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Arbeit ist mehr als ein Kostenfaktor

07.11.2010 | 17:48 Uhr
Arbeit ist mehr als ein Kostenfaktor

Die Weltbank stuft den deutschen Arbeitsmarkt hinter dem in Afghanistan ein, weil er zu unflexibel sei. Das ist absurd, findet Gerhard Bosch von der Uni Duisburg-Essen.

Seit vielen Jahren benotet die Weltbank die Wettbewerbsfähigkeit von Ländern. Dieses Jahr sieht sie Deutschland auf Platz 25 von 183 Ländern. Die Wettbewerbsfähigkeit eines Staates wird über viele Indikatoren berechnet, die sich z.B. auf Eigentumsrechte, Firmengründungen und den Arbeitsmarkt beziehen. Hinter den Indikatoren stecken Annahmen über die optimale Funktionsweise von Märkten. Von der Richtigkeit dieser Annahmen hängt die Aussagekraft der Benotung ab.

Nehmen wir den Arbeitsmarkt, der mit einem Zehntel in den Gesamtindikator eingeht. Die Weltbank stuft die Flexibilität des deutschen Arbeitsmarktes auf Platz 158 ein, weit hinter Afghanistan, Haiti, Kasachstan, Tschad oder dem Kosovo. Wie kommt es zu so absurden Einstufungen, wo doch gerade weltweit das deutsche Jobwunder gelobt wird?

Gute Leistung muss gut entlohnt werden

In den Arbeitsmarktindikator gehen gesetzlichen Regelungen zu Mindestlöhnen, Kündigungsschutz oder Abfindungen ein. Alles, was Kosten verursacht, etwa bezahlter Urlaub, Kündigungsfristen, Höchstarbeitszeiten pro Woche oder Abfindungsansprüche, wird negativ bewertet. Das Leitbild ist also eine Wirtschaft, in der man ohne Kosten heuern und feuern und Löhne und Arbeitszeit ohne Begrenzungen festlegen kann. Arbeit wird nur als Kostenfaktor betrachtet.

Gerhard Bosch ist Professor für Wirtschaftssoziologie und leitet das Institut für Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen.

Mit einem solchen Leitbild wird man eine moderne Wirtschaft nicht für den internationalen Wettbewerb rüsten können. Die wichtigsten Erfolgsfaktoren der deutschen Exportindustrie sind neben ihrer Innovationsfähigkeit die hohe Qualifikation, Motivation und Flexibilität ihrer Facharbeiter. Wenn man Arbeitskräfte nach Belieben heuern und feuern kann, sie schlecht bezahlt und ihre Erholungszeiten kürzt, verfallen Motivation und Produktivität. Zudem fehlen den Unternehmen die Anreize, auszubilden.

Im Tausch für gute Leistung müssen die Unternehmen also gute Löhne zahlen und sichere Stellen bieten. Wirtschaftliche Effizienz und soziale Sicherheit sind keine Gegensätze, sondern hängen eng zusammen. Die Forschung hat dies vielfach belegt. Notwendig wären Arbeitsmarktindikatoren, die das Verhältnis von Leistung und Kosten messen.

Argumente der Weltbank lassen sich nicht ignorieren

Sind die Argumente der Weltbank so abwegig, dass man sie ignorieren kann? Das geht leider nicht, da sie Politik bestimmen. Die kostenorientierte Sichtweise prägt die Politik der Weltbank und auch die des Internationalen Währungsfonds. Länder, die Kredite benötigen, werden gezwungen, ihre Arbeitsmärkte zu deregulieren, was ihnen in der Regel aber nicht hilft. So ist etwa die Bereitschaft, im Kosovo zu investieren, trotz der Arbeitsmarktliberalisierung sehr überschaubar.

Gerhard Bosch

Kommentare
13.11.2010
20:47
Arbeit ist mehr als ein Kostenfaktor
von feierabend | #9

Arbeit gibt es gar nicht, nur Produktivität.
Arbeit ist lediglich das Ergenis von Kraft ( Anstrengung, Energie) und Zeit und vielleicht noch...
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2010-11-07 17:48
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