Berthold Beitz wird 95 Jahre alt
26.09.2008 | 13:02 Uhr 2008-09-26T13:02:00+0200Essen. Berthold Beitz wird heute 95 Jahre alt. Der Herr der Ringe steuert seit 55 Jahren die "Firma". In der Stiftung hält der Top-Manager auch heute noch die Fäden fest in der Hand
Wer in diesen frühherbstlichen Tagen durch den riesigen Park fährt, der spürt das Besondere dieses Ortes. Der gepflegte Rasen, die Blätter der mächtigen Bäume, die sich zu färben beginnen, die imposante Villa selbst - all das erinnert an die große Zeit der Krupps. Der grüne Hügel über dem Baldeneysee ist ein historischer Fleck. Das spürt der Besucher. Hier trafen sich gekrönte Häupter, Präsidenten, die mächtigsten Männer ihrer Zeit. Oberhalb der Villa schlägt das Herz der Krupp-Stiftung, hier residiert in alter Frische Berthold Beitz.
An diesem Ort arbeitet kein normaler Manager, hier laufen noch immer die wichtigen Fäden des Thyssen-Krupp-Konzerns zusammen, "Der letzte Krupp", wie man ihn gerne nennt, der "Herr der Ringe" und "Hausmeier" wird heute 95 Jahre alt. Ein Jahrhundertmann, der seit nunmehr 55 Jahren der "Firma" treue Dienste leistet. Berthold Beitz: "Krupp - das ist mein Leben."
Als Beitz 1953 von Hamburg nach Essen zog, war er revierfremd und hatte von Kohle und Stahl nur wenig Ahnung. "Das lernen Sie schnell", sagte damals der Mann, der ihn im November des gleichen Jahres zu seinem Generalbevollmächtigten gemacht hatte: Alfried Krupp von Bohlen und Halbach. Der letzte Krupp hatte Vertrauen zu dem damals 39-jährigen Iduna-Manager, dessen Wiege in Zemmin in Vorpommern stand. "Er wollte den Blick von außen, nicht verbandelt mit den Familien, den Cliquen, den Konzernhierarchien."
Beitz folgte dem Angebot des Essener Konzernchefs, "weil ich ihm vertraute." Für ein, wie es heißt, damaliges Jahresgehalt von einer Million D-Mark. Der Krupp-Manager erinnert sich: "Auf der Fahrt nach Essen blieb der Zug in Bochum stehen, und ich sah ein Schild "Bochumer Verein". Ich dachte damals, das sei der örtliche Fußballclub. Kurze Zeit später haben wir die Schmiede gekauft."
Mit Beitz begann der Wiederaufstieg des zerbombten Konzerns. Der agile Manager stoppte die Demontage, kurbelte das Ostgeschäft an, sorgte dafür, dass der Name Krupp wieder international Anerkennung fand. Berthold Beitz: "Es ist uns damals gelungen, die Zerschlagung von Krupp abzuwenden und aus dem Konglomerat von Firmen einen leistungsfähigen Konzern aufzubauen über alle Hindernisse hinweg - auch über den frühen Tod von Alfried Krupp 1967 hinaus. Seit 55 Jahren arbeite ich nun hier in Essen mit dem Ziel, sein Unternehmenskonzept zu bewahren und den Namen Krupp hochzuhalten. Das will ich meine Lebensaufgabe nennen. Sie erschöpft sich nicht darin, allein die Tradition des Unternehmens zu pflegen. Mindestens so wichtig ist es, das Unternehmen auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten." Täglich gegen 10 Uhr sitzt Berthold Beitz am Schreibtisch der Stiftung. Ohne ihn geht nichts, mit ihm ist alles möglich. Er ist der Vollstrecker im Sinne seines Freundes Alfried Krupp, dem er bis heute treu dient.
BB ist damit einer der letzten Vertreter einer der großen Dynastien an der Ruhr. Er herrscht auf dem Hügel mit Charme, Härte, Disziplin, Charisma, Überzeugungskraft, Weitblick - ein Mann mit Prinzipien, für den auch heute noch ein Handschlag mehr bedeutet als ein Stück Papier. Und was ihn besonders auszeichnet: Er versteht es, Menschen an sich zu binden. US-Präsident Kennedy sagte einmal über ihn: "Endlich ein Deutscher ohne Komplexe."
Im Zweiten Weltkrieg retteten er und seine Frau Else, mit der er 69 Jahre verheiratet ist - das Paar hat drei Töchter, sieben Enkel und sieben Urenkel - über 1000 jüdische Mitbürger vor dem Tod. Beide sind heute "Gerechte der Völker" von Yadvashem in Israel.
Die Stiftung, deren Gründung Alfried Krupps letzter Wille war und heute mit 25,1 Prozent größte Anteilseignerin des Thyssen-Krupp-Konzern ist, steht für Zukunft, für Bildung, Wissenschaft, Medizin, für Kunst und Kultur. Mit einem Vertrag auf Lebenszeit wacht der 95-jährige wie ein guter Patriarch über die Ziele und die realen Maßnahmen der Stiftung.
Beitz erzählt: "Wenn ich am letzten Tag auf Sylt bin, pflücke ich einen kleinen Strauß mit Dünenblumen. In Essen zurück, gehe ich am anderen Tag zum Grab von Alfried Krupp, lege die Blumen auf den Grabstein und spreche mit ihm. Ich frage: Mache ich alles in Deinem Sinne?"
> Fotostrecke: Der 'Herr der Ringe' wird 95 - Bilder aus Beitz' Leben

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