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Augenzeuge filmte Loveparade-Panik an der Treppe

29.07.2010 | 13:34 Uhr
Augenzeuge filmte Loveparade-Panik an der Treppe

Duisburg. In erschütternden Videos zeigt ein Student, was bei der Loveparade-Tragödie auf der Rampe passiert ist. Er selbst ist in dem Chaos ruhig geblieben und versuchte anderen zu helfen. Im DerWesten-Gespräch beschreibt er das Unglück aus seiner Sicht.

Fieberhaft arbeiten derzeit die Behörden an der Rekonstruktion der Ereignisse, die zur Tragödie mit 21 Toten und Hunderten Verletzten bei der Loveparade geführt haben. Die ersten Äußerungen von Veranstalter Lopavent und Stadt Duisburg haben bei Augenzeugen Kopfschütteln und Zorn verursacht: Es habe keine Massenpanik geben, die Opfer hätten sich nicht an Regeln gehalten. Ein Student aus Süddeutschland steckte auf der Rampe mitten in der Menschenmasse – ganz in der Nähe der Treppe, als die Tragödie ihren Lauf nahm.

Der Student, der aus persönlichen Gründen anonym bleiben möchte, hat nicht nur vielen Menschen Mut zugesprochen, die vor Angst weinten und schrien. Er hat die Ereignisse auch mit Videoaufnahmen festgehalten. „Als ich von den ersten Rekonstruktionen des Unglücks hörte, habe ich mich dazu entschlossen, meine Videoaufnahmen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, berichtet er im DerWesten-Gespräch.

35-minütige Chronologie

Auf der Video-Plattform YouTube hat er unter seinem Account „pizzamanne“ eine rund 35-minütige Chronologie der Ereignisse hochgeladen. Was man hört und sieht, zeigt die Tragödie in einer derart intensiven Form, dass YouTube einen Teil der Videos nur für angemeldete Nutzer ab 18 Jahren zugänglich macht.

Mehrere Nutzer lassen in Kommentaren unter den Videos ihren Gefühlen bereits freien Lauf: „Sitze fassungslos hier & weine … es ist so unvorstellbar traurig. Das ist so unglaublich aussagekräftiges Video-Material, es ist die Stimme für die, die nicht mehr sprechen können“, schreibt „mabea2010“. „Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken, als ich deinen Film sah – sollte es zu einer Gerichtsverhandlung kommen, sollten alle Angeklagten diesen Film sehen“, fordert „enroc23“.

Böse Vorahnung

Im DerWesten-Gespräch schildert der Student mit eigenen Worten, wie er die Katastrophe erlebte. Die Beschreibung folgt im kompletten Wortlaut: „Bereits auf dem Weg zum Party-Gelände störten mich die zahlreichen Zäune. Für mich schuf das ein völlig andere Atmosphäre als bei früheren Loveparades. Als ich eine Gruppe von Polizisten nach dem Weg fragte, machten einer einen recht uninformierten Eindruck auf mich. Der Strom der Menschenmasse vom Bahnhof wurde allerdings automatisch in eine Richtung geleitet – schon zu dem Zeitpunkt herrschte großes Gedränge. Einige Besucher beklagten sich bereits über die schlechte Organisation.

Der Gang durch die Schleusen funktionierte recht unproblematisch. Im Tunnel waren die meisten Menschen noch fröhlich, haben Party gemacht und gesungen. An der Rampe staute es sich dann extrem. Irgendwie hatte ich zu dem Zeitpunkt schon eine böse Vorahnung, dass es Probleme geben und die Situation ausarten könnte und habe mich deshalb dazu entschlossen, ausführliche Videoaufnahmen zu machen. Einige Leute fingen an am Rand der Mauer eine Treppe zu nutzen, was von den anwesenden Polizisten auch toleriert wurde.

Auf einmal drückte die Menge in Richtung der Treppe – ob alle die Intention hatten, da hoch zu laufen, oder ob es an den Menschenmassen lag, die von hinten gedrückt haben, kann ich nicht sagen. Da ich eine kräftige Statur habe, kam ich damit noch ganz gut klar. Allerdings gerieten einige Leute um mich herum in Panik oder beginnen zu weinen oder zu schreien – das war für mich der Punkt, an dem ich merkte, dass es hier gefährlich wird und Menschen zu Schaden kommen könnten. Die Polizisten fingen auch an, nach Kräften Menschen aus der Menge auf die Treppe hochzuziehen.

15 Minuten die Hand gehalten

Ich konnte mich nicht mehr bewegen und versuchte einigen gut zuzureden. Ein Mädchen, das schon von einigen Körpern zu Boden gedrückt wurde, hat mich um Hilfe angefleht, doch ich konnte sie nicht herausziehen – dazu hat mir einfach die Kraft gefehlt. Stattdessen habe ich 15 Minuten lang ihre Hand gehalten und immer wieder auf sie eingeredet, dass sie durchhalten soll. Irgendwann löste sich das Gedränge auf, und ich konnte ihr aufhelfen.

Dann entdeckte ich zwei Menschen neben mir, die ich versuchte wieder zu beleben - auch wenn ich schon am starren Blick erkannte, dass es wohl zu spät war. Ich habe einen Mann verzweifelt angeschrien, er solle aufwachen - ich konnte nicht akzeptieren, dass er tot war. Ein Sanitäter und ein Polizist lösten mich dann ab. Schließlich hatte ich auch keine Kraft mehr.

Ich bin dann irgendwann auf das Loveparade-Gelände gelaufen und habe all die feiernden Menschen gesehen. Unter ihnen bin ich umher gelaufen, konnte nichts mit mir anfangen und haben mich schließlich irgendwo hingesetzt und geweint. Mir hat das alles so leid getan – ich war gefühlsmäßig tot. Ich habe noch großes Glück gehabt und nur etwas Schmerzen im Knie. Es wird wohl noch lange dauern, bis das alles psychisch verarbeitet habe.“

Die Schreie und Gesichter gehen nicht mehr aus dem Kopf

Über seinen You-Tube-Account versucht „pizzamanne“ nun, mit dem Mädchen, dessen Hand er gehalten hat, Kontakt aufzunehmen. Zudem wird er wohl das Videomaterial der Polizei und Staatsanwaltschaft zur Rekonstruktion der Tragödie zur Verfügung stellen. „Ich habe mir gestern Abend alle 4 Videos angesehen und konnte dann die halbe Nacht nicht einschlafen, weil mir die Schreie und Gesichter nicht mehr aus den Kopf gehen. Ich habe bis jetzt kein Video gesehen was die Situation an der Treppe so gut zeigt wie in deinem Video“, schreibt DanSielaff in einem Kommentar auf YouTube. Danke. Und Nutzer Skreee99 schreibt: „Einfach Danke, dass du so ruhig warst, dass du beruhigt und geholfen hast. Ich bin tief beeindruckt und wünsche dir das allerbeste.“

Ingmar Kreienbrink



Kommentare
11.08.2010
16:56
Augenzeuge filmte Loveparade-Panik an der Treppe
von Hass | #96

Statt zu filmen, hätte er intensiver helfen sollen, abgesehen davon hätte er Respekt vor den Verletzten zeigen und seine Kamera ausschalten können. Ich hoffe, dass dieser Heuchler wegen unterlassener Hilfeleistung dran kommt. Von wegen will anonym bleiben oder Hilfe zugesprochen, dem Typen gehts nur um Publicity. Naja, wenn ers braucht, das arme Würstchen...
PS: Hoffentlich kommt er mal in Gefahr und die Umstehenden haben nichts Anderes zu tun als die Kamera drauf halten. Dann muss er aber noch schön tapfer in die Linse grinsen, bitteschön

04.08.2010
12:25
Augenzeuge filmte Loveparade-Panik an der Treppe
von Der.Knipser | #95

http://www.taz.de/1/leben/medien/artikel/1/so-entsteht-regelrechter-hass/

04.08.2010
08:50
Augenzeuge filmte Loveparade-Panik an der Treppe
von brandubh | #94

Alle Bilder beweisen: es gab keine Fluchtpanik. Es ging den Besuchern darum, so schnell wie möglich aufs Gelände zu wollen.
Das zeigt selbst das Bild auf dieser Seite. Je näher die Treppe, desto rabiater das Gedränge.
Andere Bilder und Videos zeigen die Situation vor dem Container: auch hier keine Massenpanik sondern Leichtsinnige, die nicht schnell genug aufs Gelände können.

03.08.2010
14:48
Augenzeuge filmte Loveparade-Panik an der Treppe
von Mitleser0815 | #93

http://www.youtube.com/watch?v=b1YRj3-eq9M

uf der Homepage der CDU Duisburg sind mir am 1.8.2010
auf der rechten Seite die obenstehenden Textzeilen aufgefallen.
Merkt das keiner? Ich finde das unverschämt. Das steht sicherlich schon seit einer Woche dort?
http://www.cdu-duisburg.de/

02.08.2010
12:06
Augenzeuge filmte Loveparade-Panik an der Treppe
von difusor | #92

Zu #12, #27, #49 - Seit dem 27.7.10 gibt es in faz.net den Augenzeugenbericht eines Architekten mit Skizzen zum Ablauf der Katastrophe an der Absperrung und der fatalen Polizeikette zwischen den Sperrgittern aus Bauzäunen am Eingang der Rampe. Auf älteren Google Earth Sat.-aufnamen ist zu erkennen, dass diese Bauzäune seit langer Zeit zur Absperrung das ehem. Güterbahnhofs gehörten und leider nicht abgebaut wurden. Darauf wurde in Foren hingewiesen. Die abwandernden Zuschauer hätten in diesem Bereich keine Infarkt ähnliche Verstopfung erzeugen dürfen und eine andere Möglichkeit zum Verlassen des Geländes erhalten müssen. In der heutigen NRZ / derwesten fand ich endlich! eine lange Liste der Fragen, die zu stellen sind. Ich brauche in meiner Erschütterung eine Diskussion so nah wie möglich an den Fakten. Ich bin deiner Meinung Sylvia. Mir reichen korrekte Berichte, Fotografien der tragischen Zusammenballung und die notwendigen Fragen, die wir uns stellen müssen.

31.07.2010
20:26
Augenzeuge filmte Loveparade-Panik an der Treppe
von Sylvia | #91

Bin zutiefst schockiert. Menschen beim Sterben zusehen und zuhören. Das ist etwas für die Staatsanwaltschaft, nichts für Youtube.

31.07.2010
14:03
Augenzeuge filmte Loveparade-Panik an der Treppe
von Yissakhar | #90

Ich habe gelesen, dass Pizzamanne die Dame gefunden hat, die er gesucht hat.
Hoffentlich kann er mit dem Wissen, dass es ihr nun gut geht, das Geschehene besser verarbeiten. Verdient hätte er dies auf jeden Fall.

Erneut mein größtes Lob an ihn!
Die Welt braucht solche Menschen wie ihn.

31.07.2010
12:16
Augenzeuge filmte Loveparade-Panik an der Treppe
von Ubi | #89

Video 3! min 8:39! Wie kann man nur mit einem Grinsen im Gesicht gegen Köpfe tretend über die Menschen steigen! Obwohl von der Statur her, er wohl nicht nur dem Druck stand gehalten hätte, sondern hätte schwächere Menschen stützen oder helfen können. Abartig dieses Grinsen! Wie kann man nur? Diese beiden Typen in dieser Szene verdienen tiefste Abscheu ekel!

31.07.2010
03:19
Augenzeuge filmte Loveparade-Panik an der Treppe
von FragenÜberFragen | #88

Ach ja, noch was:
In den letzten Tagen war die Rede davon, Politiker sollten in Zukunft über die Durchführung von Großveranstaltungen entscheiden.

Ist ja klasse, hatten wir das nicht erst in Duisburg?
Und, was kam dabei heraus?

Die Politikerdarsteller sollten davon lieber die Finger lassen, Verantwortung übernehmen sie ja eh nicht.
Es gibt genug erfahrene Konzertveranstalter, die seit Jahrzehnten gute Arbeit abliefern.

31.07.2010
03:01
Augenzeuge filmte Loveparade-Panik an der Treppe
von FragenÜberFragen | #87

Ich habe früher oft in großen Hallen und auf Open-Airs gearbeitet und auch selbst kleinere Veranstaltungen durchgeführt.
Wenn ich die Bilder aus Duisburg sehe, bekomm ich das kalte Grausen.

Ein kombinierter Ein-/ Ausgang durch einen Tunnel; Freßstände, Bauzäune und Einsatzfahrzeuge auf dem einzigen Zu-/Abgangsweg, die den verfügbaren Raum noch weiter einschränken, ein Skandal.

Ich war mir eigentlich sicher, daß so ein Schwachsinn grundsätzlich verboten ist, scheint aber wohl nicht so zu sein.

Hinzu kommen örtlich begrenzte Zuständigkeiten verschiedener Parteien, die sich untereinander scheinbar nicht grün sind. Dämlicher gehts kaum.
Von den politischen Parteien ganz zu schweigen.

Und zu guter Letzt eine Öffentlichkeitsarbeit nach der Katastrophe, wie sie die Bahn, das Kanzlerinnengespann und das Bankgewerbe zusammen wahrscheinlich nicht besser hätten machen können.


Ich ziehe meinen Hut vor den Duisburgern, wer sowas verkraftet, ist echt hart drauf.

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