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Ausgefeilte Technik

07.05.2010 | 19:28 Uhr
Ausgefeilte Technik

Dortmund. Kunstnägel im Kommen: In Deutschland ist ein Konkurrenzkampf um die Fingernägel vor allem der Frauen entbrannt. Billig-Nagelstudios machen alteingesessenen Nagel-Modellisten immer mehr Konkurrenz. Da tun Experten-Tipps Not, woran gute Nagel-Designer zu erkennen sind.

Solch zugespitzte Kunstnägel nennt man Stilettos. Foto: BDND

Die Sehnsucht nach Makellosigkeit in einer Gesellschaft, in der immer mehr Körper künstlich aufgepeppt werden, reicht bis in die Fingerspitzen. Falsche Fingernägel galten in Deutschland – anders als zum Beispiel in den USA – bis vor einigen Jahren als Phänomen vor allem der Rotlicht- Szene. Heute lassen sich Frauen jeden Alters und jeder Gesellschaftsschicht – und einige Männer – ei­nen Satz Kunstnägel aufsetzen.

Regina Dridi hat die Anfänge und den jüngsten Boom dieser Branche mitgemacht. In Dortmund verpasst die gebürtige Berlinerin Frauen seit 1997 künstliche Nägel. Ihre Palette reicht von schlichten langen Nägeln über bunte bis hin zu Nägeln mit Strass-Steinchen, Blumen- oder Nikolaus-Bildern sowie Deutsch­land-Fähnchen zu Zeiten von Fußball-Weltmeisterschaften.

Daheim-Arbeit

Die 54-Jährige selbst trägt seit drei Jahrzehnten künstliche Nägel – „ohne Unterbrechung“. Auf die falschen Nägel kam Dridi über eine Bekannte, probierte es selbst und befand: viel stabiler und praktischer als stetig abblätternder Nagellack. Später belegte sie einen Nagelmodellage-Kurs bei ei­ner Firma, die Kunstnägel und Zubehör herstellt und machte sich selbstständig.

Einst hatte Dridi ein Nagelstudio, in dem auch eine Kosmetikerin sowie eine Fußpflegerin arbeiteten, und teils 14-stündige Arbeitstage. „Jeden Monat wurde der Umsatz besser“, sagt sie. Dann, im Januar 2002, löste der Euro die D-Mark ab. „Mit der Euro-Einführung kam die Stagnation.“ Zugleich kam der Falschnagel-Trend aus den USA endgültig auch bei Frauen in Deutschland an. Immer mehr Billig-Nagelstudios öffneten, die Konkurrenz wuchs. 2006 entschloss sich Dridi, ihren Laden zu schließen und zu Hause Nägel ihrer Kundinnen schön zu machen. Die Kundinnen kommen im Schnitt monatlich, um ihre Kunstnägel wieder aufzuhübschen zu lassen.

„Jeder kann ein Nagelstudio aufmachen“

Nagel-Modellistin Renate Dridi bei der Arbeit. Foto: Matthias Graben

Etwa eineinhalb Stunden hält Dridi in ihrem cremefarbenen Arbeitszimmer die Hände der Kundinnen, um mit einem Satz Kunstnägel die echten zu überdecken; 50 bis 60 Euro verlangt sie dafür. Das ist deutlich mehr als das, was Billig-Nagelstudios verlangen. Teenager und junge Frauen gehen für ihr erstes Kunstnagel-Mal heute dorthin statt zu erfahrenen Modellistinnen wie Dridi.

Diese Entwicklung missfällt vielen alteingesessenen Spezialistinnen. „Für diese Ar­beit am Menschen mit Chemikalien gibt es keine einheitliche Ausbildung in Deutschland, moniert Terri Malon, Ge­schäftsführerin des Bundesverbands Deutscher Naildesigner (BDND). „Jeder kann ein Nagelstudio aufmachen.“

Schwarze Kunstnagel-Schafe

Malon, die früher selbst als Nagel-Designerin arbeitete, zählt mögliche Folgen stümperhafter Arbeit auf: Blutige durchgefeilte Nägel, von Chemikalien geschädigte Haut um den Nagel. Doch auf die Technik kommt es an. Nagel-Designer arbeiten mit Kunststoffen und Werkzeugen, die teils aus der Zahnarztbranche kommen. In Dridis Arbeitszimmer stehen Fräser oder Spatel. Sie raue Kundinnennägel aber vor allem mit Feilen auf, um dann Klebemittel und Kunstnägel aufzutragen, sagt Dridi.

Verbandschefin Malon wirbt emsig, aber bisher erfolglos für eine bundesweit einheitliche Nagel-Designer-Ausbildung. Immerhin: Neben kurzen Kursen bei Firmen, die die Materialien für Kunstnägel vertreiben, offerieren nun einige Handwerkskammern in Deutschland Kurse.

Handwerkskammer-Ausbildung

Es geht auch in knallpink. Foto: ddp

In NRW bietet lediglich die Handwerkskammer Düsseldorf eine Ausbildung an. Nach 20 Kurstagen und bestandener Prüfung gibt es den Titel „Nail-Assistent(in)“. Doch seit 2007 absolvierten nicht einmal 25 Menschen diesen etwa 2000 Euro teuren Kurs. Mehr, rund 200 Menschen, legten dagegen die – nachfolgende – Prüfung zum „Nail Designer“ ab. Voraussetzung: Sie müssen et­wa zwei Jahre in der Branche gearbeitet haben. Die Durchfallquote bei der 250 Euro teuren Prüfung ist jedoch hoch: 20 Prozent schaffen es nicht.

Meist sind es Frauen zwischen 20 bis 40 Jahren, die diesen Beruf ergreifen, sagt Kammer-Experte Wolfgang Zander. „Und viele Migrantinnen steigen ein.“ Laut Verbandschefin Malon ist das Nageldesigner-Dasein vor allem für Mütter attraktiv, die keine festen Arbeitszeiten möchten.

Gut zum Gitarrespielen

Natur-Look - aber künstlich. Foto:BDND

Sie alle buhlen um eine wachsende Kundschaft. Diese will nicht nur auffällige Nageldesigns. Frauen verbergen brüchige Nägel unter schlichtem Kunststoff, um ihre Finger wieder ohne Scham vorzuzeigen.

Einige Männer entdecken ebenfalls die Vorteile künstlicher Schönheit. So ließ sich ein Gitarrist falsche Nägel aufsetzen. Nicht der Makellosigkeit wegen: Er wollte beim Gitarrespielen auf das Schlag- und Zupfplättchen (Plektron) verzichten.

EXPERTEN-TIPPS

Terri Malon vom Bundesverband Deutscher Nail-Designer (BDND) gibt Tipps, was gute Nagel-Modellisten ausmacht:

Branchen-Infos
50 000 Designer

In Deutschland gibt es nach Experten-Schätzungen 45 000 bis 50 000 Nageldesigner. Sie machen jährlich mindestens 3,5 Milliarden Euro Umsatz. Genaue Zahlen seien schwer zu ermitteln, da sich im Prinzip jeder Nageldesigner nennen könne, so der Bundesverband Deutscher Naildesigner. Denn eine Standard-Ausbildung gibt’s nicht.

- Es gibt mehrere Arten, sich künstliche Nägel machen zu lassen:
1. Ein künstlicher Fingernagel („Tip“) wird aufgeklebt und in die gewünschte Form gefeilt. Dann wird er mit Kunststoff überzogen und gehärtet. 2. Beim Gel-System wird eine Schablone unter den Fingernagel gesetzt. Dann wird ein Gel aufgetragen und dies unter einer UV-Lampe ausgehärtet. 3. Beim Acryl-System wird ein lufthärtender Kunststoff ebenfalls mit einer Schablone auf dem Nagel modelliert. Das muss schnell gehen, da dieser Kunststoff schnell trocknet.

- Erkundigen Sie sich, welche Ausbildung der Nagel-Designer absolviert und wie viel Erfahrung er gesammelt hat. Gute Arbeit kostet Geld - Profis machen Nägel nicht zum Billigpreis.

- Ein kostenloser Probenagel sollte kein Problem sein - so können Sie testen, wie der Nail-Designer arbeitet.

- Der Nail-Designer sollte auf Hygiene Wert legen: Er muss darauf achten, dass seine und die Hände der Kunden vorher gewaschen und eventuell desinfiziert werden. Ebenfalls ein Plus: Der Nail-Designer trägt bei der Modellage Handschuhe und einen Mundschutz - wegen des Feinstaubs, der beim Nägelfeilen entsteht.

Sabine Brendel



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