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Die Obama-Nacht in Berlin mit den "Democrats Abroad"

07.11.2012 | 07:58 Uhr
Im Berliner Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz feiern die “Democrats Abroad”, die in Deutschland wohnenden US-Demokraten, den Wahlabend.

Berlin.  Eine Nacht mit den Demokraten in Berlin, fern der ARD-, ZDF-, RTL-Medienpartys. Salziges Popcorn, German Glühwein und ein Ende vor dem eigenen Fernseher. Warum alles besser mit Speck ist und was Obama und Joe Biden zu deutschem Glühwein sagen.

18:03 Uhr: Das Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz. Hier feiern die “Democrats Abroad”, die in Deutschland wohnenden US-Demokraten. Die Karten kosten fünf Euro, sind seit zwei Tagen ausverkauft. “Komm doch gegen 23 Uhr trotzdem vorbei”, empfiehlt mir eine Helferin. “Vielleicht kommst du noch rein.” Auf dem Weg nach draußen hält mich Nancy auf. Nancy organisiert die Wahlparty und braucht Hilfe dabei, ihr Glühweinzelt aufzubauen. Ich helfe ein paar Minuten. “What’s your name?”, fragt Nancy. “Daniel.” “Daniel, we love you.”

18:51 Uhr: 100 Meter weiter treffe ich mich mit Freunden im Belushi’s, einer Touristenkneipe mit Hostel. Immerhin gibt es eine Handvoll Fernseher und eine Leinwand. Erst Champions League, dann Election verkünden die englischen Bedienungen. Ich bestelle Cheeseburger mit Bacon, “because everything is better with bacon”, wie die Karte verspricht. Dazu Carlsberg. Das gibt’s hier grad 2 for 1.

21:33 Uhr: Im Belushi’s wird’s richtig voll. Nur auf einem Bildschirm läuft Schalke, überall sonst der BVB. Ich bestelle meine erste Cola. Vielleicht hätte ich vor Obama vs. Romney mehr als sechs Stunden schlafen sollen. Das wird eine lange Nacht.

22:45 Uhr: Abpfiff in der Champions League, CNN übernimmt das Belushi’s. Der Laden leert sich schnell. 100 Meter weiter bei der Demokraten-Party im Babylon kommen wir noch immer nicht rein.

0:35 Uhr: Ich bin mit meinem Kollegen Jonathan Sachse unterwegs. Wir sind trotzdem zum Babylon. Im von mir mit aufgebauten Zelt gibt es Glühwein. Wir treffen Barack Obama. Der kommt aus Österreich, studiert in Berlin Filmwissenschaften und ist extrem betrunken. Das Schicksal teilt er mit seinem Vizepräsident Joe Biden. Der studiert in Berlin Jura. Beide wollen vor Foto und Video meine Visitenkarte sehen. “Wir sind medienerfahren”, sagt Biden. Ich bin wohl nicht der erste Reporter, der die beiden heute nervt. Zwei Minuten später taucht ein Fotograf der Nachrichtenagentur dapd auf.

0:40 Uhr: Obama und Biden lieben deutschen Glühwein. “German Glühwein is the best”:

0:58 Uhr: Etwa 600 Leute sind heute im Kino Babylon, ein paar weitere warten mit uns im Glühweinzelt und vor der Tür. Vor vier Jahren waren es Hunderte mehr, die Leute warteten auf der Straße, es gab etwas Stress. Sogar die Polizei musste eingreifen, erzählt mir Matthias, der Typ der uns für drei Euro pro Becher Glühwein aufgeschwatzt hat. 2,70 Euro davon sind Gewinn, verrät uns der Leiter des Kinos.

1:10 Uhr: Endlich sind wir drin!

1:25 Uhr: Die Berliner Demokraten sind optimistisch. Wir sitzen auf dem Boden, hier sind die Steckdosen, die iPhones verlangen nach Saft.

 

1:40 Uhr: Die Stimmung ist nicht schlecht, obwohl kein CNN läuft. Letzteres enttäuscht die Amerikaner. Auch ich bekomme weniger mit als erhofft. Immerhin: Sie haben sich Mühe gegeben. Luftballons in rot-weiß-blau, dazu passendes Licht. Obama-Hüte und -Anstecker sind jetzt aber offenbar schon vergriffen.

1:58 Uhr: Live-Musik im Babylon, zum Hören…

 

2:13 Uhr: …und zum Sehen.

 

2:41 Uhr: Michael lebt seit 40 Jahren in Berlin. Er war Volunteer in Indien. “Das hat mein Bild von Amerika komplett verändert”, sagt Michael. Seitdem wählt er die Demokraten. Michael hilft seit Jahrzehnten bei den Wahlveranstaltungen der Demokraten, schon für JFK hatte er sich engagiert.

3:10 Uhr: Renita Felton hat früher bei Family Affair gesungen und pendelt seit Jahrzehnten zwischen den USA und Deutschland hin und her. Jetzt zittert sie mit Obama. “Romney wäre der Untergang.” Uns erzählt sie, warum sie im Kino Babylon dabei ist.

 

3:13 Uhr: Den Hope-Button trägt Renita Felton mit Stolz. Obama, sagt sie, “hat sich jedes einzelne graue Haar hart verdient”.

3:25 Uhr: Noch immer beschweren sich die Amerikaner, dass im Babylon kein CNN läuft. Die Reihen werden leerer, die Veranstaltung träge. Mein Kollege und ich ziehen weiter. Durch regenleere Straßen. In der Hoffnun auf eine bessere Wahlparty.

4:20 Uhr: Wir finden nichts. Umgedrehte Barhocker auf den Tischen am Hackeschen Markt, selbst im Irish Pub Kilkenny. Auch in der Hotelbar des Radisson blu ist schon der Putzmann unterwegs.

4:35 Uhr: Leere S-Bahn, zurück ins Quartier. Hoffentlich rechtzeitig zur Entscheidung.

5:00 Uhr: Zurück im Trockenen. Jetzt noch etwas ARD und ZDF schauen. Obama packt’s. Und wir können gleich schlafen. Zum Glück.

Video
Obama hat es geschafft und die Wiederwahl zum US-Präsidenten erneut gewonnen. Was halten die Bürger im Ruhrgebiet von dem Wahlergebnis? Wir haben nachgefragt.

 

Daniel Drepper



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