Loveparade - die Masse als Star und Opfer
30.07.2010 | 22:25 Uhr 2010-07-30T22:25:00+0200
Duisburg.Die Bilder der Loveparade-Katastrophe bleiben im Gedächtnis, weil es zuhauf davon gibt: Jens Dirksen über die Sehnsucht nach Gemeinschaftserlebnissen - und wie sich durch Handykamera und Internet die Grenzen der Wahrnehmung, auch der Trauer verschieben.
Es ist vor unserer Haustüre passiert. Auch das ein Grund, warum uns die Katastrophe von Duisburg so nahe geht, näher als 9/11 und der Tsunami. Aber nicht der einzige. Es war eben keine Naturkatastrophe, sondern von Menschen gemacht. Von Menschen, die eigentlich nichts wollten, was in unserer Gesellschaft verwerflich wäre: Das Bild ihrer Stadt aufpolieren. Geld verdienen, viel Geld. Tanzen, in Massen.
Die Niedergeschlagenheit, die sich mit dem grauenvollen Geschehen eingestellt hat, rührt auch aus der Fallhöhe: Gerade hatte sich das Ruhrgebiet mit dem verrückten 60-Kilometer-Tisch auf der A 40 als eine Partyhauptstadt im Glück erfahren, die zum fröhlichen Feiern nicht einmal einen echten Anlass braucht, geschweige denn einen Grund.
Offenbar wächst die Sehnsucht nach Gemeinschaftserlebnissen, je individueller jeder Einzelne sein möchte und sich loslöst von Gemeinschaftsbindungen wie Kirchen, Parteien, Vereinen. Wir können noch so sehr vorm Bildschirm hocken und uns in soziale Netzwerke verstricken: Etwas in uns ahnt, dass wir dort allein bleiben, nicht nur körperlich. Die digitale Selbstvergewisserung – „Hast Du mein Video im Netz gesehen“ – bleibt immer nur virtuell, das heißt: nur der Kraft, der Möglichkeit nach vorhanden, aber nicht wirklich wirklich.
Die Masse steht im Mittelpunkt
Mit dem Internet hat sich aber zugleich der Kampf um einen Rohstoff verschärft, der so begrenzt ist wie Bodenschätze: Aufmerksamkeit. Je mehr Menschen miteinander vernetzt sind, umso wichtiger, aber auch schwieriger wird das Wahrgenommenwerden. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit treibt im Internet die seltsamsten Blüten, dort beantworten Menschen ungefragt Fragen, die ihnen auf der Straße unverschämt vorkämen.
Bei den großen Festivals wie Rock am Ring spielt die Musik inzwischen auf mehreren Bühnen gleichzeitig. Musiker geraten fast an den Rand des Geschehens, in dessen Mitte die Masse steht. Sie ist immer mehr der wahre Star, der sich selbst feiert, berauscht von Drogen und Einigkeit.
Schon die Antike kannte das Bedürfnis, alle Hemmungen fallen zu lassen. Mit Dionysos gab es sogar einen Gott, der zuständig war für die zum Fest erklärte Verabredung zur gemeinsamen Entgrenzung, zur Feier des Lebens bis in die Todesnähe des Rausches hinein: In der Ekstase wird die Masse zum handelnden Subjekt, das weit größer ist als die Summe der Einzelnen.
Teil dieser Masse und ihrer Macht zu sein, bedeutet eben auch eine Erfahrung von Größe, die anders nicht zu haben ist. Das wiederum macht das Handyfoto und das Youtube-Filmchen so wichtig: Ich war Loveparade.
Es könnten ja Gesichter sein, die wir kennen
Und seit Tagen sehen wir, weil beinahe alle gefilmt und fotografiert haben, tausende Gesichter von Menschen, die Loveparade waren. Immer wieder. Im Netz, im Fernsehen, in Zeitungen. Darin spiegelt sich statt der Macht der Masse nun die Ohnmacht des Einzelnen. Wenige Augenblicke genügten, um aus dem selbstgewissen Subjekt ein hilfloses Objekt zu machen. Die Masse wurde zum Opfer, weil die Schutzvorkehrungen zum gemeinsamen Entgrenzen nicht genügt haben, in die alle vertrauten. Aber wir sehen, weil selbst Handykameras längst Megapixel verarbeiten, nicht mehr nur die Masse, wir sehen: Gesichter, den Einzelnen, sein Entsetzen, seine Einsamkeit in der Masse.
So kommt uns das Leid, das sich vor unserer Haustür abgespielt hat, doppelt, dreifach, dutzendfach nahe. Es könnten ja Gesichter sein, die wir kennen – Uwe, der Redaktionsbote, Laura von nebenan, Alexander aus der Schule. Und je öfter wir die Bilder sehen, desto weniger kann unser Hirn dank seiner Spiegelnervenzellen noch unterscheiden, ob wir nur zugesehen haben oder dabei waren.
Die Katastrophe wäre leichter zu ertragen, wenn es ein Schicksalsschlag wie ein Erdbeben gewesen wäre. Aber es waren Menschen, die versagt haben. So möchte sich der Zorn verständlicherweise auf Einzelne richten. Es wäre auch an der Zeit, dass der honorige Fritz Pleitgen nicht der einzige bleibt, der sich zu seiner moralischen Mitverantwortung bekennt. Das tiefere Geflecht der Ursachen und Wirkungen aber ist zu vielfältig, als dass es sich auf Einzelne reduzieren ließe.

21:19
So langsam reicht es - oder will die WE noch bis zum Jahr 2019 von der Loveparade berichten ?
13:25
Man kann sicher sein das es bei einem Erdbeben
die gleichen Schreihälse gegeben hätte.
Irgendjemand MUSS bluten,und zwar jetzt und sofort.Sollte man niemanden finden,dann waren es die Rettungskräfte,die zu spät eintrafen oder unprofessionell gearbeitet haben.
Der Mop verlangt danach.
12:11
Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.
10:44
Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.
20:49
in dem artikel steckt eine menge wahrheit, leider ...