Das aktuelle Wetter NRW 12°C
Trauma-Verarbeitung

Seelsorger helfen Zeugen der Loveparade-Tragödie

26.07.2010 | 16:19 Uhr

Essen.Sie waren eingequetscht, hatten Atemnot, sahen Tote, gerieten in Panik. Die Menschen, die die Tragödie im Tunnel zur Loveparade erlebten, stehen unter Schock. Seelsorger helfen ihnen jetzt. Doch auch die Familien sind gefragt.

Sie waren eingequetscht zwischen anderen Menschen, wurden an die Wand gedrängt oder standen selbst auf anderen Körpern – was in dem Zugangstunnel zur Loveparade passierte, war grausam und sitzt bei den Betroffenen tief. Hunderte Menschen, die ausgelassen feiern wollten, gerieten am Samstag in die Massenpanik. Sie wurden verletzt, sind schockiert. Doch an wen können sie sich jetzt wenden, wer hilft?

„Chaos, Schmerzen, Schreie – es war einfach schrecklich“, fasst Michael Stern zusammen, was er am Rande der Loveparade erlebt hat. Er sah Einsatzkräfte, die zusammenbrachen. Männer wie Bäume, die weinten wie kleine Jungen. Und viele von ihnen kamen zu Stern. Denn er ist Seelsorger und war am Samstag für die Betreuung der Feuerwehrleute und Polizisten zuständig. „Ich habe so ein klares Bild im Kopf, was da genau passiert ist in diesem  Tunnel“, sagt Stern. Denn die, die es miterlebten, haben es ihm erzählt: „Chaos, Tote, Verletzte. Viele haben mir gesagt: ,Da unten war einfach nur Krieg.’“

Deshalb gibt es auch in den Tagen danach für Michael Stern noch viel Arbeit. Er ist Mit-Organisator der Hotline für Betroffene. Per Telefon werden Opfer und Angehörige an Psychotherapeuten vermittelt oder erhalten Informationen über Vermisste. „Hier laufen alle Drähte heiß“, sagt Stern im Interview und muss sich dann auch schon wieder verabschieden. Sein drittes Telefon klingelt.

„Hier laufen alle Drähte heiß.“

„Nach einem solchen Erlebnis ist jeder belastet“, weiß Traumatologe Dr. Klaus Wackernagel aus Essen. Für eine gewisse Zeit sei das normal. „Das Sicherheitsgefühl ist erschüttert.“ Um eben diese Sicherheit wiederzubekommen, gebe es zwei Regeln für den Umgang mit Opfern: Traumatisierte Menschen haben häufig den Drang sich mitzuteilen, gleich zehnmal das gleiche Ereignis zu schildern. Familie und Freunde sollten dann einfach zuhören. Genauso gebe es den Rückzug, die Verleugnung. „Dann sollte man die Traumatisierten auch einfach in Ruhe lassen“, weiß der Psychotherapeut.

Hier gibt es Hilfe für Betroffene und Angehörige:

Hotline der Stadt Duisburg: 0203/ 94000

Betreuungshotline der Polizei Essen: 0201/ 82 98 091

Andere Ansprechpartner:

Evangelische Telefonseelsorge: 0800/ 111 0 111

Juristische Beratung für Betroffene bei Strafanzeigen gegen die Verantwortlichen, Professor Thomas Feltes: 0173/3170807

Mit unaufdringlicher Aufmerksamkeit und Geduld ihres Umfeldes könnten Betroffene das Geschehene verarbeiten und so das Trauma überwinden. „Wenn nach zwei bis drei Monaten immer noch Angstzustände oder Albträume auftauchen, sollte dennoch professionelle Hilfe gesucht werden“, sagt Wackernagel.

Verantwortliche sollten Schuld eingestehen

Wer keine Rückzugsmöglichkeit oder Hilfe im privaten Umfeld findet, sollte sich natürlich sofort an die Seelsorger wenden. „Wird das Erlebte einfach ignoriert, drohen Posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen oder Angstzustände“, erklärt der Traumatologe. Erkrankungen, die auch bei Soldaten, Vergewaltigungsopfern oder den Überlebenden einer Katastrophe beobachtet werden.

Und noch einen wichtigen Punkt betont Psychotherapeut Wackernagel: „Die Veranstalter sollten ihre Schuld anerkennen.“ Betroffene zweifeln sonst an der Realität, denken, sie hätten sich das Erlebte vielleicht nur eingebildet. „Dann können sie ihr Sicherheitsgefühl so schnell nicht mehr aufbauen. Deshalb sollten die Verantwortlichen deutlich sagen: ,Ja, wir haben einen Fehler gemacht.’“

Hier gibt es mehr Informationen zur Loveparade-Tragödie.

Vera Kämper

Facebook
 
Kommentare
27.07.2010
15:59
Seelsorger helfen Zeugen der Loveparade-Tragödie
von Monika Kreusel- | #4

Ich finde, bevor eifrig, auch von außen über die Schuldigen diskutiert wird, bevor konkrete Ermittlungsergebnisse vorliegen, ist es wichtig und notwendig, dass die davon betroffenen Besucher der Loveparade und ihre Angehörigen, Ruhe, Sicherheit, Rückhalt und ggf. auch professionelle theraputische Hilfe bekommen.

27.07.2010
00:18
Blockierter Kommentar.
von sich-Fragender | #3

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

26.07.2010
21:52
Blockierter Kommentar.
von sich-Fragender | #2

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

26.07.2010
16:37
Seelsorger helfen Zeugen der Loveparade-Tragödie
von Osman | #1

Mein Herzlichen Beileid an die Angehörigen Freunde Und Familie!!! Ich Hoffe es hatt bald ein ende mit dem suche der verursacher!!!

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/3289098/create

Umfrage
Der Eurovision Song Contest rückt näher - wer ist Ihr Favorit für den ESC-Sieg?

Der Eurovision Song Contest rückt näher - wer ist Ihr Favorit für den ESC-Sieg?

 
Aktuelle Fotos und Videos
Schlager total
Bildgalerie
Party
Japan-Tag in Düsseldorf 2011
Bildgalerie
Aktionstag
Feuershow und Brass Pop
Bildgalerie
Fotostrecke
Traumtag bei WIM
Bildgalerie
Montgolfiade
Aus dem Ressort
„Wollen uns jetzt die Krone aufsetzen“
Hallenfußball-Stadtmeiste...
Es war offensichtlich ein gutes Omen. Schon bei der Ge-sprächsrunde im Rundschau-Haus vor Beginn der Hallen-Stadtmeisterschaft hatte Do-minik Behrend keinerlei Be-rührungsängste gezeigt. Beim Gruppenbild mit den sechs Kollegen der anderen Klubs nahm er entschlossen jene Trophäe in die Hand, die er...
Rieske widerlegt sämtliche Skeptiker
Hallenfußball-Stadtmeiste...
Was die Hallenfußball-Stadtmeisterschaft betrifft, war der FC Brünninghausen bislang ein unbeschriebenes Blatt. Erst zum sechsten Mal hatte sich der Landesligist für die Endrunde qualifiziert, war dort zuvor meist sang- und klanglos ausgeschieden. Jetzt startete das Team von Trainer Volker Rieske...
Video