Wenn Oma lächelt
24.11.2010 | 18:02 Uhr 2010-11-24T18:02:00+0100
Dortmund.Bei richtiger Behandlung des Guillan-Barré-Syndroms gehen Lähmungserscheinungen wieder weg. Es sei denn, es gibt Komplikationen.
Ich laufe durch die nach Desinfektionsmittel riechenden Gänge des Knappschaftskrankenhaus. Ein Arzt im grünen OP-Anzug begrüßt mich mit einem Lächeln. Wie kann so ein Mensch lächeln, der Tag für Tag mit leidenden oder halb toten Patienten zu tun hat?
Nun erreiche ich das Zimmer Nr. 223, ich kann mir die Zahl merken, denn unser Klassenzimmer hat dieselbe. Die Tür ist nur angelehnt, ich klopfe zweimal und schlüpfe dann durch den Spalt. Meine Oma, die seit einem Monat auf der Intensivstation liegt, lächelt mich an.
Sie lacht tatsächlich, sie ist ein wunderbarer Mensch, denke ich.
Sie ist zurzeit stumm, wird mit einem Schlauch, der in ihrem Hals steckt, ernährt. Also kann sie nicken oder ein wenig den Kopf schütteln. Ich berühre ihre Hand, sie ist warm und weich, ich will meine Hand zurückziehen, denn meine ist eiskalt, doch ich weiß, dass sie es nicht spürt.
Nun war meine Oma schon in fünf Krankenhäusern, die Ärzte schieben sie herum wie ein heißes Stück Eisen. Doch meine Oma soll geheilt werden, bete ich. Guillan-Barré-Syndrom, der Name der Krankheit meiner Oma. Er sagt mir nicht viel, deshalb schaue ich in dem Pschyrembel meiner Mutter nach.
„Immer, wenn ich daran denke, kommen mir die Tränen“
Von den ganzen ärztlichen Fachbegriffen verstehe ich nicht viel. Nur: Anscheinend kann jeder diese Krankheit von heute auf morgen bekommen, der sich irgendwann mal mit Masern- oder Mumps-Viren angesteckt hat oder in Kontakt mit Salmonellen gekommen ist. Die Lähmung wandert innerhalb weniger Tage von den Füßen bis zum Kopf, so kann der Patient keine Luft mehr bekommen und muss künstlich beatmet werden. Wenn das Syndrom richtig behandelt wird, kann die Lähmung vollständig zurückgehen – außer es kommt zu Komplikationen.
Acht Tage später erreicht mich die Nachricht, dass die Lähmung an ihren Armen zurückgeht, doch an den Beinen für immer bleiben wird. Sie wird ein neues Leben anfangen müssen, denke ich und male geistesabwesend einen Rollstuhl auf meine Schreibtischplatte. Immer wieder, wenn ich daran denke, kommen mir die Tränen, doch ich will nicht ständig weinen.
Es vergehen Monate, meine Oma liegt nun in Bonn in einer Reha-Klinik. Jetzt kann ich sie nur noch selten besuchen. Ich laufe den Gang entlang, mit einem Blick in ein Zimmer sehe ich, wie ein Mann im Wachkoma liegt. Er sieht aus, als wäre er wach, doch er ist nicht bei Bewusstsein, an seinem Bettrand steht ein weinendes Kind. Ich desinfiziere nochmal meine Hände und verlasse die Klinik.
Hoffentlich kann meine Oma das auch bald tun.
Licia Flocke, Klasse 8c, Käthe-Kollwitz-Gymnasium Dortmund

13:13
wunderschön,lici ;*
ich hoffe es auch sehr, das deine oma wieder gesund wird. sie ist ein toller mensch!
17:21
ja geil, ne ?! :D :*
20:10
das ist so toll !:)
20:00
Wow
19:05
Der ist echt richtig geworden.
Sehr berührend ;*
?
17:50
total rührend!
ich liebe den artikel;)
toll gemacht lici
?
15:59
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