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Loveparade

Sauerland sieht sich als Getriebener

15.08.2010 | 22:12 Uhr
Sauerland sieht sich als Getriebener
Morddrohungen: OB Adolf Sauerland sieht sich als Getriebener. Foto: Friedhelm Geinowski

Essen.Drei Wochen nach der Loveparade-Katastrophe, bei der 21 Menschen starben, spricht der Duisburger CDU-Oberbürgermeister Sauerland - vor allem über sich selbst. Einen Rücktritt lehnt er nach wie vor ab, eine persönliche Schuld sieht er nicht.

Gezeichnet sieht er aus, mit tiefen Ringen unter den Augen. „Ein Getriebener“, so nennt er sich. Er, der Morddrohungen erhalte und seine Familie in Sicherheit bringen musste. Er, der mit aller Kraft an der Aufklärung mitwirken, bis dahin aber im Amt bleiben wolle. Er, der jeden Abend vor dem Einschlafen über seine moralische Verantwortung grüble. Adolf Sauerland, das Opfer.

Tatsächlich aber nutzte Sauerland Interviews im „Spiegel“ und im Fernsehen, um sich als Aufklärer darzustellen. „Ich bin nicht hier, um Schuldzuweisungen zu erheben“, sagte er in der WDR-Sendung „Kreuzverhör“ am Sonntagabend. In langen Sätzen legte er dar, warum er vorerst keine Veranlassung sehe, aus politischer Verantwortung heraus zurückzutreten. Ruhig und abgeklärt wirkte er dabei. Sauerland führte er aus, dass die Stadtverwaltung das Veranstaltungskonzept geprüft habe, zudem externe Gutachter beauftragt habe. Eine persönliche Schuld wies er von sich, der Verursacher müsse noch gefunden werden: „Natürlich stelle ich mir die Frage, ob man das Amt nach so einem tragischen Ereignis weiter ausüben kann. Aber diese Antwort werde ich erst dann geben, wenn ich die Antworten auf die uns alle bedrückenden Fragen habe“, sagte Sauerland. Auf Nachfrage, wann er zurücktrete, antwortete er: „Meine erste Aufgabe ist die Aufklärung. Das kann ich nur, wenn ich im Amt bin. Nur dann habe ich den Zugang zu den Akten und Dokumenten.“

Will nicht zurücktreten: Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland. Foto: ddp

Nein, er sei in den vergangenen Wochen nicht weggetaucht, entgegnet Sauerland auf die Anmerkung, die Stadt Duisburg sei derzeit ohne Repräsentant. Er habe Kontakt mit der Mutter eines Opfers. Die Stadt habe sich bemüht, die Adressen weiterer Betroffener zu bekommen, um diesen Familien sein Beileid auszudrücken. Aus Datenschutzgründen aber hätten Landesbehörden der Stadt die Herausgabe der Adressen verweigert. Die Trauerbriefe der Stadt hätten deswegen bislang nicht verschickt werden können, sagt Sauerland.

Druck des Veranstalters war groß

Eine persönliche Mitschuld oder Fehler im Genehmigungsprozess sieht Sauerland nicht. Keinesfalls habe er im Vorfeld der Loveparade persönlich darauf hingewirkt, die Veranstaltung unter allen Umständen durchzuführen. Auch habe man bei der Sicherheit keine Kompromisse gemacht.

Doch stimmt das wirklich? In 35 Aktenordnern, die nun von der Staatsanwaltschaft durchforstet werden, will die Duisburger Stadtverwaltung dokumentiert haben, wie die Planungen zur Megaparty abliefen. Ein Teil der Dokumente, über 300 Seiten, liegt der WAZ-Mediengruppe vor. Darin zeigt sich, dass Oberbürgermeister Sauerland sehr wohl über massive Sicherheitsbedenken gewusst haben musste. Auch wird deutlich, wie groß der Druck des Veranstalters Lopavent auf die Stadtspitze war, das Event nicht an Fristversäumnissen und fehlenden Unterlagen scheitern zu lassen.

Zehn Tage vor der Loveparade droht das Duisburger Bauaufsichtsamt Lopavent in einem Schreiben, die Techno-Party gebührenpflichtig abzusagen, weil noch immer wichtige Papiere fehlten. Konkret moniert der Beamte einen fehlerhaften Prüfbericht über mobile Zaunelemente, aus dem nicht hervorgehe, welche Variante aufgestellt werde. Der Beamte warnt, dass die Zäune Stolperfallen darstellen könnten – eine Befürchtung, die bei der Massenpanik Wirklichkeit wurde. Eine Kopie dieses Schreibens ging an das Büro des Oberbürgermeisters.

Sauerland hält dagegen, dass Lopavent fünf Tage später die Unterlagen nachgereicht habe. Den Vorwurf, dass die Stadt im Genehmigungsprozess dem Veranstalter entgegen gekommen sei, um die Loveparade nicht zu gefährden, weist der Oberbürgermeister zurück: „Wir haben als Verwaltung unsere Vorstellungen durchgesetzt und sind nicht zurückgewichen“, sagte er im WDR-Fernsehen. Der Veranstalter habe deswegen im Vorfeld seine Konzepte nachbessern müssen.

Lopavents Drohung

Lopavent aber ist offenbar nicht zu allem bereit. Fünf Tage vor der Loveparade lässt der Veranstalter über seine Rechtsanwälte eine Genehmigung bei der Stadt Duisburg einfordern. In einem Schreiben an Sauerland weist die Kanzlei Härting auf die Folgen einer Absage hin: „Die immensen wirtschaftlichen Schäden, die nicht nur der Veranstalterin, sondern auch der Metropole Ruhr und der Stadt Duisburg entstehen, wenn die Veranstaltung aus einem solchen Grund abgesagt werden muss (und sich im Nachhinein herausstellt, dass der Widerspruch rechtswidrig war), überwiegen die denkbaren Beeinträchtigungen.“

Am 23. Juli, erst einen Tag vor dem Veranstaltungstermin, wird die Loveparade genehmigt. Sauerland ist an diesem Tag im Urlaub. Warum er trotzdem von der Sicherheit der Großveranstaltung ausging, obwohl bis zuletzt Unterlagen fehlten, begründete er im Spiegel so: „In der letzten großen Sitzung mit allen Beteiligten bat der Beigeordnete Wolfgang Rabe (der Sicherheitsdezernent, Anm. der Redaktion), Bedenken mitzuteilen. Keiner hat das getan.“

Jürgen Polzin

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Kommentare
30.09.2010
19:59
Sauerland sieht sich als Getriebener
von carron | #263

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20.08.2010
23:20
Sauerland sieht sich als „Getriebener“
von soisset | #262

herr sauerdrops. haben sie mittlerweile ihrem sohn das wort MENSCHLICHKEIT erklärt? oder die bedeutung des wortes VERANTWORTUNG
ach sorry, geht ja nicht! Die Bedeutng dieser Worte kennen Sie ja selber nicht!

19.08.2010
08:37
Sauerland sieht sich als „Getriebener“
von Entsetzt | #261

Statt aufzuklären, bedroht OB Sauerländer nun jeden, der genau das versucht, mit Einstweiligen Verfügungen und Anwälten. In seiner Stadtverwaltung hat er allen den Maulkorb der Verweigerung der Aussagegenehmigung erteilt, und längst führt er diese Verwaltung nicht mehr. Sein Pressesprecher weiss nicht, was seine Anwälte tun, und dass Anwälte anstelle der Verwaltung tätig werden, spricht Bände...
Duisburger, geht wieder auf die Straße und fordert solange den Rücktritt, bis Sauerland endlich geht! Diese Zustände sind eine Schande.

19.08.2010
08:18
Sauerland sieht sich als „Getriebener“
von Staatsbürger | #260

Warum ist OB Sauerland eigentlich noch nicht vom Dienst durch die Dienstaufsicht suspendiert? Warum lässt die Kommunalaufsicht derartige Aufklärungsmaßnahmen zu wie das Engagement eines PR-Beraters oder die Beauftragung von Anwälten zur Verfolgung und Unterdrückung von Berichterstattung im öffentlichen Interesse an Aufklärungß

Und wieso ist OB Sauerland noch nicht in Untersuchungshaft? Dringender Tatverdacht der fahrlässigen Tötung besteht doch, und der Haftgrund der Verdunkelungsgefahr, § 112 Abs. 2 Nr. 2 Strafprozessordnung, scheint auch erfüllt...

Wann kehren eigentlich wieder halbwegs rechtmäßige Zustände in Duisburg ein? Oder hat das Drunter und Drüber gar kein Ende mehr? Was für eine Posse. Wenn da nicht 25 tote Menschen wären.

18.08.2010
20:23
Sauerland sieht sich als „Getriebener“
von Eine Mutter | #259

ich finde das ganze geschehen fürchterlich !!!!
meiner meinung nach gehört auch ob sauerland mit zu den verantwortlichen.es heisst doch so schön : UNWISSENHEIT SCHÜTZ VOR STRAFE NICHT oder MITGEHANGEN MITGEFANGEN !!!!!
und klar wussten die worauf die sich einlassen, aber das liebe GELD war wichtiger als MENSCHENLEBEN !!!!!

18.08.2010
14:39
Sauerland sieht sich als „Getriebener“
von schnilch | #258

tja, mit dem verschwindenlassen von unterlagen im internet ist das anscheinen so eine sache. hier ist ein ganz interessanter artikel zu den verbotenen sauerland-papieren, über die gestern berichtet wurde.

http://www.ruhrbarone.de/die-verbotenen-sauerland-papier-sind-wieder-da/

17.08.2010
19:56
Sauerland sieht sich als „Getriebener“
von Talking Head | #257

ein gutachten muss belegbar sein. das kann die kanzlei des ob sauerland offenbar nicht leisten. darum stelle ich das gutachten generell in frage, da die angaben sind nicht prüfbar sind.

17.08.2010
17:31
Sauerland sieht sich als „Getriebener“
von kersten | #256

# 254
Laut einstweiliger Verfügung darf xtranews die Dokumente zum Gutachten von Frau Jasper nicht mehr veröffentlichen. Auf Antrag der Stadt Duisburg, vertreten durch Adolf Sauerland.
Da mache sich jeder seine eigenen Gedanken.

17.08.2010
12:40
Sauerland sieht sich als „Getriebener“
von taosnm | #255

#254 enttäuschter Duisburger

Setzen Sie Ihre Enttäuschung in Aktivität um. In den Foren gibt es Menschen, die etwas tun wollen, schliessen Sie sich ihnen an.

Fangen Sie an, Kerzen vor dem Rathaus aufzustellen, eine Mahnwache zu installieren usw. usw.

17.08.2010
12:00
Sauerland sieht sich als „Getriebener“
von Ein enttäuschter Duisburger | #254

Nach dem ich das Gefälligkeitsgutachten gelesen habe, sollte der OB Sauerland sich und der Stadt einen letzten Gefallen tun, und endlich zurück treten.

Zum Gutachten (mit Anlagen) siehe: http://www.xtranews.de/2010/08/17/die-dokumente-zum-loveparade-gutachten-der-frau-dr-jasper/

Der WDR-Fernsehauftritt am Sonntag war einfach nur peinlich.

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