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Sozialpolitik

Besser leben mit Hartz IV

02.05.2009 | 14:36 Uhr

Gelsenkirchen. Man kann, wenn man gut wirtschaftet, sogar als Hartz-IV-Empfänger sparen, sagt eine Gelsenkirchener Familie – und macht sich damit nicht nur Freunde.

Lebensmittel: Rest 206,20 Euro. Kleidung: Rest 79,42 Euro. Strom: Rest 24,71. Hygiene-Artikel: Bleibt auch noch was übrig. „Man kann, wenn man will”, sagt Wilfried Fesselmann: vom Staat leben und sogar noch sparen! Das widerspricht nun allem, was man so hört, und allen, die gegen diese „moderne” Form der Sozialhilfe kämpfen: Man kommt einfach nicht aus mit Hartz IV.

Arbeit- und Geldgeber ist für ihn die Arge

Fesselmanns schon. Jedenfalls behauptet die Familie aus Gelsenkirchen das, im Fernsehen und in einem Buch: „Besser leben mit Hartz IV”. Eine Anleitung soll es sein, eine Sammlung guter Ratschläge, aber man kann das auch anders verstehen, das weiß Vater Fesselmann wohl: „Natürlich ist es immer besser, wenn man einen Job hat”, aber er hat nun einmal keinen, seit 2001 schon nicht. Dafür sieht er als seinen Job an, was er ist: arbeitslos. „Arbeit- und Geldgeber ist die Arge”, beschäftigt ist Wilfried Fesselmann – mit Anträgen, Nachweisen und Sparen. Deshalb ist das Bisschen, dass es beim Arbeitslosengeld II ab Anfang Juli mehr gibt, eine gefühlte „Gehaltserhöhung”.

Familie Fesselmann aus Gelsenkirchen-Bismarck lebt von Hartz IV, im Bild: Vater Wilfried (41 Jahre), Mutter Marion und Sohn Felix (8) im Wohnzimmer ihrer Wohnung Foto: WAZ, Martin Möller

Im Moment bekommt er 1335 Euro, ohne Miete, für alle fünf: Vater Wilfried, Mutter Marion, Sohn Dominik (16), Tochter Lisa (13) und den kleinen Felix (8). Gemeinsam haben sie vorgelebt, was der gelernte Kaufmann nun aufgeschrieben hat: „Es ist wirklich drin!” Man müsse nur „handeln wie der Teufel”, Schnäppchen jagen wie verrückt, gut kochen, geschickt einteilen und sich nicht schämen. Fesselmann nämlich, der redet nicht nur darüber, dass er Hartz IV kriegt, der schreibt es sogar – „und fürs Pfand hebe ich auch eine Bierflasche auf”.

Sein heißester Tipp aber ist – Zeit. Das einzige, wovon einer wie er genug hat: Morgens studiert er die Anzeigen der Discounter, schneidet Gutscheine aus, mittags kann er „die Mahlzeiten besser und günstiger kochen, als einer, der in der Pause was Fertiges kaufen muss”. Die Lieblingslimonade gibt es nur, wenn sie 55 Cent kostet statt 88, aber dann im Großpack, wie alles, was runtergesetzt ist. Gemüse wird blanchiert und eingefroren, Fleisch und Brötchen wandern in die Kühltruhe und werden portionsweise aufgetaut. Kleider gibt's vom Flohmarkt, in der gemütlichen Wohnung ist vieles selbstgebaut und Altes aufgehübscht, und wenn es zum Monatsende doch mal knapp wird, geht der Vater Pfand umsetzen.

Im Buch zeigt Fesselmann Fotos, von liebevollen Mahlzeiten und Mama Marion in Klamotten, die Überheblichen wie Resignierten beweisen sollen: „Man kann sich auch günstig und schick einkleiden.” Und Tochter Lisa, trotz Pubertät, will wirklich nichts einfallen, das fehlt: „Nö.” Für den Bereich „Verkehr” haben alle Kinder das Schokoticket (bleiben 410 Autokilometer), und fürs Telefonieren Billig-Tarife, „da bleibt definitiv was über!” Und da der Gesetzgeber unter diesem Posten auch „Post” vorsieht, findet Fesselmann, „da kann man noch Bewerbungen schicken”! Das alles belegt er mit Zahlen. Wenn auch: seinen Zahlen.

Er will helfen mit solch freundlichen Empfehlungen und keinen ärgern, aber natürlich hat er das längst getan. Im Internet häufen sich die Klagen derer, die eben nicht hinkommen mit Hartz IV: „Solche wie ihr machen alles kaputt!” Und es gibt viele Zweifler: Von nicht einmal 300 Euro für Essen kann eine fünfköpfige Familie doch nicht leben! Zumal: Vor dem Buch sind Fesselmanns vor allem im Fernsehen aufgefallen, meistens auf dem Boulevard. Nannten sich selbst „Fernseh-Familie”, ließen sich durchreichen von Talk- zu Spielshows – haben sie die Gagen eigentlich angegeben? Es gibt viele, die das gern wüssten.

Wilfried Fesselmann hat es geahnt und vorsorglich ins Vorwort seines Büchleins geschrieben, das nächste Woche erscheint: „Den Titel des Buchs bitte nicht falsch verstehen.” Es solle Mut machen und motivieren. Im virtuellen Gästebuch der Familie sind die kritischen Einträge inzwischen gelöscht. Im übrigen betont der Autor: Alle Einkommen würden ordnungsgemäß versteuert und der ARGE gemeldet. Und: „Was glauben die Leute eigentlich, was man beim TV verdient?”

Knackpunkt: Rauchen und übermäßig Trinken

Allerdings sagt er dann auch wieder Sätze, die manche nicht gern hören und andere schon deshalb allenfalls denken: „Es gibt viele, die schreien: Wir kommen nicht klar. Aber dann stehen sie morgens in der Spielhölle oder an der Bude, und dann weiß man warum.” Für Fesselmann gibt es „zwei Knackpunkte”, ohne die seine ganze schöne Rechnung nicht aufgeht: „Man darf nicht rauchen, und man darf nicht übermäßig trinken.”

Alles zu schön, um wahr zu sein? „Schön” ist bei Hartz IV wohl ohnehin das falsche Wort. „Natürlich würde ich lieber arbeiten”, sagt Wilfried Fesselmann. „Schlechter werden kann es eigentlich nicht.”

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Annika Fischer

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Kommentare
10.05.2009
12:11
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von Matthias.Kiesel | #127

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03.05.2009
20:58
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von Beatrix.Gutmann | #126

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03.05.2009
17:42
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von Matthias.Kiesel | #125

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03.05.2009
17:20
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von Matthias.Kiesel | #124

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03.05.2009
15:05
Besser leben mit Hartz IV
von BürgerDeutschlands | #123

Schaut mal auf ihre Webseite. Auf einmal ist er nicht mehr Arbeitslos, sondern hat einen Job:
Mein befristeter Arbeitsvertrag ist jetzt Ende April ausgelaufen und konnte wegen Wirtschaftskrise nicht verlängert werden.

Ebenfalls hat er mehrere Weiterbildungen von der ARGE vermittelt bekommen:

Erst als Web-Designer, dann als MultiMedia-Fachmann.

Trotzdem schafft er es nicht auf die Beine zu kommen. Egal, für mich stimmt da etwas nicht. Was solls. An der ganzen Sache stimmt etwas nicht.
http://www.mari-on-art.de/index.html

03.05.2009
13:54
Besser leben mit Hartz IV
von spectator | #122

...und hier noch ein interessanter BLOG zum Thema:

http://www.bildblog.de/7725/wie-man-das-meiste-aus-hartz-iv-rausholt/

03.05.2009
12:48
Besser leben mit Hartz IV
von spectator | #121

Da der Liebe Herr Fesselmann auch in der BILD einen fetten Artikel hatte, der dem in der WAZ sehr ähnlich war, hier einmal ein paar Fragen.
Dem Bericht zufolge lebt es sich sehr luxuriös mit den Sätzen . Die beschriebene Familie hält sich also unmittelbar an die Vorgaben der Regelsätze der Agentur. Das kann so nicht stimmen. Wenn die Fesselmänner ca.16.000 € im Jahr einnehmen – Hartz IV – können sie natürlich ihre Schulden um jährlich ca. 25.000 € wieder abbauen, das ist Logik pur! Hat der Verfasser nicht mitgerechnet – und das als ehemaliger Buchhalter? Ferner gibt es Hartz IV erst seit 2005!
Die Familie hat nach eigenen Aussagen 491,52 € für Lebensmittel im Monat zur Verfügung, sparen davon aber 250 € und zwar durch die Tafel. Das ist ein Missbrauch der Tafel. Nur die Menschen, die in unmittelbarer Not sind, haben einen Anspruch auf Hilfen der Tafeln, dazu sind diese eingerichtet. Diese Familie, die in der Bild als Vorzeigearbeitslose tituliert sind, ist alles andere, aber nicht vorzeigbar. An dem Zeitungsbericht stimmt so ziemlich nichts, dieser Bericht gibt den Ist-Zustand garantiert nicht wieder, er nutzt nur denen, die meinen, dass man von den Sozialleistungen sehr gut leben kann. Das angepriesene Buch erinnert stark an die Veröffentlichung des Hartz IV – Kochbuches, es ist realitätsfremd und völlig unbrauchbar.
Hier bleibt nur zu Hoffen, dass der Verfasser die Gewinne seines Buches auch entsprechend der Agentur meldet. Wer finanziert eigentlich diese Bücher?

03.05.2009
11:26
Besser leben mit Hartz IV
von HartzV | #120

Zu den Fakten

Studie zu Hartz IV (für Betroffene kostenlos!)
www.ispa-ge.de
Harte Zeiten

03.05.2009
11:15
Besser leben mit Hartz IV
von jammerlappen | #119

#117
ganz meine Meinung!
Vor allem hätte man bei der WAZ (von diesem Revolverblatt mit den großen Buchstaben weiß man ja, dass die von Recherche nichts halten wenn die ein nicht genehmes Ergebnis brinmgen könnte) erwartet, dass nicht irgendeine Story völlig kritiklos und offenbar ohne Recherche übernommen wird um einen Aufmacher zu finden. Von wegen überparteilich usw. Meinungsmache auf dem Niveau irgendwelcher üblen Gazetten aus radikaler Richtung. Da überlegt man sich ernathaft, ob man so was noch als Tageszeitung lesen möchte.
Bei dem obenerwähnten Revolverblatt geht man als halbwegs gebildeter Mesnch ja davon aus, dass 90% an der Recherche vorbei formuliert wird. Da geht es nicht um wahrheitsgetreue Darstellung sondern nur um Auflage.
Das die WAZ ähnlich parteitreu ins gleiche Horn stösst widert einen wirklich an.
Vielleicht wäre was zu retten, wenn man noch mal nachrecherchiert und einen tatsächlich objektiven Bereicht schreibt.

Noch mal kurz zu dieser Familie F. In einem der Filmberichte wird dann kundgetan, dass Herr F. 39 sei und seit 8 Jahren arbeitslos ist. Er sei Buchhalter gewesen, D.h. im Umkehrschluss, er ist mit 31 Jahren arbeitslos geworden. Ausserdem wird erwähnt, er habe um die 100 Bewerbungen geschrieben in dieser Zeit. In 8 Jahren ist das nicht wirklich viel, oder? 15 Bewerbungen im Jahr? Das ist ja an Lächerlichkeit kaum noch zu überbieten.
Die, die diese Familie jetzt aufs Tablett heben wollen sollten spätestens an diesem Punkt feststellen, dass da wohl was nicht stimmt. Wer mit 31 im kaufmännischen Bereich keine Arbeit mehr gefunden hat lügt entweder, oder er hat sich schlicht nicht gekümmert. Wahrscheinlich hat er deshalb sein Alter dann auch in weiteren Sendungen nach oben korrigiert, damit sich der Vorgang nicht mehr ganz so albern anhört.

Wahrscheinlich lesen wir als nächstes in der WAZ, dass die arme Familie F. sich in psychiatrische Behandlung begeben musste, weil sie doch so fällig zu Unrecht von allen Seiten angefeindet wird obwohl sie doch nur das Gemeinwohl retten wollte.

Es ist wirklich zum Kotzen!

03.05.2009
10:49
Besser leben mit Hartz IV
von peter winzer | #118

Man zieht in diesem Dr...Blatt nur über die ärmsten her,denen kann man ja auch alles unterstellen.Über die Bankvorstände und Wirtschaftsverbrecher hüllt man sich lieber in Schweigen.So eine Presse kotzt einen einfach an.

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