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Menschen im Unruhestand

Arbeit ohne Ende

09.05.2008 | 07:32 Uhr

Ruhrgebiet. Sie sind 65, 68, 70 und 72 und genießen ihren Ruhestand, indem sie weiterarbeiten. Die Hebamme, den Professor, die Designerin, den Arzt und den Gastwirt verbindet der Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun.

Sie sind 65 plus und verspüren nicht die geringste Lust auf Ruhestand. Deshalb arbeiten sie weiter, der Arzt, der Professor, die Hebamme, die Designerin und der Gastwirt. Fünf unter Tausenden, die sich zu beschäftigen wissen, aber „lieber etwas Sinnvolles tun”. So wie Elisabeth Friedrich, die Hebamme, die mit ihren 70 Jahren jedes Jahr für drei Monate nach Uganda reist, um Aidswaisen zu helfen.

Noch sind Menschen, die im Rentenalter arbeiten, die Ausnahme. Doch der Wunsch, eine bezahlte Tätigkeit auszuüben, wächst. 24 Prozent der nicht erwerbstätigen Älteren würde sich dies wünschen, und auch die Bereitschaft zum freiwilligen Engagement ist groß. Das stellte gerade eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag der Akademiengruppe Altern in Deutschland fest. „Es ist eine Folge der gewonnenen Jahre”, erklärt der Berliner Sozialhistoriker Jürgen Kocka und spricht von einem gesellschaftlichen Wandel: „Die Älteren fühlen sich fit, suchen Anerkennung, soziale Kontakte. Viele haben sich durchaus auf den Ruhestand gefreut, merken aber erst dann, was sie verloren haben”.

Natürlich träfe dies nicht auf alle Menschen, auf alle Berufsgruppen zu. Nicht etwa auf den hart körperlich arbeitenden Dachdecker, nicht auf Lehrer, deren Nervenkostüm dies oft nicht mehr zulasse. „Deutlich wurde in der Umfrage auch, dass viele der Senioren im Alter kürzere Arbeitszeiten vorziehen. Aber der Wunsch, weiterhin etwas Sinnvolles zu tun, ist stark ausgeprägt. Die Gewerkschaften und die großen Unternehmen reagieren darauf aber erst sehr langsam”, sagt Prof. Kocka, der Sprecher der Akademiengruppe. Das interdisziplinäre Forschungsteam arbeitet derzeit an Empfehlungen für die Politik, wie Deutschland sich auf den demographischen Wandel am besten vorbereiten kann.

Die Hebamme

Gerade erst ist sie wieder aus Uganda zurückgekehrt, rechtzeitig zum Beginn des Frühlings in Deutschland. Genau der richtige Zeitpunkt, sich in die Gartenarbeit zu stürzen. Erst einmal abschalten, all das Erlebte verarbeiten! Denn Uganda, das bedeutet für die 70-jährige Elisabeth Friedrich, jedes Mal aufs Neue die Konfrontation mit Elend, mit Leid.

Seit zehn Jahren kümmert sie sich dort um Aids-Waisen, half eine Schule aufzubauen, ein Waisenheim, die nötige Wasserversorgung. „Als ich mit 60 Jahren in Rente ging, fühlte ich mich eigentlich zu jung dafür. Ich wollte etwas tun, nicht nur Kaffeeklatsch machen”, sagt die Hebamme aus dem münsterländischen Heiden. Elisabeth Friedrich erfüllt sich mit ihrem Engagement den Jugendtraum, in der Entwicklungshilfe zu arbeiten. „Wenn ich helfen kann, gibt mir das ein gutes Gefühl!”, sagt sie. Im nächsten Januar – „wenn ich gesund bleibe” – reist sie wieder nach Afrika.

Der Professor

So jung klingt die Stimme am Telefon, dass man sich gut vorstellen kann, wie er dort in Washington, in der Georgetown University, an seinem Schreibtisch sitzt und von der Forschung „einfach nicht lassen kann, weil die doch so faszinierend ist”. Noch ein Projekt und noch ein Buch. In ein paar Wochen wieder in Deutschland, an der Ruhr-Universität Bochum, aber dann, wie üblich, die zwei Wochen in Peking. . . 72 Jahre ist Hans-Martin Sass, der Professor für Bioethik, und er hat „noch Pläne!”

In Bochum begründete er vor Jahren das Zentrum für medizinische Ethik, das erste in Nordrhein-Westfalen. Seit sieben Jahren ist er emeritiert, also pensioniert. Das Lehren, tatsächlich, überlässt er seitdem den Jüngeren. „Ich will niemandem etwas wegnehmen!”, sagt Sass. Aber aus „Spaß an der Freude” forscht er weiter. Sass: „Ich stelle oft fest, dass Leute, die nicht mehr arbeiten, früher altern!”

Der Arzt

In Höxter, wo Reinold Müller praktizierte, da war er ein richtiger Dorfarzt. Als er dann mit 65 Jahren seine Praxis aufgab, um in seine Geburtsstadt Bochum zurückzukehren, stand für ihn fest: „Ich muss noch etwas tun!” Seit drei Jahren nun verarztet Müller die Obdachlosen seiner Stadt. Menschen, die sich nicht mehr in eine richtige Praxis trauen, wohl aber in die provisorisch dafür eingerichteten Räume einer Suppenküche. Mehrmals in der Woche bieten Müller und seine Kollegen dort ehrenamtlich ihre Dienste an. „Das sind sehr bescheidene Patienten, die sich freuen, wenn man ihnen hilft!” Lesen, Fahrrad fahren, all das kann Müller durchaus genießen. Aber er findet: „Glück ist, alles andere zu vergessen bei einer Tätigkeit.” Und das kann er bei seiner Arbeit.

Die Designerin

Christiane Bauer ist Designerin. Foto: WAZ, Matthias Graben

Nun denkt sie doch daran, etwas kürzer zu treten. Obwohl sie sich „fit wie ein Turnschuh” (O-Ton) fühlt und im Herbst noch in Peru war, wo sie für den Bonner Senior Expert Service ehrenamtlich ein ganz junges Teppich-Projekt beriet; zwei Frauen, die sich mit ihren Produkten erstmals auf einer Messe präsentieren wollten. Kürzer treten also will die Essener Designerin Christiane Baur. Aber nur etwas! Mit 65 habe sie einfach keine Lust mehr, regelmäßig nach Nepal zu reisen, wo die von ihr entworfenen Teppiche produziert werden. Doch ihre Rente sei nicht so üppig, und so bewarb sie sich kürzlich als „gute Seele” für ein Senioren-Wohnprojekt. „Ich habe genügend Hobbys. Aber noch etwas zu arbeiten, das hat auch mit geistiger Frische zu tun!”

Der Gastwirt

Hannes Schmitz ist Gastronom und unterhält mit seinen 70 Jahren drei Gastronomiebetriebe in Essen. Foto: WAZ, Matthias Graben

Nein, das könnte Hannes Schmitz sich nicht vorstellen, so ein Rentnerleben. „Wenn ich die schon sehe, wie sie über die Rüttenscheider Straße gehen, mit ihren Einkaufstüten und an der Ampel warten. Auf Gelb. Auf Grün!”. Bestellt sich auf der Terrasse des Essener Restaurants Wallberg drei kleine Schweineöhrchen und ein Mineralwasser und redet und erzählt und hibbelt dabei unruhig mit dem Bein. Um zwei Uhr in der Früh ist der Gastronom ins Bett gekommen, um zehn Uhr morgens war er schon wieder auf dem Weg ins Dortmunder Konzerthaus.

Musik managt er ja nun auch noch! 70 Jahre ist er, 40 davon Gastwirt. Studiert hat er einmal Betriebswirtschaft, zurzeit gehören ihm drei Betriebe, darunter eine Diskothek. Arbeit? „Die macht mir einfach eine Riesenfreude!”, sagt er. Mit einer Stunde Sport am Tag hält er sich fit. Fahrradfahren und Gymnastik. Tja, und am Wochenende, da wird es immer sp��t bei ihm. Fünf, sechs Uhr morgens. Denn in seiner Diskothek, in der Ego-Bar, da macht er, was er bis dahin nie tat: selbst zapfen! Schmitz: „Ich könnte ja um vier Uhr gehen, aber dann ist es doch wieder sechs!”

Hayke Lanwert

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Kommentare
09.05.2008
12:43
Arbeit ohne Ende
von Peter W. | #2

Das mag für einige Berufe gelten aber ich habe noch keinen 70jährigen Dachdecker, Straßenarbeiter, Möbelpacker, Stahlgießer also alle die ihr Leben lang körperlich hart arbeiten mußten gesehen. Wie wäre es denn wenn wir mal mit einem 70jährigen oder auch älterem Piloten in den Urlaub fliegen?

09.05.2008
08:15
Arbeit ohne Ende
von mfg | #1

Mir selbst sind auch einige Personen bekannt, die einfach mit dem Ruhestand nicht klarkommen. Sie sehen dann regelmäßig im alten Betrieb vorbei, helfen dann dort noch teilweise mit. Ein heute 65-jähriger ist mit Sicherheit fitter als ein 65-jähriger vor 20 Jahren.

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