Beim Loveparade-Drama will’s keiner gewesen sein
02.09.2010 | 21:37 Uhr 2010-09-02T21:37:00+0200
Düsseldorf.Nach dem tragischen Loveparade-Drama nehmen gegenseitige Schuldzuweisungen weiter zu. Auch Adolf Sauerland berichtet bei der Sitzung des Innenausschusses des NRW-Landtags nichts Neues.
Adolf Sauerland atmet einmal tief durch, und wie schon bei anderen öffentlichen Auftritten zuvor, liegt in seiner Stimme ein gewisses Tremolo, das seine Anspannung widerspiegelt. Doch wer vor der Sitzung des Innenausschusses des NRW-Landtages erwartet hätte, der Oberbürgermeister von Duisburg würde mehr als eine allgemeine Verantwortung in dieser Funktion übernehmen, würde Abläufe in seiner Verwaltung in Frage stellen, der wurde bald eines Besseren belehrt.
Alles also wie gehabt. Fast sechs Wochen nach dem tragischen Tod 21 junger Menschen auf der Duisburger Loveparade nehmen gegenseitige Schuldzuweisungen aller Beteiligten sogar eher noch zu. So betont der vom Innenministerium mit einem Gutachten beauftragte Bonner Prof. Thomas Mayen, dass die Stadt Duisburg durch Absprachen ihre Zuständigkeiten nicht auf den Veranstalter Lopavent oder auf die Polizei delegieren konnte. Die Polizei sei nur für die Abwehr von Gefahren für die öffentliche Sicherheit zuständig gewesen. Und auch der Inspekteur der Polizei, Dieter Wehe, listet akribisch die Fehler des Veranstalters Lopavent auf, die für Probleme am Tag des Unglücks gesorgt haben:
Erstens: Die zu späte Öffnung des Veranstaltungsgeländes. Statt um 11 Uhr wurden erst um 12.04 Uhr die Tore geöffnet. Dadurch habe es bereits früh große Staus an den beiden Eingängen gegeben.
Zweitens: Fehlende Ordner an den Eingangsschleusen. Zu Beginn hätte nur ein Drittel der zugesagten Menge bereitgestanden.
Drittens: Das Konzept mit den Pushern habe nicht funktioniert.
Viertens: Lautsprecherdurchsagen seien nicht bei den Besuchern angekommen. Es habe eine entsprechende Ausschilderung für die Zu- und Abgänge gefehlt.
Fünftens: Die Floats hätten zu lange gestanden. Dadurch konnten sich die Besucher nicht auf dem Veranstaltungsgelände verteilen. Dazu äußerte der SPD-Innenexperte Thomas Stotko später einen bösen Verdacht: „Standen die Floats, weil Schaller ein Interview im WDR gab und der McFit-Wagen im Hintergrund war?“
Innenminister Jäger hatte sich kurz zuvor verärgert über die „unglaublichen Vorwürfe“ gezeigt, die in den letzten Tagen gegen Polizisten geäußert worden seien. „Ich will, dass die Ereignisse, die zu dem Unglück führten, vollständig aufgeklärt werden“, so Jäger. Dennoch bleibe er dabei, dass es unrealistisch sei, bei dem „unfassbaren Chaos auf Veranstalterseite einen fehlerfreien Polizeieinsatz zu erwarten“. So viel Selbstkritik war von anderen nicht zu hören.
Polizei auf dem Gelände zuständig
Auch nicht von Anwältin Ute Jasper, die mit ihrer Düsseldorfer Kanzlei ein Gutachten für die Stadt Duisburg über die Abläufe der Loveparade erstellt hat. Reduzierte man ihren Vortrag auf einen wesentlichen Gedanken, so bliebe wohl dieser eine: Die Polizei hatte die Überwachung des Geländes aus der Luft per Hubschrauber übernommen, sie hat die Entscheidung getroffen, den Tunnel und die Rampe zu sperren und war sehr wohl auch auf dem Gelände zuständig.
Dazu passen die anschließenden Worte von Oberbürgermeister Sauerland sehr gut, der auffällig häufig die enge, ja landesweit gar „richtungsweisende“ Zusammenarbeit zwischen Stadt und Polizei lobt. Auch diesmal klingen Sauerlands Bekundungen, wie „entsetzlich alle Duisburger und ich besonders“ unter dem schrecklichen Unglück leiden, wie auswendig gelernt. Er mag es so empfinden, aber die Worte wirken leer. Vor allem deshalb, weil er wie so oft zuvor, sein eigenes Verhalten wie das seiner Verwaltung nicht in Frage stellt. Einzig, dass er dieses Mal von der Verantwortung spricht, die er als Oberbürgermeister der Stadt trage, eben weil es in Duisburg geschah.
Stotko: „Nach diesem Gutachten hat alles funktioniert. Können Sie mir sagen, warum die Menschen im Land einen anderen Eindruck haben?“
Genau das wirft ihm etwas später auch Thomas Stotko, Sprecher der SPD-Fraktion im Innenausschuss, vor: „Sicher ist das für Sie, Herr Sauerland, heute schwer. Aber das Gutachten, das für die Stadt erstellt worden ist, anders als sie sagen, keine kritische Würdigung. Nach diesem Gutachten hat alles funktioniert. Können Sie mir sagen, warum die Menschen im Land einen anderen Eindruck haben?“
Rainer Schaller, der Veranstalter, hatte sich damit begnügt, zwei Rechtsanwälte in den Innenausschuss zu schicken. Die blieben merkwürdig kurz angebunden, stellten vor allem Fragen wie: Wer hat den Befehl für die Polizeikette auf der Rampe gegeben?
Bis in die Abendstunde
Die Sitzung dauert bis in die Abendstunden, geht erst nach sechs Stunden zu Ende. Sauerland ist die ganze Zeit anwesend, ergreift auch ab und dann das Wort. Nur einmal fällt er aus der Rolle, als ihn Sören Link (SPD), statt Fragen zu stellen, Großmannssucht und Inkompetenz unterstellt. Sauerlands Replique ging in Richtung der Ausschussvorsitzenden Dü-ker (Grüne) zu: „Muss ich mir das gefallen lassen?“ Der Oberbürgermeister räumt auch einen Fehler ein: Er habe am Abend der Katastrophe die Öffentlichkeit falsch über die Ursache informiert. Nun bedauert er dies, entschuldigt sich dafür. Die Fehlinformation sei aufgrund einer Informationen eines Notfall-Mediziners zustande gekommen.
Alles wie gehabt also. Jeder gibt dem anderen die Schuld, einzig Innenminister Jäger ließ einen Hauch von Selbstkritik spüren. Doch Peter Biesenbach, stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender, kündigte schon vor der Sitzung an, wie es bald weitergehen soll: Er wolle ernsthaft über einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss nachdenken. Zu klären sei die Verantwortung aller Beteiligter, der Stadt, Lopavents und der Polizei. Auch wenn er alle drei nennt, am Ende konzentriert er sich auf letztere. „Geschah das Unglück womöglich erst durch die Kettenbildung, kam es dadurch zu der drangvollen Enge in dem Bereich?“ fragt Biesenbach. Sein nachgeschobenes „Ich weise keine Schuld zu!“ kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen: An diesem Tag wird vor allem eins getan: Mit dem Finger auf den anderen gezeigt.

11:46
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09:47
@Freiburger
Was hast du denn gedacht, wie breit Straße und Rampe sein sollen? 500 Meter.
Ich würde mir demnächst überlegen, ob ich noch einmal ins Dreisam-Stadion gehen würde, oder sind da die Eingänge auch 500 Meter breit?
In dem gesamen Tunnel passen übrigens 6000 Menschen. 1 Mensch pro Quadratmeter.
Ergibt sich aus der Tatsache, dass die Fläche
15 X 400 mtr. beträgt = 6000 Quadratmeter.
#80 von brandubh , am 05.09.2010 um 07:13
Ich finde ihren Vergleich zwischen der Loveparade und Dreisamstadion sehr treffend...beides kann mann sehr gut Vergleichen...
Dreisamstadion 24.000 Plätze
Anzahl der erwarteten LP Besucher laut Veranstalter 500.000
Oder auf gut Deutsch 24000 rein und 24000 raus aus dem Stadion
500.000 LP rein und 500.000 raus aus dem Gelände.
Somit wird die Differenz noch einmal relativiert.
grübel...grübel...oder kann man das aufgrund der unterschiedlichen Zahlen vielleicht gar nicht miteinander vergleichen....
Wer Ironie findet darf sie behalten
10:39
Eigentlich soll jeder Mensch 15 Minuten lang berühmt sein. Der Name Adolf steht zukünftig für unschuldige Tötung. Adolf Sauerland hat sich mit der Death Parade sein Denkmal gesetzt.
10:25
@59 enttäuschter Duisburger
ausdrückliche Zustimmung
kurz, knackig
dazu der Hinweis :
dass man überhaupt SO das ganze genehmigen konnte, war Fehler genug!
Viel zu riskant, was die Akteure zuließen.
10:11
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10:05
@51 datenverarbeiter
einvernehmlich bedeutet INKL. Genehmigungsbehörden/Verwaltung d.h. Stadt Duisburg
nehmen Sie doch BITTE Alle ins Boot!
09:53
Des OB sein Sitzfleisch:
Ja, das Aussitzen von Herrn Sauerland ist offensichtlich und erinnert tatsächlich an Strategien anderer hochrangiger Politiker. Es mag Zufall sein, dass es vorrangig CDUler sind.
Warum sitzt Sauerland es aus? Da kann man nur vermuten.
Vielleicht ist es ganz einfach:
Verstrickt, mit gehangen, mit gefangen. Die Ratsspitze schließt sich zusammen?
Er hängt mit drin, er muss und will mit den Anderen gemeinsam da durch.
Vielleicht wird auch Druck auf Ihn oder Andere erzeugt. Vielleicht macht er Druck. Es ist naiv, zu glauben, dass in diesen Zeiten nicht auch mal intern härtere Bandagen ausgefahren werden.
Fakt ist:
Am 24.7. 10 läuft etwas extrem schief. Duisburg wird erschüttert! Man weiß, man wird von der Öffentlichkeit attackiert, da wird man sich wehren müssen.
Also bildet man intern einen Kreis/Krisenstab (task force) aller im Rathaus LP-Mitwirkenden, Betroffenen, holt sich noch Unterstützung bei wohl gesonnenen Parteimitgliedern oder der Presse. Dann entwickelt man eine Strategie, ““PRÜFT““ die Unterlangen/Dokumente, PRÜFT(?) vielleicht nochmals, aktiviert zusätzliche Pressesprecher und stellt eine Anwaltskanzlei ein.
Jetzt bildet sich auch eine Art Gefahrenabwehr!
Parallel könnten sich in etwa zur gleichen Zeit bei der Polizei und dem Veranstalter die Szenarien wiederholen.
Ich muss gestehen, dieses jetzige Krisenmanagement der Rathausspitze ist zwar auch begleitet von unverständlichen Aussagen, Versäumnissen (z.B. gegenüber Hinterbliebenen), merkwürdigen Verhaltensweise…aber es klappt! es scheint zu klappen.
Wer die Trauerzeit übersteht, der wird noch ein paar Wochen aushalten, das “Vergessens- Gen“ der Duisburger wird wirken, man wird sich den Tagesgeschäften zuwenden.
Bis zur nächsten Wahl ist noch hin. Vielleicht will der Chefaufklärer dann auch gar nicht mehr!
Da die Mühlen der Justiz LEIDER viel zu langsam arbeiten, wofür ich bei aller notwendigen Gründlichkeit der Aufarbeitung grundsätzlich bei uns im Lande wenig Verständnis habe, wird das ganze Thema zwar irgendwann einmal vor einem Gericht landen, aber dann interessiert es nur noch Betroffene! I
ch gehe von Entschädigungen aus, aber kein Geld der Welt ersetzt einem das weitere Aufwachsen, Erleben des eigenen Kindes. Möglicherweise gibt es sogar Verurteilungen. Aber an wirkliche Gerechtigkeit kann ich nach dem AFFENTHEATER der vergangenen 6 Wochen überhaupt nicht mehr glauben.
Das liest sich vielleicht blöd, aber es wird eine gefühlte Gerechtigkeit zum Schluss fehlen.
Sich DAS zu wünschen, mag naiv sein, dessen bin ich mir bewusst.
Aber gerade durch dieses AFFENTHEATER schreit auch des „Bürgers Seele“ noch intensiver nach einem Stückchen mehr Selbsterkenntnis bei Verantwortlichen, nach einer Erkennbarkeit der ehrlichen, neutralen(!) Aufklärung der Geschehnisse VOR und WÄHREND der LP, aus der sich dann vielleicht DOCH ein Stückchen mehr Gerechtigkeit ableiten und finden lässt.
Man braucht da ja keine große Verschwörung hinter den Rathaustoren vermuten.
Es hat ja was Menschliches. Fast jeder würde sich irgendwie rechtfertigen wollen.
Dann werden Verantwortungsbewusstsein, vielleicht sogar Schuldgefühle, minimiert, abgeleitet oder ausgeschaltet. In gewisser Hinsicht kämpfen Alle in der Ratsspitze ums Überleben und um Ihre persönliche Zukunft. Sie glauben vielleicht sogar, Familie und Ehre zu verteidigen.
Das ALLES rückt in den Vordergrund… und die Tragweite der unfassbaren Tragödie wird als Störfaktor, als “Feind“ wahrgenommen.
Wirklich, bis zu einem bestimmen Punkt alles verständlich.
Doch letztendlich ist diese Strategie, solch ein Handeln in diesem Bewusstsein(!) einfach FALSCH !!! Nicht nur gegenüber den Opfern, den Hinterbliebenen, den Verletzten, den Traumatisierten, den Duisburgern, der einfachen Öffentlichkeit… NEIN, es ist gegenüber sich selbst als Beteiligter, ob kleiner oder großer Beamter oder Privatperson, als Verantwortlicher, in welchem Maße auch immer, ganz einfach der falsche Weg!
09:51
#65 vaikl
Dieses Gejammere um seine falsche Info auf der PK ist unerträglich und seine Entschuldigungen sind unglaubwürdig. . Selbst, wenn der OB falsche Informationen erhalten hatte, musste er angesichts der schrecklichen Situation mit einer solchen Information extrem vorsichtig umgehen. Ein kluger Mensch hätte nicht sofort in Richtung der Opfer reagiert, sondern sich mit Faktenfeststellungenn vornehmen zurückgehalten.
Schlimm, dass er weder klug noch vornehm ist.
Der letzte Absatz Ihre Beitrages findet meine volle Zustimmung.
Ob der OB sich während der Planung schuldig gemacht hat, ermittelt der Staatsanwalt. Dass er sich von der ersten PK an schuldig gemachten hat, bewies er Millionen von Zuschauern im TV, und dieses Verhalten ist nicht diskutabel. Ich habe noch keine vorstellung davon, wie man das im Rat diskutieren will, ohne ihm massive Vorwürfe zu machen. Und wenn die gemacht werden, wird man ihn ja wohl nicht als Konsequenz in seinem Amt bestätigen können. Man kann der CDU und den Grünen nur wünschen, richtig gut Seiltanzen zu üben, bevor sie in diese Diskussion einsteigen.
08:43
57 @BK
Wohl wahr. Dieser Absatz fiel mir auch auf. SO VIEL Selbstkritik haben aber wahrlich die anderen Beteiligten NICHT gezeigt!
Polizei/Innenminister haben vor Tagen zumindest mögliche Versäumnisse während der LP eingeräumt. Wir sind uns sicher einig, dass dieses Eingeständnis nicht “überragend“ ist!
Setzt man das ins Verhältnis, zu dem was die STADT Duisburg an Verantwortung übernimmt, dann STIMMT der erste Satz wieder voll und ganz.
Die Selbstaufklärer im Rathaus stellen sich je bekanntermaßen seit 6 Wochen als Unschuld vom Lande dar !!!
Wer es glauben will, bitte schön.
03:49
Der Oberbürgermeister räumt auch einen Fehler ein: Er habe am Abend der Katastrophe die Öffentlichkeit falsch über die Ursache informiert. Nun bedauert er dies, entschuldigt sich dafür. Die Fehlinformation sei aufgrund einer Informationen eines Notfall-Mediziners zustande gekommen.
Ich glaube ihm das ganz und gar nicht. Diese Ignoranz gegenüber den Angehörigen der Opfer, dieses sich verleugnen mit fadenscheinigen Argumenten über angeblich nicht bekannte Adressen - der Mann hat in dieser PK gesagt, was er denkt.
Und eine nicht kleine erzkonservative Fraktion quer durch *alle* Parteien versucht, ihm den Rücken mit der gleichen Denke zu stärken: die LoPa-Opfer waren selbst schuld, sie sind wie alle diese Raver drogenabhängig, besoffen und unfähig zur Selbstkontrolle gewesen und nur deshalb ist diese Katastrophe passiert.
Ich gehe jede Wette ein, dass diese ohne Not direkt nach dem Unglück zur Schau gestellte Einstellung auch heute noch dafür sorgt, dass sich gewisse Personen und Kreise moralisch überlegen fühlen und ein stumpfes Aussitzen der Krise als einzig sinnvolle ethische Handlung betrachten.