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Duisburg

Loveparade – die Trauer sucht einen Ort

17.07.2011 | 16:53 Uhr
Loveparade – die Trauer sucht einen Ort
Ein dunkler Ort: Der Karl-Lehr-Tunnel in Duisburg. Hier entstand die Massenpanik während der Loveparade am 24. Juli 2010, die 21 Todesopfer forderte. Auch ein Jahr später sucht die Trauer einen Ort. Foto: dapd

Duisburg.Das Grauen, die Trauer um die Opfer der Loveparade-Katastrophe gehen immer mit auf dem Weg durch den Karl-Lehr-Tunnel in Duisburg. Sie lähmen den Schritt, lassen Autos langsamer fahren. Gibt es Licht am Ende des Tunnels?

Dieser Ort ist schon immer ein dunkler gewesen. Ein Angstraum, auch ohne seine Geschichte. Bedrohlich nah neigen sich die endlosen Wände des Tunnels seiner Mitte zu, die stockfleckigen Steinmauern sind schwarz geworden von den Abgasen der Jahrzehnte; der Schein der Neonröhren, wenn sie überhaupt noch leuchten, ist kalt und fahl. Und dann dieses Dröhnen, der Verkehr hallt in der Röhre, von oben schallt die Autobahn.

Man möchte den Kopf einziehen, doch wer hierher geht, gehen muss, der hält ihn ohnehin gesenkt. Weil der Kopf voll ist von noch mehr Eindrüc­ken, von Erinnerungen, Bildern: viele Menschen, Musik, Gedränge, Angst, Tod. Hier starben vor einem Jahr 21 junge Leute auf ihrem Weg zur Loveparade. Das Grauen, die Trauer gehen immer mit auf dem Weg durch den Karl-Lehr-Tunnel in Duisburg, sie lähmen den Schritt, lassen Autos langsamer fahren. Ein Künstler hat die dunkle Szenerie kürzlich so gemalt: Am Ende des Tunnels ist kein Licht.

Die Grablichter sind fort, jemand hat auch ihre Wachsreste vom Asphalt entfernt, es gibt keine Blumen, keine Graffiti mehr, alle Farbe ist von diesem Ort gewichen. Nur die 21 roten Herzen an der Wand haben sie nicht weggewischt, es hängen noch das Trauer-Transparent des Loveparade-Teams, ein Plakat „Gegen das Vergessen “ und an einem Bauzaun der letzte grau-braune Rest eines Gestecks. Mit Drahtbürsten hat ein Student Figuren in den Schmutz der Tunnelwände gekratzt, eine Menschenmenge an beiden Seiten bis zum Ausgang, beklemmend lebensgroß – sie sehen aus wie Geister.

Duisburg hat sich stets schwer getan mit der Frage, wie es seiner Katastrophe gedenken will

Foto: Stephan Eickershoff / WAZ FotoPool

Nur hier und da knallt grelles Pink ins Grau, Markierungen von Vermessungsingenieuren. Es wird hier gebaut, das steht schon lange fest: Auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs , wo am 24. Juli 2010 die Musikwagen ihre gefeierten Runden drehten, entsteht ein Einrichtungszentrum. Der Bebauungsplan für diese „Duisburger Freiheit“ ließ dabei bislang keinen Platz, um den Unglücksort zu erhalten; der Möbelriese hätte die Rampe, an der es zur Massenpanik kam, geschluckt. Bürger und Angehörige kämpften fast ein Jahr, nun haben sie offenbar Erfolg: In der vergangenen Woche beschloss der Stadtrat, seine Pläne zu ändern. Wie, ist offen.

Ohnehin hat sich Duisburg stets schwer getan mit der Frage, wie es seiner Katastrophe gedenken will. Sechs Wochen danach ruhte im Tunnel der Verkehr, dann wurden die abgelegten Kerzen und Erinnerungsstücke in einem gläsernen Kubus gesammelt. Schon wenige Tage nach der Loveparade gründete sich der „Bürgerkreis Gedenken“, die „Initiative Spendentrauermarsch“ sammelte Geld für ein Mahnmal. Manchem gingen die Verhandlungen, die Jurysitzungen über 44 Entwürfen zwischen Monströsität und Banalität, das beinahe verzweifelte Bemühen, das Richtige zu tun, nicht schnell genug.

„Sie kamen, um zu feiern, und fanden den Tod“

Foto: Stephan Eickershoff / WAZ FotoPool

Am Ende steht jetzt ein Mahnmal am östlichen Tunnelausgang, auf einer erhöhten Wiese. Eine abstrakte Stätte aus Stahl mit 21 Stelen, die dahinter zu Boden stürzen. „Sie kamen, um zu feiern, und fanden den Tod“, steht auf einer Tafel, darunter eine Liste mit den Namen der Toten. Nicht alle sind ausgeschrieben, an einige erinnern nur die Initialen. Denn viele Angehörige und Überlebende können sich mit dem Platz neben einem Lebensmittel-Discounter nicht identifizieren, dies ist nicht der Ort, an dem ihre Kinder gestorben sind. Sie wollen dort an sie denken, am Aufgang der Rampe.

Dort stehen die gelben Bagger einer auf dem Gelände ansässigen Baufirma, es sieht aus, als würden sie sich verbeugen. Gegenüber hat der Verein „Never forget “ den Fuß der Treppe gleich nach dem Unglück gewissermaßen „besetzt“. Vom ersten Tag an stellen die Mitglieder hier regelmäßig Kerzen auf, mittlerweile ist unter der kleinen Gedenktafel, die die Stadt im September hier aufhängte, eine kleine private Gedenkstätte entstanden.

Sie haben Gras eingesät und Weinstöcke an die Mauer gesetzt , hinter den Sperrzäunen trotzen ein paar Geranien dem tristen Stein. Ein niedriger weißer Zaun umrahmt die Szene, kürzlich hat jemand einen Rasenmäher gestiftet. Auf jede Stufe der Treppe nach oben, bei der Loveparade für viele unerreichbarer Fluchtweg, hat „Never forget“ ein Holzkreuz gestellt mit den Vornamen der Toten, der Aufschrift „RIP“ (Ruhe in Frieden) und einer kleinen Flagge aus dem Herkunftsland: Italien, Spanien, China, Australien, Deutschland. Schieferherzen hängen darunter mit Gedenksprüchen, weitere Sätze sollen Besucher auf Steine malen; Stifte liegen bereit.

Als würde ein Fremder die Gräber schmücken

Nicht alle Hinterbliebenen mögen das, es ist, als würde ein Fremder die Gräber ihrer Lieben schmücken. Sie finden, der Zierrat aus Bändchen, Bildchen, Blümchen verfremde den hässlichen Ort. Aber was sollen sie tun, dies ist die Stelle, wo sie ihre Kinder suchen und besuchen. Sie haben also Fotos gestellt mitten in dieses Sammelsurium aus Gedenk-Gegenständen, einen Weihnachtsbrief, einen Glückwunsch zu einem Geburtstag, den niemand mehr feiert.

Am Jahrestag des Unglücks, nach der Trauerfeier , werden die Familien gemeinsam dort hingehen. Es wird wieder dunkel sein im Tunnel, aber ausnahmsweise still: Für den Verkehr wird die Straße gesperrt.  

Annika Fischer

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Kommentare
18.07.2011
16:37
Loveparade – die Trauer sucht einen Ort
von albertus28 | #26

zu # 25
Wo wir nun einmal bei den Klarstellungen sind,Sie haben alles richtig verstanden;außer, dass es nicht um die Form des Artikels geht,sondern was Frau Fischer inhaltlich da so teilweise von sich gibt.Au weia,hatten schon mal alles,aber besser.

18.07.2011
16:19
Die Trauer sucht einen Ort
von Joachim_Egal | #25

@24 Selbstverständlich tue ich das nicht. Ich hatte nur den Eindruck, das Sie mit Ihrem Einwurf etwas suggerieren wollten...was über das hinaus geht was in ihrem jetzigen Kommentar über meinem zu lesen ist.

Sollte ich mich geirrt haben bitte ich selbstverständlich um Entschuldigung.

Also habe ich das jetzt richtig verstanden, das Sie den Erhalt der Treppe/Rampe befürworten und Ihnen es nur um die Form des Artikels ging?

18.07.2011
16:10
Loveparade – die Trauer sucht einen Ort
von albertus28 | #24

zu # 22
Lieber Joachim....,ich gehe davon aus,dass Sie mir nicht absichtlich unterstellen,dass für mich schwierg sei,zu akzeptieren,dass es für Menschen nach einer derartigen Tragödie.....
Darum geht es auch gar nicht.Ich meine nur in Richtung Frau Fischer:Gehts nicht auch ohne Anleihen bei Joseph Conrad und vielleicht ne Nummer kleener?

18.07.2011
14:05
Die Trauer sucht einen Ort
von JuergenRohn | #23

Und Adolf Sauerland, man höre und staune, möchte sich für eine Gedenkstätte an diesem Ort einsetzen. Hat sich das nicht bis in die JU rumgesprochen?

18.07.2011
13:54
Die Trauer sucht einen Ort
von Joachim_Egal | #22

@21 Lieber Albertus. Ich kenne weder den von 6 genannten Text noch das von Ihnen genannte Buch. O.K.. Ich mag in Ihren Augen ungebildet erscheinen. So what... Immerhin ist mir Helge Schneider ein Begriff.

Aber vielleicht können Sie (oder andere der Unempathen hier) ja einem ungebildeten Menschen wie mir mal erklären was für Sie daran so schwierig ist zu akzeptieren, das es für Menschen nach einer derartigen Tragödie nötig ist einen Ort zu haben an dem Sie ihrer Trauer Ausdruck verleihen können? Was ja selbst offensichtlich der Rat der Stadt erkannt zu haben scheint in dem er es ggf. ermöglichen will, das dieser Ort auch dauerhaft erhalten bleibt.

18.07.2011
13:00
Die Trauer sucht einen Ort
von albertus28 | #21

zu # 6 ....Klappentext zu einem Horrorroman.
Da hat es Frau Fischer schon recht anspruchvoll gemacht und sich an Joseph Conrad erinnert:
Herz der Finsternis.....das Grauen.... !!!!

18.07.2011
11:57
Blockierter Kommentar.
von albertus28 | #20

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

18.07.2011
11:42
Die Trauer sucht einen Ort
von IlDottore | #19

#6 - VDuisburg: Sie haben vollkommen Recht. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

18.07.2011
11:37
Die Trauer sucht einen Ort
von westwatch | #18

Es gibt ein Mahnmal unweit der Unglücksstelle.

Dieser Tunnel war schon immer ein Angstraum, wie Frau Fischer schon richtig feststellte.

Meiner Meinung nach wäre es ein Bärendienst, wenn man auf Grund des Unglücks diesen Angstraum erhalten will.

Es ist wichtig, einen Ort zum trauern und zum Gedenken zu haben. Der ist mit dem Mahnmal vorhanden. Wenn man in die Zukunft blicken will, macht es keinen Sinn, zukünftigen Generationen einen so bedrückenden Ort zu erhalten.
Vor dem Unglück war der Tunnel schon eine Zumutung. Ich war froh, als ich hörte, dass ein Teil des Tunnesl abgerissen werden soll, der nicht mehr gebrauchrt wird.

Bei allem Respekt, aber ein halbes Hektar für Trauer zu beanspruchen, halte ich für weit überzogen.

Den Tunnel weitgehend abzureißen würde für mich eine Art Befreiung bedeuten, wahrscheinlich für viele andere betroffene auch, auch wenn sie nicht bei der Loveparade verletzt wurden.

Weg mit dem schäbigen Tunnel, soweit es geht!

18.07.2011
11:35
Die Trauer sucht einen Ort
von Joachim_Egal | #17

Nein. ich persönlich schäme mich nicht weil ich auch nicht wüsste weshalb. Ich - und die allermeisten anderen - haben niemals von Schuld sondern immer von politischer Verantwortung gesprochen bzw. geschrieben und nehmen nun ein demokratisches Recht in Anspruch damit diese scheinbar unendlichen Diskussionen irgendwann ggf. vielleicht mal ein Ende nehmen. Herr Sauerland hatte viele Chancen und hätte er da auch nur einige von wahrgenommen wäre ihm selber und ggf. auch seinen Angehörigen sehr viel erspart geblieben.

Im übrigen gönne ich Herrn Sauerland die Luft zum atmen und ich wünsche ihm insbesondere und vor allem auch die Erkenntnis, das auch er selber diese Ereignise erst wird verarbeiten können wenn er sich damit auch auseinandersetzt.

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