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Aufsichtsrat von Uniklinik Mannheim soll nach Hygiene-Skandal gehen

17.03.2015 | 12:34 Uhr
Aufsichtsrat von Uniklinik Mannheim soll nach Hygiene-Skandal gehen
Eine Expertenkommission soll den Hygiene-Skandal am Mannheimer Uniklinikum aufklären. Doch die Aufarbeitung stockt.Foto: dpa

Mannheim.  Nach dem Hygiene-Skandal an der Uniklinik Mannheim stehen die Verantwortlichen unter Druck: Experten fordern personelle Konsequenzen.

Die Verantwortlichen in Mannheim geraten unter Druck: Der Aufsichtsrat soll gehen, die Kommission ausgetauscht werden.

Vertuschungen und Verschleierungen bei der Aufarbeitung des Hygieneskandals um verschmutztes OP-Besteck am Mannheimer Uniklinikum lösen eine Welle der Empörung aus. Ärzte, Patientenschützer und Juristen fordern personelle Konsequenzen. Der Aufsichtsrat des Klinikums solle zurücktreten, die Untersuchungskommission ausgetauscht werden

Hintergrund
Verschweigen statt aufklären an der Uniklinik Mannheim

Ein Hygieneskandal erschüttert das Uni-Klinikum Mannheim. Verantwortliche verschleiern einen Eklat bei Experten, die den Skandal aufklären sollen.

Die Verantwortlichen hatten einen Bruch in der Untersuchungskommission verschwiegen, die den Hygieneskandal aufklären soll. Seit Oktober 2014 ermittelt die Staatsanwaltschaft in der Affäre. Der Verdacht: Verstoß gegen das Medizinproduktegesetz und gegen Hygienevorschriften. Die Vorwürfe reichen von einer toten Fliege im OP-Besteck bis zu gezielter Verunreinigung von medizinischem Gerät.

Zwei Austritte binnen drei Tagen

Eine vom Aufsichtsrat der Uniklinik eingesetzte Expertenkommission soll den Hygieneskandal aufklären. Doch nach internen Meinungsverschiedenheiten waren die beiden einzigen Hygiene-Experten aus der sechsköpfigen Kommission ausgetreten: Professorin Heike Martiny aus Berlin am 30. Januar, Professor Heinz-Michael Just aus Nürnberg am 2. Februar. Die Klinik verschwieg diese Vorgänge nicht nur. Sie täuschte auf Anfrage auch eine unveränderte Kommissionsbesetzung vor. Recherchen der Funke-Mediengruppe brachten dies ans Tageslicht.

„Nichts dazugelernt“ hätten die Verantwortlichen, kritisiert die Deutsche Stiftung Patientenschutz mit Sitzen in Berlin und Dortmund. „Die groß angekündigte Untersuchungskommission ist gescheitert, bevor sie zu Ergebnissen gekommen ist“, sagt Vorstand Eugen Brysch. Ohne den Sachverstand der beiden Hygiene-Experten sei die Aufklärung der Affäre unmöglich. Brysch: „So können keine Konsequenzen gezogen werden, damit sich die Vorfälle in Zukunft nicht wiederholen.“

„Nach Dänzer muss auch der Aufsichtsrat gehen“

Für die Stiftung mit ihren 55.000 Mitgliedern und Förderern ist „klar, dass der Rücktritt des ehemaligen Klinik-Geschäftsführers Dänzer nicht ausreicht. Auch der Aufsichtsrat aus Politikern und Verbandsvertretern muss jetzt seinen Hut nehmen.“ Brysch fordert „einen Neuanfang, damit Patienten, Angehörige und die Öffentlichkeit neues Vertrauen fassen können“

Rückblick
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„Die Vorgänge in Mannheim sind unglaublich“, sagt Professor Klaus-Dieter Zastrow, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Hygieniker (BDH). „Über Jahre hinweg wird gegen geltendes Recht verstoßen.“ Medizinproduktegesetz, Medizinproduktebetreiber-Verordnung und Infektionsschutzgesetz kümmerten die Verantwortlichen offenbar nicht. Dabei sei „die Aufbereitung von Medizinprodukten zum Schutz des Patienten eindeutig geregelt“.

Kann oder will die Kommission nicht?

Das werfe die Frage auf, ob die Kommission nicht wolle oder nicht könne: „Hygiene-Experten brauchen maximal zwei Tage für die Analyse der Arbeit in der Sterilgutaufbereitung. In Mannheim blickt man nach vier Monaten immer noch nicht durch.“ Weil der Kommission der erforderliche Sachverstand fehle, sei sie „unbrauchbar“, sagt der Hygieniker aus Berlin. Überdies habe „die gesamte Leitungsebene völlig versagt, inklusive Aufsichtsrat“. Zastrow: „Die Art der Aufklärung ist skandalös.“

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„Falsche Informationen haben kurze Beine“, sagt Patientenanwalt Burkhard Kirchhoff. „Eine Kommission Wahrheitsfindung“ müsse jetzt die Kontrolle übernehmen; Fachärzten für Hygiene fiele dabei die wichtigste Rolle zu. Dass eine Kommission „in Zeitlupe“ arbeite, könne auch gewollt sein, „denn auf diesem Wege wächst Gras über Klinikskandale“, so Kirchhoff.

„Ein Schlag ins Gesicht der Patienten“

„Diese Form der Überprüfung“ sei „ein Schlag ins Gesicht der Patienten, unwürdig“. Jeder Experte, der bei solchen Vorgängen nicht mitziehe, habe seinen Respekt. „Um Objektivität bemühte Hygieniker sollten sich generell für eine zweifelhafte Aufklärung nicht hergeben“, sagt der Jurist. Die Vortäuschung einer unveränderten Kommissionsbesetzung sei „ein weiterer Skandal“.

Der Austritt der Hygieniker mache die Kommission überflüssig, sagt Professor Walter Popp, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH). „Das sind renommierte Hygienesachverständige. Ohne die beiden kann die Kommission aufgelöst werden und der Aufsichtsrat muss sich fragen lassen, warum er eigentlich diese Kommission gegründet hat.“ Sicherheit für Patienten sei „nicht allein Sache der Vorstände, sondern auch der Aufsichtsräte, die die Vorstände überwachen sollen“, meint der Hygieniker aus Essen.

Klaus Brandt

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Aufsichtsrat von Uniklinik Mannheim soll nach Hygiene-Skandal gehen
Aufsichtsrat von Uniklinik Mannheim soll nach Hygiene-Skandal gehen
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http://www.derwesten.de/thema/toedliche_keime/aufsichtsrat-von-uniklinik-mannheim-soll-nach-hygiene-skandal-gehen-id10467024.html
2015-03-17 12:34
Tödliche Keime