Das aktuelle Wetter NRW 12°C
Katastrophe

Loveparade - die Trauer zieht weiter

05.09.2010 | 18:45 Uhr
Loveparade - die Trauer zieht weiter

Duisburg.Das Meer der Melancholie hat sich zurückgezogen. Kerze um Kerze, Stofftier um Stofftier, Abschiedsbrief um Abschiedsbrief. Stattdessen ist ein Berg gewachsen, in einem schwarz lackierten Baucontainer mit gläserner Front. Ein Hügel voller Bilder, voller Erinnerungen. Die Trauer um die Opfer der Loveparade, sie ist noch immer da. Sie zieht nur um.

Zum letzten Mal, bevor der Unglückstunnel wieder für den Straßenverkehr geöffnet wird, kommen die Menschen an diesem Samstag zur Karl-Lehr-Straße in Duisburg. Und mit ihnen die Anteilnahme. Als würde diese nicht schon beengend genug wirken, drückt von oben herab das flache Gewölbe des Gelben Bogens unentwegt auf die Seelen. Ein Künstler empfängt die Besucher mit seiner Trommel. Dumpfe Töne hallen durch den Tunnel – mal ist es ein lauter, bedrohlich klingender Schlag mit dem Stock, mal ein leises, mahnendes Trommeln mit den Fingerspitzen. Man mag sich kaum ausdenken, welches Drama sich hier abgespielt hat.

Sechs Wochen haben Bürger aus Duisburg und der gesamten Republik der 21 Menschen gedacht, die am 24. Juli bei der Loveparade so abrupt aus ihrem Leben gerissen geworden sind. Die Menschen, die vielleicht Glück gehabt haben an jenem Tag, und später nochmal wiedergekommen sind, haben ein Bild der tiefen Betroffenheit hinterlassen, das in den vergangenen Tagen noch größer geworden ist. Stofftiere. Mit glitzernden Herzchen beklebte Bilderrahmen, in denen Abschiedsworte der Familien, der Freunde festgehalten sind. Geschichten, Gedichte, Beileidsbekundungen. Irgendwo steht geschrieben: „Gott! Du hast so viele Engel. Warum hast Du unsere genommen?“ Gebastelte Collagen, große Pappen, auf denen die Namen und teilweise auch Fotos der Opfer verewigt sind. T-Shirts, Herzen. Aber auch Anklagen und die immer wieder kehrende Frage: Warum?

Verweinte Augen hinter großen Sonnenbrillen

Auch an diesem Tag, an dem ein paar Hundert dem Aufruf des Bürgervereins Gedenken gefolgt sind, die Erinnerungsstücke würdevoll aufzusammeln, beschäftigt dies die Menschen. „Wie man durch so ein Mäuseloch Leute jagen kann“, sagt ein Mann in die Runde und schüttelt mit dem Kopf. Viele Besucher nehmen sich in die Arme, falten die Hände zum Beten, ihnen läuft noch einmal der Schauer eiskalt den Rücken herunter. Das Entsetzen über das Versagen der Politik, die Schlammschlacht um Schuldzuweisungen, die immer neuen Nachrichten von Gutachten, Gegengutachten und Gegengegengutachten eint die Duisburger in ihrem Denken, in ihrem Frust – demgegenüber steht der schreckliche Verlust eines geliebten Menschen.

Viele der Angehörigen sind gekommen, sie tragen Liebe in sich und die Trauer nach außen. Ein junger Mann, der hier seine Freundin verloren hat, trägt auf der Rückseite seines T-Shirts ein Bild von ihr mit sich. Vorne steht darauf geschrieben: „Du lebst in unseren Herzen ewig weiter“. Die anderen verstecken ihre verweinten Augen hinter großen Sonnenbrillen, der Zugang zu ihrer Gefühlswelt ist mit schweren Steinen zugemauert. Manche von ihnen sind das erste Mal in Duisburg, sie stehen vor der Rampe und blicken auf die Treppe.

Durch den Tunnel fahren wieder Autos

Am Morgen wurde eine bronzene, schlichte Gedenktafel angebracht. Keinen Meter breit, mit der Aufschrift: „Duisburg gedenkt der Opfer der Loveparade 24. Juli 2010“. Man mag mit ihnen weinen, wenn sie sich vorstellen, wie ihre Kinder, ihre Geschwister, ihre Lieben hier aussichtslos um ihr Leben gekämpft haben. Ihre Gedanken, ihre Worte, die teilweise von der Trauer geschluckt werden, zu verstehen, fällt schwer – sie hier wiederzugeben, unmöglich. Eine Frau nimmt alle Kraft zusammen, sie wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und holt einen Fotoapparat heraus.

Wie schwer muss es ihr fallen, diesen Ort in einem Bild festzuhalten?

Es ist gut, dass die Trauernden in diesem intimen Moment nicht alleine sind. Sie werden begleitet von Seelsorgern, die sich ihrer schon kurz nach dem Unglück angenommen haben. „Es ist wichtig, immer wieder darüber zu reden“, sagt einer von ihnen, Richard Bannert. Die Seelsorger geben den Angehörigen die Möglichkeit, ihr Herz nicht zu Stein werden zu lassen, je tiefer sich der Schmerz über den Verlust darin eingräbt. Es wird noch lange dauern, diese Bilder zu verarbeiten, die auch vereinzelte Katastrophentouristen mit ihren Handys, Foto- und Filmkameras festhalten und die Richard Bannert sehr nachdenklich stimmen: „Da ist eine Kultur in unserer Gesellschaft kaputtgegangen, die Menschen gieren nach Bildern, nach Action“, sagt er mit aller Deutlichkeit, „die Privatsphäre wird mit Händen geschlagen und mit Füßen getreten.“

Provisorischer Trauer-Schrein

Die Bürger sammeln die Devotionalien auf und bringen sie in Plastikkörben zum Glaskubus, dem provisorischen Trauer-Schrein. Im Inneren steht erneut Schwarz und Weiß: „Duisburg gedenkt der Opfer der Loveparade“. Die Angehörigen halten davor inne, während die Helfer die Kisten auspacken. Es klirrt, ein paar Kerzen werden im Kubus ausgeschüttet. Später welken vor der Glasfront die Blumen weiter vor sich hin, sie lassen ihre Köpfe schon lange hängen. Viele Trauernde haben eigene Bilder an die Opfer mitgebracht, die nun ganz vorne im mittleren Fenster aufgestellt werden. Der Tod, er bekommt hier nochmal Gesichter. Sie sind jung, fröhlich, unschuldig.

Einigen missfällt aber auch diese Form der Aufbewahrung: „Einfach lächerlich“, sagen sie, das sehe aus „wie ein Müllhaufen“. Auch der Ort ist umstritten. Zum einen, weil der Kubus durch Bäume und Sträucher für Passanten verdeckt ist. Zum anderen, weil sich Anwohner gegen die Aufbewahrungsstätte auflehnen. Ihre Jalousien sind an diesem Nachmittag demonstrativ heruntergelassen.

Massenpanik an der Rampe zur Loveparade

Durch den Tunnel rollt mittlerweile wieder der Verkehr. Auf dem Asphalt wird schon bald der Abrieb der Reifen die Kreide überdecken, mit der die Leichen umrandet wurden. Der Regen wird die letzten Wachsblumen wegspülen, die ungefallene Grablichter auf den Gehsteig gemalt haben. Was bleibt, sind die Trauer und die Erinnerung – sie haben sich in diesem Tunnel für ewig in die Steine gebrannt. 

Andreas Berten

Facebook
 
Kommentare
08.09.2010
09:59
Loveparade - die Trauer zieht weiter
von zardes | #26

#22 von saarner
Sauerland alleine ist eine Beleidigung für unsere Stadt.
Der hier viel genannte Pöbel, der sitzt in der Verwaltung! Denn dort sitzen die Damen und Herren, die diesem unmenschlichen, unmoralische OB Sauerland keinnen Einhalt gebieten.
Das sind doch die Atribute des Pöbels: unmoralisch, unmenschlich, selbstinzenierend, rücksichtslos, selbstmitleid und und und......
Trifft doch alles auf diese Verwaltung zu, oder können Sie das wiederlegen?

06.09.2010
13:53
Loveparade - die Trauer zieht weiter
von taosnm | #25

#22 saarner

Wenn man Ihre Beiträge liest, fragt man sich, in welcher Welt Sie leben und ob Sie des Lesens und Verstehens tatsächlich mächtig sind.

Es geht weder um Beleidungen noch um Verleumdungen, es geht um verzweifelte Aufrufe an den OB und seine Gang, das zu tun, was ein normaler Mensch mit Anstand und Ehre tun würde. Da muss in Ihrer sozialen Entwicklung irgendetwas gefehlt haben, wenn Sie das nicht verstehen können oder wollen.

Es ist richtig, keiner der 21 jungen Menschen wird wieder lebendig, doch gibt es in der Trauer Hilfe, Hilfe in der Form, dass diejenigen, die den Tod eines Kindes zwar nicht verschuldet, dennoch zu verantworten haben, zu dieser Verantwortung stehen. Wenn diese armseligen Gestalten dann nur noch eines im Sinn haben, nämlich sich selbst zu entschulden, noch nicht einmal in der Lage sind, anständig zu kondolieren, dann verstärkt das nicht nur die Trauer, sondern auch die Wut. Dass die verzweifelten Familien hier nicht selbst mitkämpfen, ist selbstverständlich, sie haben keine Kraft. Doch glücklicherweise gibt es Menschen, die mitfühlen können, und die setzen sich hier ein.

Es gibt übrigens ein sehr gutes Buch, das ich Ihnen zur Lektüre empfehle: Die Unfähigkeit zu trauern von Alexander Mitscherlich. Es geht um ein anderes Trauerobjekt, beinhaltet aber generelle Dinge, die Sie offenbar bisher niemals erfahren konnten oder wollten.

Und wenn ich anhand der Beiträge im Forum entscheiden müsste, wen ich zum von Ihnen erwähnten Mob zähle, stünden Sie an erster Stelle.

06.09.2010
10:05
Loveparade - die Trauer zieht weiter
von vasa49 | #24

....mal ganz schön..... sollte es heißen!!

06.09.2010
10:04
Loveparade - die Trauer zieht weiter
von vasa49 | #23

Fand den Artikel mal schön. Ganz ungewohnt, für WAZ/NRZ!

06.09.2010
08:38
Loveparade - die Trauer zieht weiter
von saarner | #22

Wenn man Tag für Tag hier liest wie der Mob hier hetzt und sich autobt, dann kann nur noch mit dem Kopf schütteln.
Es wird mit Beleidigungen und Verleumdungen gegen die Stadtspitze nur so um sich geschmissen. Langsam sollten einige wirklich mal zur Besinnung kommen und sich mäßigen. Und vor allem mal nach vorne schauen und sich hier nicht ewig trübe Gedanken machen. Davon wird keiner mehr lebendig, davon kann man das schreckliche Unglück nicht rückgängig machen. Aber so einiges was hier die selbtsernannten Chefermittler und Mahner ablassen ist schon starker Tobak.

06.09.2010
01:05
Loveparade - die Trauer zieht weiter
von AxelKrause | #21

#18 von soisset

ist zu billig die worte zu verdrehen.

aeksl

06.09.2010
00:52
Loveparade - die Trauer zieht weiter
von Dungram | #20

# 17 aeks: Immer noch furchtbar e r wollten Sie sicher schreiben?
Aber der PR-Berater wurde doch gar nicht von der Stadt bezahlt, sondern von der Kanzlei ;-) (leider keine Möglichkeit, dies als Ironie rot einzufärben!)
Noch etwas zu Lähmung: Die Stadt (der Konzern) Duisburg hat ja überhaupt gar kein Geld mehr. Schon gar nicht z.B. für Neuanschaffungen der Bücherei. (Exkurs: Bücherei ist nicht nur schmökern, sondern preiswerter Zugang zu Bildung für alle, s. Armut in Duisburg, s. Migrantenanteil, s. Sarazzin ...).
Seit diesem Jahr werden deshalb Spender = Bücherpaten gesucht.
So ganz dicke habe ich es auch nicht, aber ich fand das, bis vor kurzem, eine gute Idee in einem Notfall zu helfen und wollte mein Scherflein beitragen.
Wenn ich jetzt aber erlebe, wie die Stadt für peinliche PR-Beratung und letztlich völlig überflüssige Schön-Achten das Geld verschleudert ... da werde ich zornig und sehe gar nicht mehr ein, warum ich meine sauer verdienten Talerchen zur Entlastung der Stadtkasse tragen sollte.
Mein persönliches Empfinden ist gar nicht wichtig. Aber sicherlich geht es anderen in entsprechender Weise ganz ähnlich. Und das ist ganz schlecht für die Zukunft dieser Stadt, die viel Bürgerengagement bräuchte, um ihre vielen Probleme zu langfristig zu meistern.
Bis später am Rathaus ...

06.09.2010
00:43
Loveparade - die Trauer zieht weiter
von miamigirl | #19

Einige wenige, aber vollkommend ausreichende Zitate von anni2010 ( gestern und heute - Es scheint anni2010 wahrhaftig um die Tragödie zu gehen...)

... dass Greulich 50.000,- angeboten und angenommen hat dafuer, dass er nicht mehr gegen die LoPa ist?

... eine Solaranlage fuer sein Haus auf Teneriffa gekauft.

Stimmt es eigentlich wirklich, dass Sauerland schon seit über einem Jahr von seiner Familie getrennt lebt und eine türkische Freundin hat??? Habe sowas von einer Rathausangestellten gesagt bekommen.
#160 von homberger999 , am 05.09.2010 um 22:43

homberger999
Großartig, ich hoffe, dass das stimmt!
#161 von anni2010 , am 05.09.2010 um 23:23

Gerste, Jansen, Jäger, von Schmeling und vermutlich auch Greulich waren im Tunnel, weil am Eingang Westtunnel der WDR auf sie wartete. Alle hatten sich als Gedenkensammler in Szene gesetzt und das Publikum outside Glauben lassen, sie wuerden etwas aktiv zur Trauerfeier-Abschiedsfeier beitragen.


Ich fasse dann mal zusammen: Greulich hat ein Haus auf Teneriffa - mit Solaranlage, Sauerland lebt seit einem Jahr nicht mehr zu Hause bei seiner Familie - Verhältnis (türkisch, nicht zu vergessen) und wirklich blöd, dass der WDR nicht auf dich gewartet hat - anni2010! Am Ort der Tragödie zu tratschen: Da Spürt man die wahre Betroffenheit!

...denn nicht nur Deutschland will das wissen. (auch anni2010)

Wage ich anzuzweifeln!

Informations-Gesellschaft:
Wenn man soviel erfährt,
dass man nichts mehr begreift... Dieter Nuhr

06.09.2010
00:34
Loveparade - die Trauer zieht weiter
von soisset | #18

#17 von AxelKrause
Aha, jetzt verstehe ich die Geschichte mit dem Glascontainer:
Hier stellt sich unsere unverantwortliche Stadtverwaltung selber da. Dreck ist gut beschrieben.
Sie haben mir sehr geholfen.

05.09.2010
23:59
Loveparade - die Trauer zieht weiter
von AxelKrause | #17

#16 von Dungram

Ich gebe Ihnen vollkommen Recht. Leider ist das Geld der Stadt für eine Würdigung der Opfer und Betroffenen anscheinend für andere Zwecke ausgegeben worden, z. B. für eine Anwaltskanzlei oder Pr-Berater. Das passt aber ins Bild. Dieser Ort steht heute für den sinnbildlichen Dreck dieser Verantwortlichen. Das ist nur noch furchtbar, immer noch furchtbar.

aeksl

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/3655663/create

Umfrage
Der Eurovision Song Contest rückt näher - wer ist Ihr Favorit für den ESC-Sieg?

Der Eurovision Song Contest rückt näher - wer ist Ihr Favorit für den ESC-Sieg?

 
Aktuelle Fotos und Videos
Filmpremiere Hotel Lux
Bildgalerie
Kino
Streife auf zwei Rädern
Video
Polizei
Bilder des Ruhrmuseums
Bildgalerie
Geschichte
Aus dem Ressort
„Wollen uns jetzt die Krone aufsetzen“
Hallenfußball-Stadtmeiste...
Es war offensichtlich ein gutes Omen. Schon bei der Ge-sprächsrunde im Rundschau-Haus vor Beginn der Hallen-Stadtmeisterschaft hatte Do-minik Behrend keinerlei Be-rührungsängste gezeigt. Beim Gruppenbild mit den sechs Kollegen der anderen Klubs nahm er entschlossen jene Trophäe in die Hand, die er...
Rieske widerlegt sämtliche Skeptiker
Hallenfußball-Stadtmeiste...
Was die Hallenfußball-Stadtmeisterschaft betrifft, war der FC Brünninghausen bislang ein unbeschriebenes Blatt. Erst zum sechsten Mal hatte sich der Landesligist für die Endrunde qualifiziert, war dort zuvor meist sang- und klanglos ausgeschieden. Jetzt startete das Team von Trainer Volker Rieske...
Video