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Loveparade

Loveparade - Das Planungs-Desaster

29.08.2010 | 20:31 Uhr
Loveparade - Das Planungs-Desaster

Essen.Die Polizei soll in Sachen Loveparade viel früher als bislang bekannt Bedenken gegen den einzigen geplanten Zugang zum Partygelände angemeldet haben. Dies beweisen neue Dokumente der Stadtverwaltung Duisburg.

Neue Dokumente aus der Stadtverwaltung Duisburg, die der WAZ-Mediengruppe vorliegen, beweisen, dass die Polizei in Sachen Loveparade viel früher als bislang bekannt Bedenken gegen den einzigen geplanten Zugang zum Partygelände über den Tunnel an der Karl-Lehr-Straße angemeldet hatte. So heißt es bereits in einer Dokumentation der möglichen Probleme der Loveparade vom 26. Oktober 2009 unter Punkt 28, der Tunnel könne bei einem Unwetter vollaufen. In der Folge könne es zu unbeherrschbaren Platzproblemen vor Ort kommen.

Weiter geht aus den vorliegenden Dokumenten hervor, warum sich die Organisatoren auf den Tunnel als Zugang konzentrierten und nicht die Autobahn A 59 als Zuweg zum Partygelände sperrten. Tatsächlich wurde diese Idee von den Verantwortlichen diskutiert, um die Engstelle im Tunnel zu umgehen. Allerdings blockierte ausgerechnet das NRW-Verkehrsministerium unter dem damaligen Verkehrsminister Lutz Lienenkämper (CDU) diese Pläne.

A40-Sperrung sollte eine Ausnahme bleiben

Es heißt in den Papieren, die Sperrung der A 40 für das Kulturhauptstadt-Projekt „Stillleben“ solle eine einmalige Ausnahme bleiben. Weitere Sperrungen seien nicht vorgesehen. Zudem seien Bauarbeiten auf der A 59 geplant. Müssten diese wegen der Loveparade verschoben werden, würde dies teuer werden.

Eine Zusage des Ministers Lienenkämper auf der Immobilienmesse Expo Real in München Anfang Oktober 2009, eine Sperrung der A 59 wenigstens zu prüfen, wurde wenige Tage später von untergeordneten Behörden widerrufen. „Die Stadt Duisburg habe möglicherweise zuviel in die Worte des Ministers interpretiert“, heißt es in einem Gesprächsprotokoll vom 20. Oktober. Diese Ablehnung ist ursächlich dafür, dass trotz Sicherheitsbedenken nur noch der Karl-Lehr-Tunnel als einziger Zugang zur Loveparade in Frage kam.

Die Unterlagen belegen, dass es viele Verantwortliche für das Planungs-Desaster im Vorfeld der Loveparade gibt. Während in der Stadtverwaltung vor allem der Beigeordnete für Sicherheit und Recht, Wolfgang Rabe, jeden Widerstand gegen das Projekt brach, waren in der NRW-Landesregierung CDU-Minister wie Lienenkämper oder Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff mit der Loveparade befasst.

Schaller kämpft um die öffentliche Meinung

Davon unabhängig geht es darum, zu klären, wer die Katastrophe selbst zu verantworten hat. Und hier gerät die Aufklärung immer mehr zu einem Kampf um die öffentliche Meinung. Nachdem der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland schon ausgeführt hat, dass viele andere schuldig seien, nur er selbst nicht, kündigte nun Veranstalter Rainer Schaller über den Spiegel an, Überwachungsvideos im Internet zu veröffentlichen, die seiner Meinung nach die Schuld der Polizei am Unglück beweisen würden.

Die Polizeiführung in NRW wies die Vorwürfe umgehend zurück. Schaller versuche damit nur im Vorfeld einer Sitzung des Innenausschusses im NRW-Landtag von eigenem Versagen abzulenken.

Tatsächlich brachte die Ankündigung Schallers nichts Neues. Schon vorher hatte er versucht, die Polizei mit Hilfe von lancierten Videoaufnahmen für die Katastrophe verantwortlich zu machen. Die Beamten hätten eine Sperrkette auf der Rampe zum Festivalgelände fälschlicherweise aufrecht gehalten, hieß es.

Zu den wirklich interessanten Fragen sagte Schaller bislang wenig: So konnte bereits nachgewiesen werden, dass die Katastrophe ihren Ausgang nahm, weil Schallers Sicherheitskonzept komplett versagte. Weder war er in der Lage, die Massen kontrolliert zu lenken, noch funktionierte seine Idee, die Party-Besucher mit Hilfe der Lautsprecherwagen über das Duisburger Loveparade-Gelände zu verteilen. Hier wäre es wichtig, dass Schaller detailliert über die von ihm beschäftigten Ordner Auskunft gibt. Nach Recherchen dieser Zeitung waren darunter etliche so genannte „Platzhalter“. Also ungeeignete Personen, wie Alte, Kranke oder Minderjährige, die nur zur nominellen Aufstockung der benötigten Kapazitäten kurzfristig beschäftigt waren.

Helfer und Retter bei der Loveparade
Massenpanik an der Rampe zur Loveparade

Davon abgesehen gilt es, mögliche Fehler der Polizei aufzuklären. Hier ist offen, wer die Anordnungen gab, die Kette auf der Rampe bis kurz vor Beginn der Massenpanik zu halten und wer darüber wann informiert war. Aus Unterlagen, die dieser Zeitung vorliegen, geht hervor, dass das NRW-Innenministerium am Tag der Katastrophe „präventiv“ einen Krisenstab „aktiviert“ hatte. Dieser sollte am Beispiel der Loveparade den Umgang mit Desastern einüben. Die Arbeit des Krisenstabes wurde dokumentiert.

David Schraven

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Kommentare
30.08.2010
21:26
Loveparade - Polizei war schon viel früher skeptisch
von dasder | #50

@49
Ja, diese erste PK ist mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben.
Andere Berichte gehen aber von wesentlich mehr (übervollen!)Sonderzügen Liinienzügen aus und die Zahlenangabe des Polizeibosses wird daher angezweifelt. ich bin felsenfest davon überzeugt, dass auch sehr viele aus der näheren Umgebung das Auto /Fahrrad nutzten, hingebracht wurden oder Bahn/Bus nutzten.
Also ich bleibe bei meiner Einschätzung und halte die Angaben auf der PK für bewusst untertrieben. Wir dürfen die Herren auch nicht unterschätzen, die wussten, dass jetzt genaue Zahlen des Sicherheitskonzeptes verlangt und hinterfragt werden Also betrieben die NUN vorsichtshalber Zahlendumping.

In Duisburg, City, in den Parks war ja auch noch allerhand an Fussvolk unterwegs, die den Versuch auf die LP zu kommen, abbrachen.

Mir ging es auch darum, zu verdeutlichen, dass die Besucherzahl IM VORFELD nicht so automatisch kalkulierbar ist.
Erfahrungswerte, wie Sie diese aus DO schilderten, helfen, aber sind keine Garantie. Gruß

30.08.2010
17:46
Loveparade - Polizei war schon viel früher skeptisch
von vaikl | #49

@ #48 dasder

Sie erinnern sich noch an den Riesenaufstand, den die damalige Nennung der beförderten LoPa-Anreisenden durch die Bahn auf der ersten Pressekonferenz erzeugte? Es waren - ohne jetzt noch mal genau nachzusehen - 115.000.

Das wollte ja damals Niemand glauben, weil man von der Marketingkampagne völlig verblendet war, aber die Bahn hat am allerwenigsten ein Interesse daran, diese Zahl zu verfälschen und hat diese Angabe auch danach meines Wissens nicht korrigiert.

Nach der von mir unter #28 aufgeführten Faustformel wären daraus knappe 150.000 Besucher abzuleiten, was nach all den bisherigen Schätzversuchen mittels z.B. Heli-Aufnahmen und den Aufzeichnungen *während* des Samstages eher realistisch erscheint als 300.000.

30.08.2010
17:04
Loveparade - Polizei war schon viel früher skeptisch
von dasder | #48

@ 19 Benno
ich fand Ihren Beitrag sehr verständlich und teile viele Ihrer Auffassungen. dazu zählt bspw. größtenteils Ihre Liste der Verantwortlichkeiten.
Der User vaikl wies – wenn auch meiner Ansicht nach, etwas zu heftig- schon auf die eigentlich nicht richtig zu deutenden Besucherzahlen hin. Da muss man zwischen marketingstrategischen und internen Zahlen unterscheiden.

Ich würde mal verallgemeinernd die Aussage wagen, dass ALLE am Sicherheitskonzept BETEILIGTEN zumindest mit mehreren 100.000 Besuchern, über den Tag verteilt, rechnen/planen mussten. Da fließen dann Faktoren wie Wetter hinein. Als positiven Faktor für den LP –Besuch darf man die davor abgelaufene und gelungene A40 Veranstaltung betrachten, die vielleicht gerade junge Musikbegeisterte zusätzlich motivierte. Dann fiel die LP ein Jahr lang aus, sodass die Raver vielleicht auch ein bissken Nachholbedarf hatten?
Also ich persönlich hätte es nicht für ausgeschlossen gehalten, dass zur Abschlusskundgebung am frühen Abend –quasi zur Hauptzeit- das Gelände pickepackevoll gewesen wäre.
Übersetzt heißt das: 250-300Tausend Menschen.
Worauf ich eigentlich hinaus will: Es hätte auch auf dem Gelände zum Höhepunkt hin noch kritisch werden können. Das Besucherverhalten war eine Variable.

30.08.2010
13:28
Loveparade - Polizei war schon viel früher skeptisch
von gracht | #47

@ vaikl
Was ich sagen wollte, man hat dann doch die Autobahn gesperrt. Das war bereits einige Wochen vor dem Event bekannt. Es wurden sogar Leitplanken entfernt, damit Rettungskräfte zwischen den Spuren Wenden konnten.
Wieso hat man dann nicht von Anfang an die Bahn mit in die Veranstaltung einbezogen und nur als Rettungsweg gesperrt? Das will mir nicht in den Kopp!

30.08.2010
13:17
Loveparade - Polizei war schon viel früher skeptisch
von vaikl | #46

@ #45

Natürlich ging dies und umso mehr, je bedrohlicher die Situation auf dem Gelände wurde.

Aber es macht wieder mal einen öffentlichkeits-wirksamen Unterschied, ob man wieder im Zusammenhang mit Feiern und Spaß sowie der Ruhr.2010 eine Autobahn-Sperrung im Vorfeld verkündet oder ob die Lage am Tag des Events dies einfach erforderlich macht.

30.08.2010
12:58
Loveparade - Polizei war schon viel früher skeptisch
von gracht | #45

Ursprünglich war sogar angedacht, den PKW-Verkehr auf der A59 normal fliessen zu lassen...
Da die Autobahn letztendlich als Rettungsweg gesperrt wurde, schätze ich, dass das auf Forderung der Feuerwehr und Rettungsdienste hin geschehen ist. Also ging es letztendlich doch.

30.08.2010
12:25
Loveparade - Polizei war schon viel früher skeptisch
von vaikl | #44

@ #43 gracht

Streng genommen war auch das Gelände der Abschlussveranstaltung 2008 direkt vor der Westfalenhalle kein öffentliches Gelände. Es war nur nicht komplett eingezäunt und die Floats hatten von vornherein einen davon strikt getrennten Kurs auf der B1.

Wenn es stimmt, dass es früh Überlegungen gab, die A59 in das Event mit einzubeziehen (egal ob als Float-Bereich oder als Ein-/Ausgang und Fluchtfläche) und diese Idee vom Verkehrsministerium wg. des Still-Lebens A40 und der inflationären Sperrungen von Autobahnen durch Großveranstaltungen berechtigterweise abgelehnt wurde, hätte diese Notversion niemals genehmigt werden dürfen.

30.08.2010
11:59
Loveparade - Polizei war schon viel früher skeptisch
von gracht | #43

#15 von vaikl , am 30.08.2010
Seitdem ist die LoPa ganz offiziell eine rein private Spaß-Angelegenheit gewesen.

Bisher fand die Loveparade immer auf öffentlichen Flächen statt. In Duisburg war das Gelände aber ein Privatgrundstück (Aurelis). Deswegen galten hier auch die Auflagen für eine Versammlungsstättenverprdnung. Das Güterbahnhofsgelände wurde behandelt wie eine Halle. Auswirkungen hatte das zB auch auf die Floats. Auf öffentlichen Strassen hätte eine Geländerhöhe von 1 m gereicht, in Duisburg mussten alle Geländer der Trucks auf 1,10 m erhäht werden.

30.08.2010
11:40
Loveparade - Polizei war schon viel früher skeptisch
von anni2010 | #42

Werner Lorenzen-Pranger,

kurzfristig ernannter Sicherheitsinspektor (eine Figur, die meines Wissens so vorher in DU nie existierte, da nicht notwendig), heute Dezernent fuer sicherheit und Recht war noch im Jahr 2009 - abakadabra - Ordnungsamtdezernent. Sein Heereslager befand sich am 24.7.2010 in der obersten Etage des Hoist-Hochhauses, in dem auch Pol-Präs von Schmeling und OberBefehlshaber Sauerland ueber ihren Schlachtplänen hockten und zwischendurch stehend die Aussicht auf die Duisburger Freiheit genossen.

30.08.2010
11:38
Loveparade - Polizei war schon viel früher skeptisch
von anni2010 | #41

Werner Lorenzen-Pranger,

kurzfristig ernannter Sicherheitsinspektor (eine Figur, die meines Wissens so vorher in DU nie existierte, da nicht notwendig), heute Dezernent fuer sicherheit und Recht war noch im Jahr 2009 - abakadabra - Ordnungsamtdezernent. Sein Heereslager befand sich am 24.7.2010 in der obersten Etage des Hoist-Hochhauses, in dem auch Pol-Präs von Schmeling und OberBefehlshaber Sauerland ueber ihren Schlachtplänen hockten und zwischendurch stehend die Aussicht auf die Duisburger Freiheit genossen.

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