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RuhrTriennale

Angst und Schatten

23.09.2008 | 12:40 Uhr

Duisburg. Christoph Schlingensief hat bei der Ruhr Triennale sein erstes Projekt nach der Krebsoperation uraufgeführt. Etwas Stärkeres, Emotionaleres, Umfassenderes war in der Duisburger Gebläsehalle noch nicht zu sehen.

Unendlich berührend, von luzider Klarheit – so hat sich Christoph Schlingensief im Leben zurückgemeldet. „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir” ist der poetische Titel seiner Performance; er erklärt darin das Leben zur Kunst.

Dass es um sein eigenes Leben, sein eigenes Sterben geht – es macht die Collage aus fremden und eigenen Texten, aus Wagner, Schubert, Gospel, Film, schlimmen und tröstlichen Visionen dicht. Ihren Sinn aber erhält sie durch den universellen Anspruch, durch die leidende, zornige Auseinandersetzung mit alten Fragen: „Sind wir eine Lüge? Ein Film, der kaum einen Augenblick dauert, ein unver-ständliches, an einem Regennachmittag auf eine beschlagene Fensterscheibe geschriebenes Zeichen?” So beginnt „Die Kirche der Angst”, enden wird sie mit einem leise fragenden „Kyrie Eleison”.

Ein Fest für die Kunst und die Menschen

Die Gebläsehalle im Duisburger Landschaftspark ist einer der magischen Orte des Ruhrgebiets. Hier geschehen Dinge, die sonst Träume bleiben; vielleicht nur hier kann Christoph Schlingensief seine Rückkehr ins Leben zelebrieren, als ein Fest für die Kunst und die Menschen.

Er hat ein Kirchenschiff in die Halle gesetzt, mit Kerzen und bunten Fenstern, einem Kreuzweg aus Zeichnungen und Videos; mit Heiligen-Nischen, in denen kein Sebastian durchbohrt wird, sondern Hasenpfoten elend hängen. Mit Kirchenbänken für die Zuschauer und einer Monstranz, in der ein Röntgenbild zu sehen ist. Die linke Lunge fehlt.

Intim, aber nicht indiskret

Diesem Projekt nähert man sich nicht leicht, es ist ein Rätselwerk wie der Christenglaube, der eine zentrale Rolle darin spielt. Schlingensief macht sein Schicksal öffentlich, sein Hadern mit Gott; man hört Tonbandnotizen, die er im Krankenhaus sprach, manchmal schluchzend. Es ist intim, aber nie indiskret; emotional und zugleich reflektiert.

Ein Schmalfilm flimmert über dem Altar, der die Bühne ist. Hermann-Josef Schlingensief hat ihn vor 42 Jahren gedreht, er zeigt einen kleinen Jungen in kurzen Hosen, der durch Dünen läuft. Nicht lange, dann wird die Stimme des Mannes, der das Kind war, flehen: „Bitte jetzt nicht berühren. Bitte nicht berühren.”

"Leben, als wäre jeder Tag der letzte"

Schlingensief war nie der lustige Wüterich, zu dem man ihn der Einfachheit halber machen wollte. Ja, er hat sich den Hintern grün gestrichen und ist im Wiener Burgtheater über eine Leinwand gehopst, und für Frank Castorfs legendäre Ruhrfestspiele hat er das Revier mit Wagner beschallt. Er ist Aktionskünstler, kein Aktionist, bis heute. Obwohl er jetzt ein neues Leben führt.

„Ab Samstag werden Sie ein neues Leben führen”, hat der Arzt vor der Operation gesagt, und Schlingensief hat den Satz für sein Audiotagebuch ratlos wiederholt. „Leben, als wäre jeder Tag der letzte . . . und dass die Leichtigkeit künftig auf einer anderen Ebene stattfindet . . . es ist unbegreiflich, was das Schicksal da macht.” Die Stimme bricht, es ist schwer auszuhalten; trotzdem ist nichts heikel, dumm und überflüssig. Es ist eine Komposition, streng geplant, mit tausend Facetten; ein Stück voller Merkwürdigkeiten, das unverhoffte Einblicke zulässt.

Nicht für alles gibt es eine Deutung

Die wunderbaren Sopranistinnen Friederike Harmsen und Ulrike Eidinger singen von Sphärenwelten, ein Gospelchor lässt begeistertes Gotteslob anschwellen, kleine Ministranten rennen zum Altar. Zwei Männer tragen Kindersärge herein und hinaus, ein Kleinwüchsiger trägt den Bischofs-Ornat, Angela Winkler und Margit Carstensen sprechen Schlingensiefs Leidenstexte; dazu flimmern schwarz-weiße Fluxus-Filme: eine alte Frau streichelt ein plüschiges Geschlechtsteil in ihrem Schoß, eine Prozession mit Tierköpfen zieht vorüber, dazu die Stimme vom Band, qualvoll: „Dass es mir an Kraft fehlt, vielleicht schon immer.”

Es ist wüst und spirituell und nicht für alles lässt sich eine glatte Deutung finden. Aber man versteht es, wenn man sich darauf einlässt. Es fragt nach dem Menschen und nach Gott: ob er da ist. Vielleicht ist es die Bitte eines Zweifelnden, dass wir für ihn beten sollen. Vorsichtshalber.

Mehr zum Thema:

Interview mit Christoph Schlingensief: "Ich lebe hier auf"

Gudrun Norbisrath



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