurde eine Medienlawine losgetreten: „Dick ist schick” schrieben die Zeitungen und Zeitschriften, „Dick in Mode” oder zahllose Variationen desselben Themas. Die Sängerin der queeren Popband Gossip wurde plötzlich durchgereicht, viele meinten, dass sie „barocke Körper wieder salonfähig” mache. Tatsächlich ist dies eine Idee, die in einer vom Schlankheitswahn beherrschten Gesellschaft so originell und verführerisch zugleich erscheint, dass man sich ihr schwer entziehen kann. Richtig wird sie deshalb allerdings noch nicht.
Bemerkenswert in der ganzen Diskussion um Mode, Prominenz und Körpermaße blieb nur, dass das erstaunlich gute Indie-Album „Music For Men”, das die US-Band herausgebracht hatte, nicht ganz in Vergessenheit geriet. Und dass Ditto auf den Rummel mit verblüffender Gelassenheit reagiert: „Ich war immer der Freak der Saison”, sagte sie dem Musikexpress mit entwaffnender Selbsterkenntnis.
Hohes Körpergewicht gilt als verpönt
Tatsächlich hatten es Menschen mit Dittos Proportionen (95 Kilo verteilt auf 1,55 Meter) im Popgeschäft nie besonders leicht. Eher sogar richtig schwer. Denn die Dicken werden zumeist nicht wegen ihres Aussehens geliebt, sondern trotzdem – vorausgesetzt die Leistung ist so bestechend, dass man sie nicht mehr wegdiskutieren kann. Einem dünnen Sangessternchen würde man im Zweifelsfall die Talentfreiheit nachsehen, einer dicken Sängerin nicht. Aber Begabung besitzt Ditto im Übermaß: Eine kräftige, bluesige Stimme, die teils mit der Urgewalt einer Janis Joplin schreit, teils kiekst wie Blondie. Das beeindruckt, daran kommt man nicht vorbei.
Tatsächlich war es in der Popmusik seit je so, dass hohes Körpergewicht als verpönt galt, denken wir mal an Marius Müller-Westernhagen, der einen seiner größten Erfolge der Zeile „Darum bin ich froh, dass ich kein Dicker bin, denn dick sein ist 'ne Quälerei” verdankt. Oder die Ärzte, die „die fette Elke” schmähten („Ich stürzte in ihr Fettgewebe wie in eine Schlucht”). Das setzte sich in den USA fort, etwa bei Weird Al Yankovics Michael-Jackson-Parodie „Fat”.
Überflüssigen Pfunde als Synonym für Lebensfreude
Tatsächlich schafften es dicke Popmusiker hauptsächlich zum Erfolg, wenn ein Grotesk-Faktor im Spiel war. Meat Loaf etwa hatte sich schon sieben Jahre eher vergebens bemüht, bevor er die Rolle des schrägen Eddie in der „Rocky Horror Picture Show” bekam. Ohne seine plötzliche Bekanntheit wäre der Rockklassiker „Bat Out Of Hell” vielleicht völlig untergegangen.
Weiteres Beispiel für wuchtiges Grotesk-Talent: Ein grell überschminkter Transvestit namens Harris Glenn Milstead, besser bekannt unter dem Namen Divine, der in den 80ern seine Pfunde in neonpinke Stretchkleider presste und mit dem Statement „I'm So Beautiful” für die perfekt tanzbare Mischung aus Spaß und Irritation sorgte.
Dieses Befremden ist ein Phänomen, das sich vornehmlich auf den weißen Teil der Bevölkerung beschränkt. Unter schwarzen Musikern findet sich eine ganze Reihe von hoch respektierten Dicken, angefangen bei Fats Domino. Bei Aretha Franklin etwa oder bei den Weather Girls schienen die überflüssigen Pfunde sogar eher als Synonym für eine ausufernde Lebensfreude zu gelten.
Nacktfotos für ein Modemagazin
Und ein Musiker aus der ansonsten meist bodygebuildeten HipHop-Szene schaffte es gar, seine imposante Erscheinung zum Markenzeichen auszubauen: The Notorious B.I.G., der sich auch Biggie Smalls nannte und zu den prominentesten Vertretern des East-Coast-Rap gehörte, bevor er 1997 erschossen wurde. Selbst nach seinem Tod wurde B.I.G. noch abgöttisch verehrt, genau wie sein durchtrainierter Widersacher Tupac.
Und vielleicht schafft es Beth Ditto mit ihrem unverkrampften, unerschütterlichen Selbstbewusstsein ja zumindest, ebensolchen Respekt für all jene weißen Musikerinnen und Musiker einzufordern, die sich in ihrer Gewichtsklasse bewegen.
Die energiegeladene, lesbische Sängerin, eine enge Freundin von Kate Moss, findet jedenfalls nichts dabei, sich für Modemagazine nackt fotografieren zu lassen. Sie befreit sich auch bei Konzerten gern von überflüssigen Textilien. Und macht es somit ein wenig normaler, aus der Norm zu fallen. Oder wie Ditto es jüngst in einem Interview ausdrückte: „Heute ist es meine Aufgabe, ein 14-jähriges Mädchen davon abzuhalten, sich von einer Brücke zu stürzen.”
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Die Frau ist der Hammer, der Vergleich mit Meat Loaf bestechend. Man muss sie nicht schön finden, an ihrer Begabung kommt man nicht vorbei!