Angst vorm Turbo-Abi
09.02.2008 | 13:28 Uhr 2008-02-09T13:28:00+0100Düsseldorf. Das Abitur nach zwölf Jahren schreckt Eltern davon ab, ihre Kinder zum Gymnasium zu schicken, kritistiert der Landeselternrat. Die Beliebtheit der Gesamtschule steigt auch wegen Ganztagsbetreuung und Mittagessen.
Das sichere Ganztagsschulangebot, die reguläre Mittagessen-Versorgung, die Möglichkeit, alle Schulabschlüsse zu erreichen, und die neue Angst vor dem anstrengendem Turbo-Abitur an Gymnasien – das sind nach Ansicht des Landeselternrates und der Gesamtschul-Gesellschaft die Hauptgründe für den steigenden Drang der Eltern, ihre Viertklässler zu einer der 201 öffentlichen Gesamtschulen zu schicken.
Seit dem Jahr 2000 hat sich der Anteil der Viertklässler, die um eine Aufnahme an einer Gesamtschule bitten, deutlich erhöht: Statt 20 Prozent eines Jahrgangs sind es in diesem Jahr 25 Prozent. Doch für 45.000 angemeldete Schüler gibt es in NRW nur 30.000 Plätze – über 15.000 Eltern erhielten in diesen Tagen Post, dass ihre Kinder nicht auf ihre Wunsch-Schule dürfen. Im Vorjahr wurde sogar über 16 800 Kindern des geburtenstarken Jahrgangs 1997 eine Ablehnung verordnet, 2005 waren es knapp 14.000. Diese Schüler müssen dann zur Hauptschule oder Realschule: Gymnasial-Kinder haben an Gesamtschulen fast eine Aufnahme-Garantie, da die Rektoren angehalten sind, auf die richtige unterschiedliche Mischung der Kinder zu achten.
Eltern sind sich nicht sicher, ob ihr Kind das Turbo-Abi schafft
Herrschte früher oftmals Mangel an Kindern mit Gymnasial-Empfehlung, so stieg deren Anteil jetzt in der Januar-Anmelderunde 2008 weiter an. „Die Verkürzung der Abiturzeit an den Gymnasien von 13 auf 12 Jahren treibt uns die Kinder zu”, meint die Landeseltern-Gesamtschul-Vorsitzende Anette Plümpe. „Viele Eltern sehen keinen Grund für den Turbogang zum Abitur, wir haben ja jetzt die gleichen Prüfungen wie an Gymnasien und damit den identischen Abschluss.” Und der Hagener Gesamtschul-Rektor Werner Kerski stellt fest: „Viele Eltern misstrauen den Prognosen der Grundschullehrerinnen, sind sich nicht sicher, ob ihr Kind das Turbo-Abitur schafft.”
Die neuen Anmeldezahlen zugunsten der Gesamtschulen heizen die Debatte um die richtige Schulpolitik im Lande weiter an. Kerski, Chef der NRW-Gesellschaft Gesamtschule, will in den vergangenen Jahren einen Trendwechsel bei Eltern und sogar Gymnasiallehrern zugunsten einer Schulform „Gemeinsam lernen” festgestellt haben. Ingrid Pieper von Heiden, die schulpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, hofft dagegen, dass sich die Aufregung um das Turbo-Abitur in den nächsten Jahren legen wird. „Derzeit sind viele Eltern verunsichert, wollen nichts falsch machen und wählen deshalb die Gesamtschule. Durch die Entschlackung der Lehrpläne und mehr individuelle Förderung an Gymnasien wird sich das wieder ändern.”
Keine Hindernisse für neue Gesamtschulen
Das NRW-Schulministerium verweist darauf, dass auch die Anmeldezahlen an Gymnasien im vergangenen Jahr auf Rekordhöhe waren. Sollten Kommunen aber der Meinung sein, neue Gesamtschulen seien notwendig, werde das Schulministerium ihnen keine Steine in den Weg legen, erklärte der Sprecher. Allerdings gab er zu, dass neue Gesamtschulen Probleme hätten, als Ganztagsschulen anerkannt zu werden, da die Regierung Ganztags-Gelder nur für Hauptschulen vorsehe.
Die SPD-Schulexpertin Ute Schäfer spricht von einer „Abstimmung mit den Füßen”. Die Eltern wehrten sich zu Recht dagegen, dass an den Turbo-Gymnasien „ihren Kindern die Kindheit genommen wird”. Schwarz-Gelb habe die „enorme Unterrichtsverdichtung” fälschlicherweise in den unteren Jahrgangsstufen vorgenommen. Weder seien Lehrpläne vernünftig entschlackt noch Ganztag an Gymnasien möglich gemacht worden.
Mehr dazu: Krasse Unterschiede beim Bedarf
17:02
Das Allerschönste: Die CDU, die die Gesamtschulen hier in NRW bekämpft hat bis geht nicht mehr, diese CDU also sorgt nun durch ihre verfehlte Gymnasialpolitik dafür, dass die Gesamtschulen Zulauf ohne Ende haben.
10:33
Marco spricht mir aus dem Herzen! Schauen Sie mal in die Lebensläufe unserer Schulexperten! Soll ich jetzt sagen - typisch Politiker?! Bevor diese Experten etwas verändern, sollten sie Schulluft schnuppern und sich von Pädagogen an der Basis beraten lassen.
lisa15
05:43
Die Bildungspolitik wird von Leuten die nicht mal Praxiserfahrung haben. Vielleicht sollte man die Leute fragen die jeden Tag mit Bildung zu tun haben. Meiner Meinung nach müsste das ganze Schulsystem verändert werden aber von Leuten die auch wissen was sie tun.
19:23
Dann kennen Sie nicht die Gesamtschule in K-L hier werden nur gute Schüler gefördert Problemkinder (keine Schläger) lässt man fallen und werden auch von Lehrern gemoppt das man freiwillig zur Hauptschule wechselt
15:00
Ich kann nur sagen, dass ich heilfroh bin, meinen Sohn (mit gymnasialer Empfehlung) vor einem Jahr in der Gesamtschule angemeldet zu haben. Nicht nur der Wahnsinn, das Abi in 12 Jahren machen zu müssen, hat uns zu diesem Schritt bewogen, sondern auch eine grundsätzliche Scheu vor dem System Schule als reine Wissensvermittlungsanstalt. Mein Sohn hat zwei Klassenlehrer, eine Frau und einen Mann. Er geht mit 29 Kindern in eine Klasse, die aus den unterschiedlichsten sozialen Bezügen kommen. Dustin aus Altenessen zeigt ihm, wie man eine bestimmte Matheaufgabe auch anders lösen kann und er zeigt Giuseppe die unterschiedlichen adverbialen Bestimmungen. Das kennen wir aus Schweden und aus Kanada: heterogene Lerngruppen sind für ALLE besser: für die schwachen und die leistungsstärkeren Schüler!!!
Wenn es Mittag wird, essen alle gemeinsam in der Mensa und gehen danach in den Spieleraum oder in eine der angebotenen Arbeitsgruppen. Die Hausaufgaben werden in speziellen ALG-(Alle lernen-gemeinsam) Stunden gemacht - ein Lehrer ist immer anwesend, um Fragen zu beantworten oder noch mal zu helfen. Eine Sozialpädagogin kümmert sich um die Ausbildung der Streitschlichter und der Beratungslehrer hat immer ein offenes Ohr für die Kinder. Besonders gute Schüler werden individuell gefördert. Das Zeugnis meines Sohnes besteht nicht nur aus Noten, sondern auch aus einem Pädagogischen Kommentar, den die Klassenlehrer schreiben - hier geht es um soziale Kompetenz und besondere Fähigkeiten.
Sicher könnte mein Sohn auf dem Gymnasium Latein lernen (auf unserer Schule übrigens auch... nur später) und sich dann rühmen, mit 17 schon das Abi in der Tasche zu haben. Aber möchte ich das für mein Kind? Ich möchte, dass er eine wertvolle und zufriedenstellende Schulzeit hat, in der er auch lernt, wie es ist, vor 200 Menschen zu sprechen und wo er Lehrer hat, die über den Rand ihres Unterrichtsfaches schauen - Gesamtschullehrer haben diesen besonderen Blick und sie gehen anders mit Ihren Schülern und mit ihrem Lehrauftrag um.
Kurzum: Ich bin der Meinung, dass möglichst viele Kinder in den Genuss einer Gesamtschulkarriere kommen sollten - nicht nur wegen des verkürzten Abis!
12:47
Auch heute kann man nach 12 Jahren in Deutschland Abitur machen. Und zwar in dem man ein Schuljahr überspringt. Besonders beliebt ist dafür die 11. Klasse. Warum nicht die Schüler so fördern, dass mehr eine Klasse überspringen? Für diejenigen, für die das zu schwierig ist, bleiben eben die normalen 13 Jahre.
12:25
@ Ralph Kruhm
Es hat damit zu tun, dass es zu wenig Gesamtschulplätze gibt - darum geht es in diesem Artikel zunächst einmal im wesentlichen.
11:44
Und was genau hat das jetzt damit zu tun, ob das Abi nach zwölf oder dreizehn jahren gemacht werden soll...?
11:33
@ Ralph Kruhm
Ich wüsste beim besten Willen nicht, worauf ich neidisch sein sollte, Rälfchen. Mein Abitur - inklusive großem Latinum - habe ich vor mehr als 30 Jahren am Gymnasium gemacht.
Kein vernünftiger Mensch bestreitet, dass Menschen unterschiedlich begabt sind. Das man aber die unterschiedlichen Begabungen am besten durch eine möglichst frühe Selektion fördert, ist eine vorgeschobene Behauptung. Die wissenschaftliche Forschung beweist ziemlich eindeutig das Gegenteil.
11:32
Wer sich die heutige ELITE in Politik, Show und Wirtschaft näher anschaut, sollte meinen, dass diese Typen überhaupt nichts in der Birne haben. Diese sog. Elite sollte erst einmal lernen mit den wirklichen Problemen in unserer heutigen Gesellschaft klar zu kommen. Auf die heutigen Eliteprommis mit Ihren Suff- und Koksskandalen und ihren gekauften Doktortiteln können wir gerne verzichten. Auf einen Geldsack wie Ackermann ebenfalls. Die Geldsäcke sollen ihre verwöhnen Kleinen ruhig weiter auf die privaten Eliteschulen, Reit- und Musikschulen schicken. Hier geht es um Chancengleichheit für die Mehrheit unserer Kinder. Dieses Wort Chancengleichheit wirkt scheinbar wie ein Atomangriff auf die Geldgesellschaft, die natürlich nichts hiervon hören möchte ! Wir brauchen endlich eine wirkliche geistige Elite in Deutschland !!! Die hirnlose Geldelite mit ihren nackten Ärschen auf der Rückseite der BILB-Zeitung soll ruhig weiter unter sich bleiben !!!