Mittig zwischen Autoscooter und Schach
16.03.2008 | 18:29 Uhr 2008-03-16T18:29:00+0100Köln. Es klingt martialisch: Als "Murderball" ist Rollstuhl-Rugby einst entstanden. In Köln läuft bis einschließlich Sonntag das weltgrößte Turnier dieses Sports - und gibt Einblicke in einen ganz speziellen Voll-Kontakt-Sport.
Das Bernd Best Turnier ist das größte Rollstuhl-Rugby-Turnier der Welt. Es jährt sich in diesem Jahr zum zehnten Mal.
Ein paar Zahlenspiele: Etwas unter 50 Mannschaften aus insgesamt 13 Ländern reisen zum Turnier an. Gespielt wird in Köln auf drei Spielstätten verteilt. Turniersieger werden in vier Leistungsklassen ermittelt. Die Final-Spiele steigen am Sonntag in der Sporthalle der Gesamtschule Holweide ab 14 Uhr. Dort gibt es dann auch ein buntes Rahmenprogramm, bei dem als Gast unter anderem die Maus vom WDR erwartet wird. Der Eintritt zu allen Spielen ist frei. Ausrichter des Turniers ist der Rollstuhl-Club Köln. Auf der offiziellen Homepage gibt es weitere Infos.
Für Zuschauer bietet Rollstuhl-Rugby etwas "für die Augen und die Ohren", wirbt Benjamin Putsch für seinen Sport. Mit seinen Mannschaftskollegen von den "BSNW Rugby Rats", mit Spielern aus ganz Nordrhein-Westfalen, kämpft der Wuppertaler beim Bernd Best Turnier in Köln um Titel und Pokale. Am Freitag hat das Turnier begonnen - am Sonntag stehen die Sieger fest. Putsch und seine Mannschaft rechnen sich was aus: "Wir sind führend in Deutschland und gehören zu den Top-Mannschaften in Europa." Sein Trainer will mindestens ins Halbfinale: "Von da an ist alles möglich", sagt Bert Metzger. Da steht das erste Spiel noch aus.
Teilnahmebedingungen
Putsch hat sich Anfang der 90er Jahre die Halswirbelsäule "angeknackst", erzählt der Student in der Sporthalle Bergischer Ring. In der stationären Reha hielt ihm jemand eine Broschüre mit Rollstuhl-Rugby hin und Putsch war sofort begeistert - seit 1994 betreibt er den Sport. Spielen darf Rollstuhl-Rugby prinzipiell jeder, an Turnieren teilnehmen grundsätzlich nur Menschen, die im Rollstuhl sitzen und zusätzlich noch an Behinderungen der Arme leiden.
Regelkunde
Ein bisschen Regelkunde: "Sämtlicher Körperkontakt ist verboten, Rollstuhl-Kontakt ist uneingeschränkt erlaubt", klärt Putsch auf. Körperkontakt gibt eine Minute Zeitstrafe. Gespielt wird vier gegen vier, vier mal acht Minuten, bei Unterbrechungen wird die Zeit gestoppt. Das Spielfeld hat die Ausmaße eines Basketball-Feldes, an beiden Enden stehen zwei Hütchen für die Tore, dahinter muss das Runde, gespielt wird mit einem Volleyball, auf den Boden geworfen werden. Maximal zehn Sekunden darf ein Spieler einen Ball auf dem Schoß halten.
Anforderungen
Was es für Rollstuhl-Rugby braucht: "Wer mit dem Sport anfängt, denkt, mit Stärke und körperlicher Überlegenheit ließe sich viel machen", sagt Putsch. Schnell allerdings stelle sich heraus, "dass ohne Taktik nicht viel geht". Schließlich gilt wie in jedem Sport: Es schadet nicht, körperlich und mental ausdauernd zu sein - "während eines Spiels gibt es keine Gelegenheit, sich zu erholen". Selbst wenn es bisweilen hart zugeht, die Verletzungen sind in der Regel nicht anders als in jedem anderen Sport, erzählt Putsch: Zerrungen, Dehnungen, Prellungen etc.
Vorbereitung
Putsch bereitet sich vor: Macht Tapes um Hände und Gelenke, zieht die Spezial-Handschuhe an, hievt sich vom "normalen" in den Sportrolli. Der kostet um die drei- bis viereinhalb tausend Euro und ist "bei den meisten Spielern eine Maßanfertigung" beispielsweise mit einem speziell eingestellten Sitz, ein bisschen breiter, höher oder tiefer als gewöhnlich, "nachträglich gibt es keine Verstellmöglichkeiten mehr". Ein Gurt lässt die Rollstuhl-Fahrer bei einem Sturz nicht herausfallen; die Füße stecken in einer Schale unter dem Sitz, die Knie sind so äußerst stark angewinkelt - beides "gibt Stabilität für die Füße".
Warm-Up
Warm-Up in der Sporthalle Bergischer Ring: Spieler der Rugby Rats rauschen von links nach rechts, die Sport-Rollis sind eigens für schnelle Antritte ausgelegt. Der Gegner, die "Cheesy Boys" aus der Schweiz, spielen Fünf gegen Eins statt des Fußball-bewährten Fünf gegen Zwei. Bedeutet: Der Fahrer in der Mitte rammt den jeweils Ballbesitzenden. Wenig später versammeln sich die Rats zum Halbkreis. Die Ansprache des Trainers, dann skandiert das Team "Eins, Zwei, Drei, Rugby Rats". Es geht zur Sache.
Spannung
Es hat etwas vom Autoscooter, wenn drei, vier, fünf speziell präparierte Rollstühle zusammenscheppern und das Aluminium krachen lassen. Wirklich viel passieren kann da nichts, erzählt Putsch am Rand: "Der Rollstuhl federt alles ab." Schon in der ersten Minute steht es 1:1. Rollstuhl-Rugby ist ein Spiel mit vielen Toren - auf beiden Seiten. So gehen Spiele auch mal 50:50 oder 60:60 aus, erzählt Putsch. Der Spannung tut das keinen Abbruch, nicht nur, weil es unablässig knallt. Selbst Laien erkennen bestimmte taktische Finessen auf Anhieb: Weil es nahezu unmöglich ist, den Ball im Schoß des Gegners zu erbeuten, ist die Alternative, entweder den Ballführer zu blocken oder seine Mitzuspieler sperrend und bedrängend schachmatt zu setzen, um Pässe zu verhindern. Derweil fiebert Putsch seinem Einsatz entgegen, aber das Turnier hat ja gerade erst begonnen.
Hoffnung
Peu a peu wird es draußen auf dem Parkplatz voller, die anderen Teams trudeln ein. Selbst aus Schweden oder Irland kommen Teams am Wochenende in die Domstadt. Beim Auftaktspiel hat sich bloß eine anscheinend zwangsverpflichtete Schulklasse auf die Tribüne am Bergischen Ring verirrt. Spätestens am Sonntag bei den Finalspielen soll es, so hofft nicht nur Benjamin Putsch, richtig voll werden auf den Rängen. Bis dahin werden es die Spieler noch einige Male krachen lassen, Bremsen kennt ein Rollstuhlrugby-Fahrer schließlich nicht.
11:12
Toller Artikel. Vielen Dank. (Ich wußte bis eben nicht mal, dass es Rollstuhl Rugby gibt.)