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Podiumsdiskussion

Alt, aber arm?

19.06.2008 | 19:59 Uhr

Beim Reitz-Thema des Monats diskutierten Experten und Politiker über die Rente

Essen. Die Rente soll Armut im Alter verhindern, aber die arbeitende Bevölkerung nicht zu sehr belasten. Wie dieser Spagat zwischen den Generationen gelingen kann, diskutierten am Donnerstagabend Experten und Politikerinnen beim Reitz-Thema des Monats. Mehr als 100 Gäste waren kurz vor dem EM-Viertelfinale zwischen Deutschland und Portugal in die Essener Volkshochschule gekommen und erlebten eine kontroverse Diskussion unter dem Titel „Alt aber arm?“, moderiert von WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz.

"Es darf kein Gegeneinander der Generationen geben"

Die FDP-Bundestagsabgeordnete Miriam Gruß betonte, es müsse ein Miteinander der Generationen geben. (Fotos: WAZ, Matthias Graben)

Die FDP-Bundestagsabgeordnete Miriam Gruß (32) versicherte als Anwältin der Jüngeren gleich zu Beginn, nicht den Konflikt mit den Älteren zu suchen. „Es darf kein Gegeneinander der Generationen geben, es muss ein Miteinander geben. Meine Großeltern und Eltern wollen auch, dass es mir im Alter gut geht.“

Doch schnell wurde in der Diskussion deutlich, dass Altersarmut weniger die heutige Rentnergeneration als die von morgen und übermorgen betrifft. Prof. Gerhard Bäcker, Soziologe der Uni Duisburg-Essen, nannte die gefährdeten Personengruppen: „Langzeitarbeitslose, Niedriglöhner und Menschen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien werden Probleme haben. Diese Menschen können nicht so einfach Zusatzversicherungen abschließen.“ Zur Vermeidung von Altersarmut sagte Bäcker, er halte die Grundsicherung für zu niedrig.

"Ich glaube nicht, dass wir auf ein massives Problem der Altersarmut zulaufen"

Aus Sicht von Gerda Kieninger, Landeschefin der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen, vergaß Bäcker eine Risikogruppe: „Frauen haben oft keine durchgängige Erwerbstätigkeit. Selbst wenn, verdienen sie weniger als Männer, deshalb ist ihr Risiko von Altersarmut betroffen zu sein, größer.“

Eine umstrittene Position vertrat Finanzforscher Reinhold Schnabel: Er glaube nicht an Altersarmut.

Für reichlich Gegrummel im Publikum sorgte Reinhold Schnabel, Finanzwissenschaftler der Uni Duisburg-Essen, der viel lockerer in die Zukunft sieht. „Ich glaube nicht, dass wir auf ein massives Problem der Altersarmut zulaufen. Das bestreite ich“, warf er in die erstaunte Runde. Den bekannten Risiken stünden etwa die steigende Erwerbstätigkeit der Frauen gegenüber, die Altersarmut verhindere. Sie sei in den vergangenen Jahren bereits gesunken. Armut, sagte Schnabel, gebe es viel mehr als bei den Rentnern in den Familien. Dort sei sie in den letzten 20 Jahren deutlich gestiegen, bei den Rentnern sei sie dagegen deutlich gesunken.Der Zuhörer, der beklagte, 47 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt zu haben und heute ein „armes Schwein“ zu sein, weil er sich um seine zu pflegende Frau kümmere, müsste demnach zu den Ausnahmen gehören.

Familien als die eigentlichen Verlierer

Der Demographie-Experte Jürgen Liminski blickt weniger optimistisch nach vorn als Schnabel. Wenn in den kommenden Jahrzehnten die Babyboomer in Rente gehen und es gleichzeitig weniger Erwerbstätige geben wird, werde es mehr Altersarmut geben. Allerdings stimmt der Vater von zehn Kindern Schnabel zu, dass die Familien derzeit die eigentlichen Verlierer sind. Als Autor des Buches „Verrat an der Familie“ zitierte er den nationalen Armutsbericht, der bestätige, dass vor allem Alleinerziehende und Familien unter den so genannten prekären Schichten zu finden sind. Das sei das Werk der Politik. Die Eigenheimförderung als klassische Familien-Vorsorge gekippt, Kindergeld um zwei Jahre gekürzt, Mehrwertsteuer erhöht - „und jetzt brüsten sie sich mit dem Elterngeld.“

Auch Miriam Gruß mahnte, mehr an die heutigen Beitragszahler zu denken. „Gerade Familien sind in den vergangenen Jahren geschröpft worden. Es hat 19 Steuererhöhungen gegeben, die Familien durchschnittlich 1600 Euro mehr aus der Tasche gezogen haben.“

Verarmung - ja oder nein?

Viele der Besucher und Diskussionsteilnehmer fanden 1,1 Prozent Rentenerhöhung zu wenig.

Die in der Volkshochschule in der Mehrzahl anwesenden heutigen Rentnerinnen und Rentner wollten mit dem vermittelten Eindruck, ihnen gehe es doch sehr gut,  nicht zufrieden geben. Die 1,1 Prozent Rentenerhöhung empfanden die wenigsten als großzügig. Dazu Schnabel: „1,1 Prozent sind wenig. Aber bedenken Sie, dass es auch Arbeitslose gibt und Erwerbstätige. Wem sollen wir’s denn nehmen?“

Liminski meint dagegen, schon jetzt finde „eine Verarmung statt“. Das liege am deutschen System. Der Politik fehle der Mut zum Systemwechsel, etwa nach Schweizer Vorbild.

Selbstständige sollen in Rentenkasse einzahlen

Um die Rentenkasse auf eine solidere Basis zu stellen, diskutierte die Runde auch, ob Selbstständige verpflichtet werden sollten, in die staatliche Rentenversicherung einzuzahlen. Soziologe Bäcker ist unbedingt dafür, schon als „Akt von Solidarität.“ Das sei auch im Sinne vor allem kleiner Selbstständiger, die sich derzeit nicht genügend privat absicherten, während zum Beispiel Handwerker und Hebammen pflichtversichert seien. Finanzwissenschaftler Schnabel wäre im Grunde auch dafür, traut aber der Politik nicht. „Ich befürchte, dass die zusätzlichen Einnahmen nicht zur Senkung der Rentenbeiträge verwendet werden, sondern für neue Ausgaben.“

Einige Fragen der Anwesenden werden noch von den Experten beantwortet und in einer der nächsten WAZ-Ausgaben auszugsweise veröffentlicht.

Fotostrecke: Alt, aber arm? Bilder des Diskussion

Stefan Schulte

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Kommentare
25.08.2008
20:56
Alt, aber arm?
von marleen50 | #4

wir, ende 50 wurden viel zu spät aufgeklärt, dass unsere Renten nicht mehr sicher sind. Zu spät konnten wir noch zusatzverträge abschliessen, die nichts mehr bringen. Jetzt, da die Renten auch noch versteuert werden sollen bzgl. Gleichheit mit Beamtenpensionen, dann aber bitte auch Zahlungen in die Rentenkassen bzgl. der Gleichheit

22.06.2008
09:46
Alt, aber arm?
von Dieter61 | #3

Zustand durch Politik und Wirtschaft herbeigeführt !
1/3 reich ,1/3 es geht so gerade,abgehängt in Armut
Wie in der Wirtschaft braucht man
vernünftige Führungskräfte,
die den Begriff „ Führung“ auch verstehen.
Alles denkt, das ist ja sicherlich noch gut.
Gerade Richtlinien und Visionen
müssen aber schon zusammenlaufen
und in Bahnen gelenkt werden.
Jeder strebt allein nach vorn
und will das größte Tortenstück haben.
Dabei ist die Torte noch nicht gebacken,
der Geschmack steht noch nicht fest
und wie die Verzierung aussieht, steht
auch noch nicht fest. .Wenn ich ein vernünftiges Gericht
zubereiten will, müssen die Zutaten stimmen,
das Rezept stehen, Arbeiten müssen delegiert
und zusammen geführt werden.
Bekomme ich das nicht hin,
spuckt mir jeder in die Suppe, die dann ungenießbar ist.
So empfindet man im Moment den Zustand der SPD
Wer hat sich denn um 180 Grad gedreht?
Hartz IV wurde durch CDU und FDP vorangetrieben,
BASTA-Schröder mit Gefolge
und Machtwillen und -erhalt haben dieses umgesetzt.
Das Wissen, was sie damit anrichten, fehlte wohl auf allen Seiten.
Oder? Dann wäre es noch schlimmer.
Es übersteigt im Moment den Horizont des Wählers, wie sie
diesen Schlingerkurs wieder umkehren will, damit sie wieder
glaubwürdig für eine soziale Gerechtigkeit eintreten kann.
Dieses Thema ist mittlerweile bereits von der Linken und natürlich auch
von der CDU gut besetzt, wie man täglich in den Medien hören und
lesen kann.
Da überholt CDU-Rüttgers mit Bauernschläue die früheren Tugenden der SPD.

21.06.2008
21:05
Alt, aber arm?
von Dieter61 | #2

Mein Fazit der Veranstaltung
Aufregendes Reitz-Thema
In vielen Ausführungen ging es hart aber herzlich zu.
Viele wissen wo wir stehen mit Wirtschaft, Politik und
Gerechtigkeit. Die Moderation durch Herrn Reitz lag zwischen
den Herren Beckmann und Plasberg.
Unruhe und Gemurmel kam auf, wenn sich die Wirtschafts-
wissenschaftler zu Wort meldeten. Erst recht Herr Schnabel
hatte die Zuhörer nicht auf seiner Seite. Lebendigkeit und Zustimmung fand
Herr Jürgen Liminski, der beachtenswert 10 Kinder
mit einer Frau hat. Dieser bekam Anerkennung und Sympathien
aus dem Publikum .. Gern hätte ich gesehen, wenn es
mehr zu Fragen und Antwort aus dem Publikum gekommen wäre.
Diesem Eindruck kann ich mich nicht verschließen, was auch
sicherlich der Politikverdrossenheit der Bürger entspricht. Die Politik ist sehr
weit vom Wähler entfernt. Die Entscheidungen der Politik werden dem
Bürger übergestülpt. Viele Bürger und auch ich sind der Meinung, dass die
Demokratie schon eine arge Flanke in die Breitseite bekommen hat.
Ich werde dieses Thema vor Ort weiter tragen und mit jung und alt
in einer hoffentlich lebhaften Auseinandersetzungen diskutieren können.
Wenn Politik nicht rechtzeitig Zeichen setzt, werden die
kommenden Wahlen sehr schmerzlich für die beiden Volksparteien
ausfallen. Vorher reagieren, handeln, mit lösbaren
Konzepten an Probleme herangehen und mit keinen falschen Wahlversprechen
an den Start gehen. Nicht zuviel Flickschusterei bei den Symptomen

19.06.2008
20:30
Alt, aber arm?
von whippet | #1

politiker haben uns arm gemacht!!!!!!!!

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