Schrott auf sechs Rädern
26.08.2009 | 15:14 Uhr 2009-08-26T15:14:00+0200Udo Scharnitzki hat die weltweit größte Ein-Mann-Kapelle gebaut. Unser Video zeigt ihn in Aktion.
Udo Scharnitzki ist zweifelsohne das, was Politiker so gerne wären: beliebt, quer durch alle Generationen. Teenies bleiben verwundert, Eltern belustigt und Großeltern fasziniert stehen, wenn der Mann auftritt. Scharnitzki macht aber keine Politik. Auf seinen Reisen durch die Republik schwingt er auch keine Reden. Eher versetzt er seine Zuhörer in Schwingungen. Ihre Hüften, genauer gesagt. Dabei fordert er auch nicht, den Gürtel enger zu schnallen - und wenn, dann nur, damit den Menschen die Hose nicht herunterrutscht, wenn ihre Hüften kreisen und sie tanzen. Udo Scharnitzki ist Schrotti. Und Schrotti ist die größte Ein-Mann-Kapelle der Welt.
Bei schönem Wetter an der Rheinpromenade...
Sie blinkt, leuchtet und fla- ckert. Sie knallt und kracht. Musiklok nennt Scharnitzki seine rollende Ein-Mann-Kapelle, die als größte ihrer Art einen Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde vorweisen kann. Wie ein einziges Provisorium sieht sie aus. Ein Mobil, in willkürlicher Weise zusammengetackert. Aus Holz, Metall und Plastik. Schrott auf sechs Rädern. "Deswegen heiße ich Schrotti", sagt der Düsseldorfer Konstrukteur. Irgendwie wäre man wenig überrascht, wenn dieses tonnenschwere Gefährt aus Drähten, Glühbirnchen und Platinen plötzlich fliegen oder sogar durch die Zeit reisen würde.
Aber die Maschine hebt nicht ab. Sie macht nur Musik. Auf Stadtfesten, Firmenfeiern und bei schönem Wetter an der Rheinpromenade von Düsseldorf und Köln. Dann klackert und ratscht sie. Ein Waschbrett, ein Kochlöffel und eine leere Dose Katzenfutter geben den Rhythmus vor. Oben auf der Lok hockt Scharnitzki - kaum auszumachen hinter dem ingenieurtechnischen Chaos. Eine Gitarre hält er in der Hand, die Füße an Basspedal und Trommel. Ins Mikrofon, eine umfunktionierte Spülbürste, singt er "Mein kleiner grüner Kaktus..." Am liebsten spielt Schrotti Schlager aus den 50er und 60er Jahren.
Heute aber ist die Kapelle still. In einem Hinterhof im Düsseldorfer Szeneviertel Bilk hinter einer grauen Metalltür hat Udo Scharnitzki, der Daniel Düsentrieb des Rheinlandes, seine Werkstatt. Kurz nach dem Klingeln taucht der Ingenieur auf, lacht, begrüßt und gibt gleich eine erste Anekdote zum Besten. Eine Frau sei eben noch hier gewesen, "nur um sich bei mir für einen meiner letzten Auftritte zu bedanken". Der Mann mit backsteinfarbenen Haaren hat vor Jahren seinen bürgerlichen Beruf als Ingenieur für seine (Bastel-) Leidenschaft aufgegeben. "Ich muss nicht reich, sondern glücklich sein", betont er. Zu seinem Glück sei Geld weniger wichtig. Menschen zu unterhalten und ihnen ein Lachen abzuringen, treibe ihn an. Und der Dank der Frau, die ihn am Morgen überraschend besuchte, scheint ihm manchmal Lohn genug.
Seit über 30 Jahren werkelt der gelernte Ingenieur an seiner Maschine herum. "Meine Frau schimpfte oft mit mir. Ich hätte nur die Lok im Kopf." Und, stimmt es? Ja. Scharnitzki ist geschieden. Dennoch führt er einen Bund fürs Leben: "Mit dem Ding da ist das auch so eine Art Ehe", erklärt der 52-Jährige.
Viel Zeit verbringt er mit seiner Liebsten, oft bis in die frühen Morgenstunden tüftelt Scharnitzki an Mechaniken oder programmiert die Bewegungen der kleinen Puppen, die er an Bord seiner Lok angebracht und in sein gut halbstündiges Musikprogramm integriert hat. "Außerdem geht ständig etwas kaputt." Dann verbaut er, was ihm gerade in die Hände kommt. Sachen, die andere Menschen in den Müll schmeißen. "Bei mir wird nichts weggeworfen."
Politikern ist Udo Scharnitzki eine Nasenlänge voraus: Sein Umweltbewusstsein will ihm wohl kaum einer in Abrede stellen. Seine Lok ist schließlich ein klangvolles Recyclingwunder.
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