Armenhäuser des Ruhrgebiets liegen im Norden
10.11.2009 | 10:44 Uhr 2009-11-10T10:44:00+0100Bochum. Die Situation abgehängter Stadtteile verfestigt sich. Denn schlechte Bildungschancen werden allzu oft vererbt. Der Bochumer Soziologe Klaus Peter Strohmeier hat die Verteilung der Armut im Ruhrgebiet untersucht. Die Armenhäuser des Ruhrgebiets liegen vor allem im Norden.
Es ist schlimm, wenn alle Vorurteile bestätigt werden, aber die Statistik ist gnadenlos: Professor Klaus Peter Strohmeier sagt, er brauche nur die Adresse eines Schulanfängers zu kennen, um seinen Gesundheitszustand einschätzen zu können. Im Essener oder Mülheimer Süden sind drei Viertel bei der Schuleingangsuntersuchung „ohne Befund”. In den nördlichen Stadtteilen ist weniger als ein Viertel vollkommen gesund. Der Bochumer Soziologe sagt: „Wo vor 55 Jahren das Wunder von Bern entstand, in den Arbeiterstadtteilen im Norden des Reviers, ist heute rund ein Drittel der Kinder stark übergewichtig und kann nicht mehr auf einem Bein stehen.” Also auch in Schalke.
Armut macht krank, und sie geht oft einher mit Vereinzelung, Hoffnungslosigkeit und schlechter Bildung – dem Armutsrisiko Nummer eins. Aber warum nur bleibt die Adresse der Armut immer dieselbe? „Schlechte Bildungschancen werden in der Familie sozial vererbt!”
Tatsächlich folgt die Armut im Ruhrgebiet noch immer geologischen Linien – der Lage der Flöze. Die Kohle lag im Süden des Reviers nahe an der Oberfläche und gen Norden tiefer. Von Süden nach Norden wanderte auch der Bergbau mit seinen Arbeitern. Sein Niedergang hat also vor allem den Norden getroffen.
Abi-Quote in Gelsenkirchen nur halb so hoch wie in Münster
Und die Armut verfestigt sich heute in der Emscherzone. Überall, wo 1987 (bei der letzten Volkszählung) die meisten Arbeiter lebten, ist heute die Arbeitslosigkeit besonders hoch. Damals reichte für die Menschen der Volksschulabschluss, heute verlassen hier besonders viele Jugendliche ganz ohne Abschluss die Schule. „Die Abi-Quote in Gelsenkirchen beträgt 23 Prozent. Die Hälfte von Münster.” Selbst die Sonderschulquote ist abhängig von der Adresse.
Es gibt noch weitere Anhaltspunkte, wenn der Forscher ungleiche Lebenschancen misst. Der Ausländeranteil steht automatisch im Verhältnis zur Hartz-IV-Quote – was kein Wunder ist, denn die türkischen Arbeiter wurden rund um die Zechen und Hütten angesiedelt, wie zuvor die Polen.
Die meisten Kinder wachsen heute in den benachteiligten Stadtteilen auf. Im Süden der A 40 sind die Städte deutlich älter. Eigentlich braucht der Forscher aber nur auf die Wahlbeteiligung zu schauen, aus dieser Sicht sind die Abgehängten: „Gestaltungspessimisten in demokratiefreien Zonen.” Demokratiefrei? So muss man es wohl nennen, wenn mehr als 70 Prozent der Berechtigten nicht wählen.
Die neue Mitte gibt es nirgends
Armut geht einher mit hoher Verdichtung – da benimmt sich das Ruhrgebiet wie jede Großstadt. Die Mittelschicht ist an die Ränder der Städte und der Region gezogen. Deswegen kann Strohmeier sagen: „Die neue Mitte gibt's nirgends.” „Einen Stadtteil mit einer durchschnittlichen Arbeitslosenquote finden Sie etwa in Bottrop nicht”, erklärt Strohmeier. Eher verschärfen sich die Gegensätze zwischen Oben und Unten. Die neue Lücke müssten die Parteien eher umwerben, einen Zukunftsmarkt, wenn die Abgehängten wieder wählen gehen würden.
Wie also kann man diesen Teufelskreislauf durchbrechen? „Es sind nur dauerhafte Erfolge zu erzielen, wenn man in Kinder investiert und früh die Eltern einbezieht”, sagt Strohmeier. Und lobt den Ansatz von Familienminister Armin Laschet (CDU), Kindergärten zu Familienzentren weiter zu entwickeln.
Als vorbildlich sieht der Forscher auch das Projekt Soziale Stadt in Gelsenkirchen-Bismarck an: „Keine Gewaltkriminalität, der Trend zu immer mehr Leerständen ist gestoppt, ebenso der Fortzug.” Und an der ev. Gesamtschule machen alle Schüler einen Abschluss. Wie das geht? Die Schüler werden am Bau ihrer Klassenräume beteiligt, die Mieter am Umbau ihrer Wohnungen. Die zentrale Idee ist: Selbermachen! Das schafft Selbstvertrauen und soziale Bindungen. Damit schlechte Adressen irgendwann zu guten werden.

14:12
@ gelegentlicher Bahnfahrer
Korrekt lautet der Spruch: Si (und nicht Sic)tacuisses, philosophus mansisses.
(aus Trost der Philosphie, Boethius)
13:30
Für Seife und für Bücher sind immer genug Geld da.
Na, dass hasste jetzt davon. Zehnmal am Tag gewaschen und für das andere war kein Geld mehr da.
13:27
@ #51 von fliegepuk;
Privatier --> wer hat der hat, muss man sich allerdings leisten können ... ;-))
Nur kein Neid, bitte ...
13:25
„Es sind nur dauerhafte Erfolge zu erzielen, wenn man in Kinder investiert und früh die Eltern einbezieht”,
Ich bin selten hier auf DerWesten, aber wenn ich solche Empfehlungen lese, tanzt bei mir die Tastatur. In Kinder investieren? Nein. In Schulen, in Ausbildung, berufliche und akademische, in Weiterbildung investieren. Andererseits, die Besteuerung der Unternehmensgewinne erhöhen, wenn nicht wieder produktiv refinanziert wird. Heute sind Unternehmensgewinne priviligiert, wenn sie irgendwo investiert werden, zum Beispiel an der Börse. Sozialleistungen ans Fordern koppeln. Gesetzlich festgelegte Mindestlöhne. Gerade die Verbindung zwischen (a) relativ hohen Sozialleistungen und (b) relativ niedrigen Einstieglöhnen bewirkt die Schraube nach unten.
Arbeiten muss sich wirklich wieder lohnen und Sozialtransfer muss die Ausnahme bleiben.
13:12
@ bran: falsche Einschätzung. Ich entstamme einer Familie, die bis etwa 1960 der Arbeiterklasse angehört hat, aber Bildung (or whatever) immer geschätzt hat und den Leitspruch hatte Für Seife und für Bücher sind immer genug Geld da.
In Ihrem Kommentar 40 setzen Sie Bildung mit Talent gleich, zumindest ist es so zu vermuten wenn Sie Bildung (Talent) schreiben.
13:12
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13:12
Vielleicht sollte man über diese Statistik noch den Anteil der Spd sowie Linken Wähler hinzufügen
und um das ganze abzurunden die Religionszugehörigkeit.
Da wundert es einen nicht das man in diese Regionen einen viel höheren Zinssatz bei den Banken bezahlen muss.
Klar ein Haus in das eine türkische oder schwarze Familie zieht lösst sofort einen Fall der Grundstückspreise nach unten mit sich.
Einige Banken und die Sparkasse finanzieren in diesen gleichen laut CIA Bericht Bürgerkriegs gefährdeten Gebieten garnichts mehr.
--- aber wo auf der Erde gibt es diese
seit Menschengedenken geprägten Unterscheidungen nicht ---
mal sonne doofe Frage in die Welt geschrieben.
Was ist eigentllich verkehrt daran wenn der Sohn eines Bäckers auch Bäcker wird .Der Vater seinem Sohn die alten Techniken bebringt und das Brot auch noch schmeckt.
Warum muss Bergmanns Anna eigentlich studieren wo es ihr schon schwer fällt in der Mensa richtig mit Messer und Gabel zu essen.
(gehet hin und seht selbst)
Wie viele Leute die den vermeinlichen Karrieresprung gemacht haben sind heute Beziehungskrüppel (singles) geschieden aus was für Gründen auch immer, kinderlos, einsam und vor Allem in keiner Gruppe voll akzepziert sondern nur geduldet.
13:08
@spacedrummer: Nein, nur keinen Bock auf inhaltslose und argumentfreie Beiträge, die diese Leere jedoch durch persönliche Beleidungen zu kompensieren versuchen.
Da wir hier aber über Bildung und Strukturschwäche reden, möchte ich festhalten, dass der verwendete Ausdruck durchaus als Allgemeinbildung ab Realschule aufwärts angesehen werden kann. Die freie Übersetzung möchte ich Ihnen ersparen.
13:04
@gelegentlicher Bahnfahrer
Wo schreibe ich denn, dass Bildung gleich Talent sei?
Und wo: Talent = Bildung?
Ich gehe wohl richtig in der Annahme, dass Ihr Denken allzusehr von Ihrer unmittelbaren Herkunft beeinflusst wird und nicht so sehr von einem Talent, das man auch Menschenkenntnis und die Fähigkeit der gedanklichen Durchdringung sozialer Zusammenhänge nennen könnte.
Ich gehe wohl auch richtig in der Annahme, dass Sie allzusehr beseelt von Ihren Talenten sind, so dass Sie sich nicht vorstellen können, dass Ihre Talente wohl nie zu Tage gefördert worden wären, wenn Ihre Vorfahren ohne Änderung ihrer Gene irgendwann in der Vergangenheit durch widrige Umstände ins Prekariat gefallen wäre, aus dem sie nie mehr herausgekommen sind.
Sie können sicher sein: 99% der heutigen Bevölkerung hat ihren Ursprung in vermeintlich bildungsfernen Schichten des Mittelalters.
Wir brauchen auch nicht weit zurückgehen: noch Ende der 1960er Jahre hatten lediglich 3% der Bevölkerung Abitur.
Ihr Denken ist eigentlich bar jeder Kenntnisnahme historischer, sozialpolitischer und ökonomischer Fakten und eigentlich nur davon beseelt, jedwede gesellschaftliche Verantwortung abzustreiten.
Die Strategie dabei ist offensichtlich:
man fühlt sich erstens selbst besser als andere, insbesondere als die bildungsfernen Schichten und zweitens: man hat immer eine Ausrede, nicht für sie finanziell aufkommen zu müssen.
12:58
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