Mär von den guten Nazis
24.10.2007 | 19:55 Uhr 2007-10-24T19:55:04+0200Jeder vierte Deutsche ist der Ansicht, der Hitlerstaat habe auch positive Seiten gehabt.Der Historiker Wolfgang Benz erklärt, warum diese Legenden so langlebig sind
ERINNERUNG ANS DRITTE REICH Wenn ein Viertel der Deutschen auf Anfrage bekundet, das Dritte Reich habe auch gute Seiten gehabt, so entspringt dies wohl weniger dem Bedürfnis, das nationalsozialistische Regime zu rechtfertigen, als dem Streben, der moralischen Totalverdammung etwas entgegenzusetzen. So reklamierten sie die Autobahnen, die vermutete geringe Kriminalitätsrate, die Zuwendung durch die Freizeit reglementierende Organisation "Kraft durch Freude", den Mutterkult, die Überwindung der Arbeitslosigkeit.
Das waren die Themen der 50er Jahre, mit denen der Hitlerstaat nicht glorifiziert, vielmehr Sinn gestiftet werden sollte für die eigene Rolle. Es gab ja Erklärungsbedarf, warum man den Charakter des Unrechtsregimes nicht erkannt und sich nicht verweigert hatte, warum man trotz Unbehagens Karriere gemacht hatte, warum man privates Lebensglück genossen hatte. Deshalb durfte nicht alles schlecht gewesen sein, was unter nationalsozialistischer Regie geschehen war.
Die vermeintlich unpolitischen Themen boten sich an. Wenn man sich aus reinem Idealismus in der NS-Frauenschaft engagiert hatte, dann konnte das doch nichts Schlechtes sein, wurde vorgebracht. Auch die "Volksgemeinschaft" als Gegenentwurf zur Welt der Klassen und des Standesdünkels war ja eine schöne Utopie, an die zu glauben nichts Schlechtes war. Dass diese Volksgemeinschaft real existiert hat, war freilich ein Irrtum.
Und ebenso falsch war die Einschätzung des nationalsozialistischen Mutterkultes als einer zweckfreien sozialen Errungenschaft. Sich an den Muttertag, das Mutterkreuz, den Mütterdienst dankbar zu erinnern, wenn man dabei persönlich eine gute Zeit gehabt hatte, vielleicht das einzige Mal sich als Frau öffentlich anerkannt gefühlt hatte, war nicht anrüchig, allenfalls naiv, weil es zeigte, dass frau die hinter den staatlichen Maßnahmen stehenden Absichten nicht durchschaute. 4,7 Millionen Mutterkreuze sind verliehen worden, in Bronze, Silber und Gold. Als Auszeichnung für deutsche Frauen, die mehr als vier Kinder geboren hatten. Jüdische und andere "artfremde" Mütter hatte man, auch wenn sie Deutsche waren, totgeschlagen, weil man deren Kinder nicht wollte.
Wenigstens die Arbeitslosigkeit habe Hitler besiegt, heißt es unter Verweis auf die 6,01 Millionen Erwerbslosen im Januar 1933, deren Zahl dahinschmolz, bis man 1938 "Fremdarbeiter" anwerben und 1939 Zwangsarbeiter rekrutieren musste. Setzt man das Schwinden der Arbeitslosen in Beziehung zu den Staatsausgaben, dann hat man des Rätsels Lösung. Die Rüstungsausgaben betrugen 1932/33 7,5% des Reichshaushalts, 1938/39 waren es 60%. Finanziert war die Rüstung auf abenteuerliche Weise, nämlich durch Wechsel auf die Zukunft, die mit der Währungsreform 1948 eingelöst wurden. Mit anderen Worten: Die Ersparnisse der Deutschen wurden herangezogen, um die Staatsschulden zu bezahlen.
Eine Nebenwirkung des scheinbaren Erfolgs auf dem Arbeitsmarkt war der Verlust des Koalitions- und des Streikrechts der Arbeitnehmer und der Verlust des Rechts auf Wahl des Arbeitsmarktes. Staatlich gelenkter Arbeitseinsatz befahl die Werktätigen dorthin, wo der Staat sie brauchte und kontrollierte. Mit dem Wissen um diesen Kontext verliert das Diktum "aber die Arbeitslosigkeit hat er beseitigt" an Gewicht.
Ein bei passender Gelegenheit gern beschworener Mythos ist auch die Vermutung, im Dritten Reich habe es keine nennenswerte Kriminalität gegeben. Die amtliche Kriminalstatistik zeigt ein anderes Bild. Delikte wie Mord und Totschlag, Diebstahl und Raub, räuberische Erpressung nahmen ab 1939 deutlich zu. Auch die Straffälligkeit in der jungen Generation, die angeblich in der HJ und dem BDM Zucht und Ordnung übte, passte weder ins Bild zeitgenössischer Propaganda noch in die spätere verklärende Erinnerung. Die Jugendkriminalität wies schon vor dem Krieg eine stetig zunehmende Tendenz auf. Trotzdem hält sich die Legende, im Hitlerstaat habe es für die Bürger mehr Sicherheit gegeben als davor oder danach.
Die Autobahnen werden immer ins Gespräch gebracht, wenn Errungenschaften des Dritten Reichs benötigt werden. Die "Straßen des Führers" passen scheinbar in die Argumentation, die dem Nationalsozialismus wenigstens einen technischen, wenn nicht damit verbundenen sozialen, Modernisierungsschub gutschreiben will. Die Autobahn war aber keine Erfindung Hitlers, wie damals behauptet wurde, um den Führerkult zu forcieren. In der Werbung für die Sozialpolitik des Regimes spielten die Autobahnen wegen der Arbeitsbeschaffung eine Rolle, aber wichtiger als der begrenzte Effekt für den Arbeitsmarkt war die Tatsache, dass der Bau aus der Arbeitslosenversicherung finanziert wurde, worüber das Regime schwieg.
Die abgedroschene Metapher Autobahn ist immer noch ein gutes Beispiel, um die Notwendigkeit differenzierter Betrachtung vor Augen zu führen. Die Nutzung damals erzielten Fortschritts - also in der Modernisierung, in der Raketenentwicklung usw. - kann kein "Beweis" dafür sein, dass der Nationalsozialismus auch gute Seiten gehabt habe. Der Tretstrahler für Fahrradpedale, den ein SS-Mann erfand, wurde von Himmler als Chef der Polizei eingeführt. Die SS war Inhaberin des Patents und verdiente an jedem zwangsweise damit ausgerüsteten Fahrrad. Zu folgern, weil der Rückstrahler ja eine nützliche Sache ist, habe die SS auch Verdienste, wäre absurd.
Aber genauso funktioniert jede Argumentation, nach der "doch nicht alles schlecht gewesen sein könne", was damals galt. Nach Jahrzehnten historischer Forschung gilt solches Vorbringen nicht mehr. Die Klage derer, die sich beim Reden über den Nationalsozialismus verrannt oder verplappert haben, ist unnötig, wenn man sich informiert, ehe man über das NS-Regime räsoniert. Reden muss man nämlich darüber.
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