Gehörlose Eltern
02.06.2009 | 07:13 Uhr 2009-06-02T07:13:00+0200Mias erster Schrei blieb von den Eltern ungehört. Mutter und Vater können Geräusche nicht wahrnehmen. Sie sind gehörlos.
Wenige Gesten bewirkten wohl mehr als viele Worte.
Vor sechs Wochen kam die erste Tochter von Jochen (32) und Dolly (30) Breitenstein im St. Rochus-Hospital zur Welt. Mia ist kerngesund. Und: Sie hört. Das sagen zumindest die Ärzte. Die Erleichterung der Eltern, vor allem der Verwandten, war groß. Der erste Gedanke von Mama und Papa hing jedoch nicht an dieser Frage.
Kinder erlernen die Gebärdensprache
„Für gehörlose Paare ist es viel selbstverständlicher und problemloser, ein Kind zu bekommen, als Nichtbehinderte gemeinhin denken”, weiß Regina Schuster-Golembe vom Landesverband der Gehörlosen (Essen). Im Säuglingsalter sei zwar besondere Fürsorge erforderlich: „Wer sein Baby nicht schreien hört, muss halt stets in Sichtkontakt sein.” Doch je älter der Nachwuchs wird, desto einfacher gestalte sich der Alltag in der Familie. „Die Kinder erlernen die Gebärdensprache. Schon früh eignen sie sich einen großen Wortschatz an, der die Kommunikation mit Mama und Papa möglich macht.”
Demnach wird Mia zweisprachig aufwachsen. Hat sie daheim in Dortmund doch nicht nur ihre Eltern, sondern stets auch Oma, Opa, Onkel, Tante und sogar den Uropa um sich. Sie alle hören, sprechen. Und sie leben mit der jungen Familie unter einem Dach.
Die Oma hat die Mutter geweckt
Ihr Dasein hat Mia in ihrer ersten Nacht im Stubenwagen lautstark demonstriert. Für alle hörbar. Nur nicht für die Eltern. „Sie ist in einem Zwei-Stunden-Rhytmus wach geworden, wollte an Mamas Brust”, berichtet Oma Margrit. Die war es auch, die jedesmal aufgestanden ist, um ihre Schwiegertochter aus dem Schlaf zu holen.
Zwar kann nicht jedes gehörloses Elternpaar – wie bei den Breitensteins – auf einen funktionierenden Familienverbund zählen. „Eine besondere Aufsicht oder gar amtliche Kontrolle ist in solchen Fällen dennoch nicht vorgesehen. Das wäre auch diskrimierend”, betont Stadtsprecherin Nicole Fulgenzi. Nur wenn es stichhaltige Hinweise gibt, dass das Kindeswohl gefährdet sein könnte, werde das Jugendamt aktiv und besucht die Familie vor Ort.
Es ging auch ohne Dolmetscher
Bei den Breitensteins wird die Behörde kaum Grund zum Einschreiten haben. Schon im Krankenhaus wusste sich das junge Elternpaar zu helfen. „Der Vater der kleinen Mia hat alles aufgeschrieben, wenn kein Dolmetscher in der Nähe war”, erinnert sich die betreuende Kinderkrankenschwester Jasmin Kochanski. „Über Zeichensprache und mit Stift und Zettel hat das wunderbar funktioniert.” Bei der Entbindung selbst war es Mias Tante Melanie, die zwischen Mutter und Hebamme vermittelte.
Die Kontrolle des Hörvermögens durch einen Facharzt ist bei Neugeborenen seit Anfang des Jahres vorgeschrieben. „Die Krankenhäuser sind verpflichtet, das sicher zu stellen”, erklärt Jasmin Kochanski. Vorbelastete Kinder, wie die kleine Mia, werden mit besonderer Vorsicht behandelt. Deshalb muss sie in wenigen Wochen wieder zur Kontrolle. Dass sich die Diagnose nach dem positiven Signal nochmal ändert ist allerdings unwahrscheinlich. Für die Famile: Glück pur – auch ohne Worte.
20:52
Herrje, wie die ältere Dame mit bzw. über die junge Mutter Dolly redet - als wäre sie selbst noch ein Kind oder geistig nicht auf der Höhe. Ich empfinde diesen Beitrag als ziemlich miese Darstellung von gehörlosen Eltern und dem Thema in keiner Weise angebracht. Wiedermal redet man nur durch Mittelpersonen und Dritte über die Betreffenden und nicht mit den Eltern selbst. Schade, aber typisch hörend. Auf den Tag, an dem Gehörlosigkeit mal nicht als Behinderung und Eingränzung der Selbstständigkeit gezeigt wird, kann man wohl noch einige Zeit warten...
10:02
Gerade bei Schreikindern ist das eine sehr angenehme Art des Zusammenlebens....
21:11
In unserem Mietshaus wohnt eine Familie mit drei Kindern. Beide Eltern sind taub, verständigen sich mit den Kindern über Gebärdensprache. Die Lautsprache können die Nachbarn auch ein wenig, auch wenn es manchmal schwierig ist sie zu versehen. Da muss man sich als Hörender eben etwas mehr Mühe geben. Ansonsten, wie schon im Artikel beschrieben, kommuniziert man eben schriftlich. Das nachbarschaftliche Zusammenleben klappt wunderbar. Die drei Kinder, die übrigens hören können, sind absolut super geraten, sehr höflich und zuvorkommend, sogar trotz Pubertät.
19:11
@ bukowski
Sie haben vollkommen Recht!
Das würde ich mir für alle (Vor-) Schulkinder wünschen. (...)
18:37
Oliver Sacks hat ja bereits vor Jahren festgestellt, dass Gebärdensprache für jedes Kind, auch das hörende, die beste Kommunikationsmöglichkeit schon im Säuglingsalter ist.
Eigentlich sollte Gebärdensprache schon in der Grundschule zum Lehrplan gehören, es erweitert die kognitive Kompetenz enorm und macht Kindern tierisch Spass.