Aufstand gegen den Unsichtbaren
06.03.2009 | 18:25 Uhr 2009-03-06T18:25:00+0100Heinsberg. Im rheinischen Randerath gehen die Leute nun täglich auf die Straße und demonstrieren gegen Karl D., den verurteilten Vergewaltiger unter ihnen. Obwohl ihn noch niemand gesehen hat, hat er das Dorf bereits verändert.
Er ist überall. Er schwebt über diesem Dorf, er beherrscht jedes Haus, die 1400 Bürger darin und noch die Kreuze an jeder Straßenecke, er ist so präsent wie ein Mensch überhaupt präsent sein kann im Denken, Reden und Leben anderer Menschen. Es ist, als bestehe Randerath nur aus ihm: Karl D. Dabei ist er unsichtbar.
„Keiner hat ihn gesehen”, sagen die Leute, und wie sollten sie auch: Seit er unter ihnen ist, dieser Mann, der aus Bayern kam und dort aus dem Gefängnis, der drei Mädchen vergewaltigte auf grausame Weise, ist er nicht herausgekommen aus der Wohnung seines Bruders. Das weiß man sicher in Randerath, sie haben das Eckhaus im Blick: die zugemauerte Tür, den neuen Eingang mit nur einer Klingel, die verwitterte Fassade, an der „Wellness” steht und „Beauty”, obwohl das Gebäude nach beidem nicht aussieht. Und das Kettcar vor der Tür.
"Noch beschützt man dich. Wir wissen, wie du aussiehst"
Da bewegt sich gar nichts, man könnte es auch nicht erkennen hinter den schwarz verhängten Scheiben. Niemand öffnet die Tür, nicht einmal für den Briefträger. Nur der Bruder verlässt morgens das Haus. „Man muss auch an die Familie denken”, sagt leise die Bäckersfrau, „unbescholtene Leute”, seien das, die allerdings niemand im Ort kennen will. Nicht einfach, bestätigen die Polizisten, die tagein, tagaus in ihrem Zivilauto gleich gegenüber sitzen, mit Fernglas und einem Foto von D. Es sieht dem ähnlich, das jeder im Dorf kennt und das die Wirtin im Bistro „Zur Post” in ihren Schaukasten gehängt hat: ein Endfünfziger mit eckiger Brille unter dem Aufruf „Passt auf eure Kinder auf!”.
Es ist dasselbe Bild, das auch auf dem Transparent prangt, das die Bürger von Randerath nun allabendlich an „seine” Kreuzung tragen: „Noch beschützt man dich”, haben sie darauf geschrieben. „Wir wissen, wie du aussiehst.” Hundert und mehr sammeln sich jeden Tag, sie nennen es „Mahnwache”, rufen „Kinderschänder raus” und ranzen jeden an, der vorbeikommt und nicht mitmacht: „Weißt du nicht, wofür wir das tun?” Für alle Familien, die „so einen” nicht nebenan haben wollen, sagt die Bäckersfrau, man wisse ja nicht, wo der morgen sei, und schließlich: „Was sollen wir denn machen?”
Das nun gerade nicht, meint der Ortsvorsteher. Heinz Franken hat einen etwas verweifelten Brief geschrieben, in dem er die „lieben Bürger” bittet, nicht „wie im Mittelalter unter Gewaltandrohung Menschen aus dem Dorf zu jagen. So werden wir selbst zu Tätern.” Man möge doch Abstand nehmen von weiteren Aktionen am Wohnhaus, schreibt Franken. Karl D., der auch ihn „mit großem Unbehagen” erfülle, nennt er in seinem Brief „die Person”.
Kein Recht auf Rechte
Dabei ist „die Person” womöglich gar nicht mehr das eigentliche Problem von Randerath. Denn D., sagt die Wirtin Barbara Wendt-Lindau, „ist von allen Seiten abgeschottet. Besser können wir es gar nicht haben.” Und doch hat Er das Dorf verändert: Wo sonst nichts Wesentlicheres vorkommt als die Jahreshauptversammlung der Schützenbruderschaft oder das Anangeln, sind plötzlich Schaulustige in der heilen Welt und Schauergeschichten, die bis nach Holland weitererzählt werden!
Kein Recht auf Rechte
Schon wegen des Verkehrs, sagt Wendt-Lindau, könne man die Kinder nicht mehr draußen spielen lassen. Und weil es ein paar Radikale geben soll, die sich unter die Mahnwächter mischen. Man hat hier jetzt Angst zu haben, den Nachwuchs im Haus zu halten, zu demonstrieren und Sätze zu sagen wie „Der hat keinerlei Recht auf Menschenrechte!” Als Schüler darf man nur noch drinnen zum Klo, und als Kindergartenkind muss man wissen, dass „ein böser Mann” in der Nähe ist. Der sechsjährige Enkel der Wirtin hat gesagt: „Ich will hier nicht mehr wohnen.”
Solche Dinge sind es, die seiner Großmutter Sorgen machen: „Dieses kleines Dörfchen kann doch mit all dem gar nicht umgehen. Unsere Ruhe ist in Gefahr!” Nur ist es damit schon vorbei. Und man wird noch bis mindestens Mitte April warten müssen, bis sie zurückkehrt, vielleicht. Erst dann wird entschieden, ob Karl D. vielleicht doch noch in Sicherungsverwahrung muss. Randerath im Rheinland wird dann nicht mehr dasselbe sein.

17:06
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21:16
es müßten von tag zu tag immer mehr Menschen kommen um zu Demonstrieren ,nicht nur in Randerath haben Sorgen um Ihre Kinder sondern auch alle anderen auf der ganzen Welt ,Ruhe gibt es erst wenn wir härtere Gesetzte bekommen ,so wie die Todesstrafe für solche und auch für Mörder ,dann würde es bestimmt anders werden
18:38
Als er seine Taten begann, hatte ihn leider auch keiner gesehen. Also weiter demonstrieren, bis er wieder in Haft ist.
12:16
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20:37
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