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Loveparade

In Gedanken immer im Tunnel - das Trauma Loveparade

27.05.2011 | 19:53 Uhr
In Gedanken immer im Tunnel - das Trauma Loveparade

Duisburg.   Die Opfer der Loveparade sollen nun schnell entschädigt werden, darauf einigten sich die Stadt Duisburg und die Axa-Versicherung. Doch der seelische Schaden der Opfer ist immens. Wie der Fall des Wolfgang Locke zeigt.

In seinen guten Zeiten montierte er Einbauküchen in halb Europa, heute auf Sardinien, nächste Woche in Südfrankreich. 39 Jahre machte er diesen Job, war selten krank und nie arbeitslos. Wenn er heute davon redet, klingt das wie aus einem anderen Leben. Denn jener Tag im Juli 2010 hat alles verändert, der Tag der Duisburger Loveparade. Diese Bilder rauben ihm den Schlaf. Denn der 54-Jährige fürchtet, auf einem Menschen gestanden, ihn verletzt oder getötet zu haben.

Wolfgang Locke ist eines von mehreren hundert Opfern der Loveparade . Angehörige von Toten, schwer verletzte und traumatisierte Menschen. Am Freitag nun, acht Wochen vor dem Jahrestag der Katastrophe, bei der 21 Menschen ums Leben kamen, haben sich die Stadt Duisburg und Axa, die Versicherung des Veranstalters Lopavent , auf eine außergerichtliche Entschädigung der Opfer geeinigt. Die Höhe der Beträge sei noch unklar, die Axa jedenfalls soll Rückstellungen in Höhe von zehn Millionen Euro gebildet haben. Angestoßen hatte die Verhandlungen die Düsseldorfer Anwaltskanzlei Baum-Reiter, die 75 Opfer vertritt. „Das ist ein Zwischenerfolg. Wir kritisieren jedoch, dass die Vereinbarung ohne Mitwirkung der Opfer zustande gekommen und das Land NRW nicht beteiligt ist.“ Die Anwälte bevorzugen eine öffentlich-rechtliche Stiftung, in der den Opfern ein Mitspracherecht eingeräumt wird.

Wir treffen Wolfgang Locke auf halber Strecke zwischen jetzt und morgen. Noch lebt er in Düren, doch an diesem Vormittag ist er unterwegs nach Mecklenburg-Vorpommern, wohin er bald umziehen möchte, zu Verwandten. Der Mann ist zum Frührentner geworden, traumatisiert, schwerbehindert und unfähig, mehr als drei Stunden täglich zu arbeiten. Zehn Monate nach der Loveparade lebt er „vom Amt“, wie er das nennt.

In Gedanken wieder im Tunnel

Dabei hatte er gedacht, mit seinen Erlebnissen ganz gut fertig zu werden. Nach zwei, drei Wochen jedoch begannen die Probleme. Er konnte nicht mehr schlafen, wälzte sich hin und her, in Gedanken wieder im Tunnel. Schließlich scheiterte er bei einem Besuch auf dem Markt. „Ich sah die Menschen, bekam einen Weinkrampf und begann zu zittern. Danach war mir klar: Etwas ist nicht in Ordnung mit Dir!“

Es ist schlicht Neugier gewesen, die ihn vor bald einem Jahr nach Duisburg trieb. In den Tunnel, in die Menge, die immer enger und dichter wird. Ein Mädchen vor ihm, 16 oder 17 Jahre mag sie sein, bekommt zusehends Angst, beginnt zu schreien. „Zweimal ist sie weggesackt, bewusstlos geworden. Ich habe sie gehalten, ihr Mut gemacht.“

Die Loveparade-Katastrophe und das Jahr...

Irgendwann schickt er selbst Stoßgebete: „Wenn es Dich da oben gibt, hol mich hier raus!“ Der Druck, er wird unerträglich, er kommt in Wellen. Locke steht bei der Rampe, kann sehen, wie Menschen an der Treppe hochgezogen werden. Nach unten zu blicken, ist unmöglich. Er spürt unter seinem Fuß etwas Hohes, Weiches, ein-, zweimal verliert er selbst das Bewusstsein. Wie eine Ewigkeit kommt ihm alles vor, bis die Masse sich aus ihrer Bedrängnis löst, ganz als ob „jemand den Korken von einer Sektflasche gezogen hätte“.

„Bei der Polizei hat man mir gesagt, im Tunnel sei niemand gestorben“, sagt Locke. Später habe er gehört, auch von dort seien Verletzte oder Tote zur Sammelstelle getragen worden. Locke wird diese Last nicht los. Er nimmt Schlaftabletten, lässt sich in zwei Kliniken einweisen, will „einfach nur zur Ruhe kommen, endlich mal wieder schlafen!“

Doch das, was er „die Kopfkirmes“ nennt, hört einfach nicht auf. Locke kann sich nicht konzentrieren, weiß am Ende eines gelesenen Satzes nicht mehr, wie er angefangen hat. Noch hat er die Hoffnung nicht aufgegeben, setzt darauf, dass er irgendwann sein Leben „wieder in den Griff bekommt und nicht mehr wie ein Bittsteller vom Amt abhängig ist“. 589 Euro haben er und seine Frau zum Leben. Halb so viel wie vor der Katastrophe.

Der Druck nahm zu

Wie Duisburg nach der Loveparade...
Helfer und Retter bei der Loveparade

„Bis die Schuldfrage juristisch geklärt ist, können Jahre vergehen“, wiederholt Rechtsanwalt Julius Reiter sein Plädoyer für eine Entkopplung von Schuld und Entschädigung. Hat nun dieses Argument gewirkt oder der öffentliche Druck? Die rot-rot-grüne Opposition in Duisburg hatte erst vor wenigen Tagen die Stadtspitze zu einer schnelleren Einigung aufgefordert. Und so wirkte der umstrittene Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) abermals wie ein Getriebener, als er am Freitag versprach, „jeden der Höhe nach begründeten Schadenersatzanspruch nun abschließend und zügig zu regulieren“. Ob dies Wolfgang Locke hilft – man wird sehen.

Hayke Lanwert

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Kommentare
28.05.2011
22:14
In Gedanken immer im Tunnel - das Trauma Loveparade
von WEhrlich | #27

@ 23 Mippes

Die Klammer: Genial!

28.05.2011
18:46
In Gedanken immer im Tunnel - das Trauma Loveparade
von taosnm | #26

#25 ruka
Passt sehr wohl zum Thema. Doch, wenn ich richtig informiert bin, wird diesen Soldaten professionell geholfen.

28.05.2011
16:39
In Gedanken immer im Tunnel - das Trauma Loveparade
von ruka | #25

Es gehört vielleicht nicht ganz zum Thema .Aber fragt doch mal Afghanistanrückkehrer! Leider will unsere Gesellschaft von derartigen Krankheiten nicht hören !

28.05.2011
15:47
In Gedanken immer im Tunnel - das Trauma Loveparade
von horsewomanx | #24

@taosnm und @Sentinel

Ich kann Ihnen nur zustimmen. Traumatisierte Menschen aus den Weltkriegen gibt es sehr viele. Doch darüber wird wenig in der Gesellschaft geredet.
Und niemand, der traumatisiert wurde, hat Schuld daran!!! Das ist ja gerade das Gefährliche an einem Trauma, das ein Mensch da mit etwas konfrontiert wurde, was außerhalb seiner bisherigen Welt- und Lebenserfahrung steht und somit nicht einsortiert werden kann. Erst im Rückblick kann das traumatisierende Ereignis verarbeitet werden. Für alle Skeptiker: Ich spreche aus eigener Erfahrung.

28.05.2011
15:16
In Gedanken immer im Tunnel - das Trauma Loveparade
von Mippes | #23

Früher war alles besser:

beispielsweise zur Kaiserzeit oder Hitler.

Aber leider:
Respekt und Hilfsbereitschaft sind Menschlichkeiten die vielen leider abhanden gekommen sind...

[von Moderation noch nicht editiert}

28.05.2011
15:03
In Gedanken immer im Tunnel - das Trauma Loveparade
von vaikl | #22

@ #19

Vorsicht mit diesem Troll unter #16. Der Typ sucht überall nach Gelegenheiten, sein braunes Nationalisten-Geschwätz abzulaichen.

28.05.2011
14:24
In Gedanken immer im Tunnel - das Trauma Loveparade
von Sentinel | #21

Sorry aber wer sich hier über das Gefühlsleben eines Traumatisierten äußert, dieses mit vielen Fragen nach der Ehrlichkeit eines solchen Menschen unterstreicht, der sollte sich über das Thema Trauma besser informieren. Warum ein sensibler Mensch auf eine Massenveranstaltung wie die Loveparade geht?? Alle die sich so schlau geäußert haben, eine Situation, die ein bleibendes Trauma hervorrufen kann, kann jedem von uns in dem Moment passieren, indem wir die Haustüre verlassen, auf einem Bahnsteig stehen oder uns auf der Autobahn bewegen. Fragt einfach mal einen Seelsorger, diese Menschen betreuen u.a Feuerwehrleute, Rettungskräfte, Polizisten oder Hinterbliebene die schreckliches erlebt haben. Aus eigener Erfahrung kann ich all diesen klugen Schreibern nur sagen, ich bin froh das es Seelsorger gibt denn aus beruflichen Gründen habe ich ihre Hilfe schon selbst gebraucht. Hilflosigkeit, Aussichtslosigkeit, innere Leere und Verzweiflung ist die schlimmste Kombination die ein Mensch erleben kann und niemand kommt aus einer solchen Gefühlslage ohne professionelle Hilfe raus und Erinnerungen bleiben ein Leben lang. An welch übergeordnete Kraft jemand in solchen Momenten glaubt, welcher Glaubensrichtung ein Mensch angehört ist vollkommen egal, wenn es ihm hilft dann ist es egal ob Bibel, Koran oder sonst was. Einfühlvermögen, Sensibilität, Respekt und Hilfsbereitschaft sind Menschlichkeiten die vielen leider abhanden gekommen sind... Jeder, ob Opfer, Angehörige oder Verantwortliche haben ihre seelische Belastung davon getragen und für jeden gilt es am Ende eine Klärung der Abläufe, der Verantwortung, der Schuld- und Unschuldsfrage zu erlangen und dafür sind die Ermittler sowie Staatsanwaltschaft und Gerichte zuständig.

28.05.2011
13:44
In Gedanken immer im Tunnel - das Trauma Loveparade
von Mippes | #20

@taosnm

Klar, professionelle bezahlte Hilfe. Ein lukrtives Geschäft ist da den Medizinern der Nachkriegszeit entgangen.

28.05.2011
12:43
In Gedanken immer im Tunnel - das Trauma Loveparade
von taosnm | #19

#16 WEhrlich
Die Traumata aus Weltkrieg I und II waren reichlich vorhanden. Leider waren die Zeiten so, dass man nicht darüber sprach, allerdings auch null Chance hatte, sich damit zu beschäftigen, weil der Überlebenskampf zu hart war. Fakt ist jedoch, dass Weltkrieg I mit seinen Folgen und durch die traumatisierten Menschen, die niemals geheilt wurden, zu Weltkrieg II führte. Wenn die Traumatisierung kein Massenphänomen war, dann nicht deshalb, weil sie nicht vorhanden war, sondern weil sie totgeschwiegen wurde. Mein mit 78 Jahren gestorbener Vater war als Afrika-Kämpfer unter Rommel bis zu seinem letzten Atemzug traumatisiert, hat zwar darüber geredet, aber natürlich in der ignoranten Aufbaugesellschaft nach dem Krieg keine Chance gehabt, ernstgenommen zu werden, weil die Nazis da immer noch die Überhand hatten, die natürlich mit seelischen Belastungen nicht konfrontiert werden wollten.

Deshalb ist Ihre Argumentation nicht so ganz korrekt. Der moderne Mensch hat nun allerdings die Möglichkeit, sich hart auseinanderzusetzen mit seinem Trauma, weil er Hilfe bekommt.

28.05.2011
12:25
In Gedanken immer im Tunnel - das Trauma Loveparade
von Mippes | #18

@taosnm

Sie sind kein besserer Mensch, nur weil Sie hier Ihre Betroffenheit zur Schau stellen.
Ich möchte sogar behaupten, dass es sich bei Ihnen um einen Betroffenheitsstreber

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