Mannheimer Klinik bekommt Hygiene nicht in den Griff

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Was wir bereits wissen
Die Uniklinik Mannheim bekommt die Hygiene nicht in den Griff. Weil das Krankenhaus neue Mängel verschweigt, rücken Ärzte von der Klinikleitung ab.

Mannheim.. Der Hygieneskandal in der Uniklinik Mannheim wird zur Zerreißprobe für Patienten und Ärzte. Wieder hat das Krankenhaus Gesetze missachtet. Wieder versagte die Reinigung steriler Instrumente. Wieder lag Dreck in OP-Bestecken. Wieder wurden Operationen gestoppt. Auf Anfrage sagt die Klinik, es sei „nichts Außergewöhnliches“ passiert. Zugleich verheimlicht sie gravierende Hygienemängel, die der Geschäftsführung und Dutzenden von Führungskräften im Hause bekannt sind. Das dokumentieren interne Klinikunterlagen, die der Funke-Mediengruppe vorliegen.

Hygieneskandal „Da denkst du, das ist der Tiefpunkt – und dann geht es richtig bergab“, sagt der Chefarzt mit dünner, farbloser Stimme. Er hat seinen Zuständigkeitsbereich in der Uniklinik „von rechts auf links und wieder zurück gedreht, um zu erfahren, woher Infektionsraten von 10 bis 20 Prozent kommen“. Mit doppeltem Handschuhschutz seien Chirurgen in die OPs gegangen, hätten jedes Detail beachtet, jedes theoretische Risiko ausgeschlossen. Erfolglos. „Die Infektionen gingen nicht runter. Dass die Bestecke nicht sauber sind, daran denkt doch kein Mensch“, sagt der Arzt. Doch so war es. Jahrelang. Bis heute.

Hygiene Von 2007 bis Oktober 2014 operierte die Uniklinik Mannheim an Hygiene-Gesetzen vorbei. Das Krankenhaus war nicht in der Lage dazu, Skalpelle, Scheren und Pinzetten vorschriftsmäßig zu reinigen. Weder technisch, noch personell, noch organisatorisch. Zu diesem Schluss kommt eine unabhängige Expertenkommission, die Abläufe in dem 1350-Betten-Haus untersucht hat. Die Gutachter stellen fest: Die Mannheimer Klinikleitung kannte die Gefahr, tat aber nichts dagegen – aus Kostengründen, trotz mehrfacher Warnungen und konkreter Hinweise auf „eine direkte Patientengefährdung“.

„Schwere Infektionen sind unter solchen Umständen unvermeidlich“

Die potenziellen Opfer sind bis zu 350.000 Patienten, die binnen sieben Jahren unter Messer kamen, an denen schon mal Blut, Haare oder Gewebereste, einmal auch eine tote Fliege klebte. „Schwere Infektionen sind unter solchen skandalösen Umständen unvermeidlich“, sagt Professor Klaus-Dieter Zastrow, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Hygieniker (BDH) und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH). Zastrow spricht von „einem Angriff auf die Gesundheit der Patienten“.

Hygieneskandal Als 80 Prozent der maroden OP-Bestecke verschrottet waren und der externe Dienstleister Orgamed die Sterilisation übernahm, tat die Klinik so, als sei der Spuk vorbei. Und jetzt das: Am 27. Mai entdeckten Prüfer des Regierungspräsidiums Karlsruhe einen neuen Gesetzesverstoß. Für das Verfahren zur Aufbereitung der OP-Bestecke fehlte die schriftliche Freigabe – eine Missachtung der Medizinproduktebetreiberverordnung. Als der Mangel am Tag darauf immer noch nicht behoben war, wurde „die Sperrung der aufbereiteten Medizinprodukte verfügt“, so die Behörde. Die Klinik habe „daraufhin unverzüglich“ alle Instrumente zurückgerufen.

Den Rückfall in alte Zeiten verkauft das Krankenhaus als Schritt nach vorn. Man sei aus freien Stücken tätig geworden, habe die Sterilgüter „selbst vorsorglich zurückgerufen“. Zur Sperrung der OP-Bestecke durch das Regierungspräsidium heißt es: „Eine entsprechende Verfügung hat es nicht gegeben.“ Sichtbarer Schmutz sei diesmal auch nicht aufgetaucht in den Bestecken, „weder Haare noch Flusen“, behauptet die Klinik auf Anfrage.

Klinik warnte vor neuem Dreck im OP-Besteck

Dass das nicht stimmt, wissen mindestens drei Dutzend Angestellte aus der Uniklinik, der Medizinischen Fakultät und dem Orgamed-Team. Sie alle wurden vom Geschäftsbereichsleiter Zentrale Klinische Einrichtungen, Dr. Christoph Klein, über die tatsächliche Lage informiert. Schriftlich. Unter der Betreffzeile „Rückruf Instrumentarium“ warnte Klein vor neuem Dreck im OP-Besteck: „Im Rahmen der Aufbereitung sind Flusen aufgefallen.“

Hygiene Dass die Klinik diese unappetitlichen Rückschläge unter den Teppich kehrt, sorgt für Unmut im Hause. „Ich bin erstaunt, dass die Geschäftsführung jetzt die Flusen abstreitet, über die Herr Dr. Klein uns am 28.05. mit der Geschäftsführung im Verteiler unterrichtet hat“, wundert sich einer aus dem großen Verteilerkreis und bezweifelt die Integrität der Klinikleitung: „Was soll man da noch glauben?“

Etwa den Erklärungsversuch für ein weiteres Haar, das jetzt in einem OP-Besteck gefunden wurde? Glaubt man den Darstellungen der Klinik, dann könnte es von einem haareraufenden Regierungsbeamten stammen. Oder von einem kopfschüttelnden Arzt? Jedenfalls glaubten Behörde und Klinik, das Haar sei während der Überprüfung durch Mitarbeiter der Aufsichtsbehörde und des Krankenhauses ins OP-Besteck geraten.

„Das ist eine Katastrophe“, sagt ein Eingeweihter. „Für wie blöd halten die uns eigentlich?“

Aus der jüngsten Rundmail der Geschäftsführung vom 3. Juni wurden Flusen und Haare entfernt. Man werde „natürlich auch weiterhin alles daran setzen, die Vorgaben der Behörden vollumfänglich zu erfüllen“, schreiben die Klinik-Bosse und kündigen einen PR-Termin an: „In etwa zwei Wochen“ wolle man die neue Zentralsterilisation der Öffentlichkeit vorstellen.

Klinik-Hygiene Ein sicherer Kandidat fürs Blitzlichtgewitter wäre dann Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD) – wenn er die nächste Woche unbeschadet übersteht. Am 14. Juni wählt Mannheim einen neuen OB. Kurz tritt für weitere acht Jahre an. Seit 2007 steht er an der Spitze der Stadt. Sein Problem: Seit 2007 ist er auch Vorsitzender des Aufsichtsrates der Uniklinik, die ausgerechnet seit 2007 Gesetze missachtet haben soll. Das ist kein Indiz für eine leidenschaftliche Kontrolle. Auch kein Rückenwind für die heiße Wahlkampfphase.

„Es hat sicher auch Tote gegeben“

Dem Aufsichtsratschef kommt noch etwas in die Quere: seine frühe Entwarnung. Trotz aller Hygienemängel seien keine Patienten zu Schaden gekommen, hatte Kurz gesagt, als der Skandal Ende 2014 hochkochte. Diese Worte holen ihn jetzt ein. Heute ist klar: Zehntausende von Patienten, die zwischen 2007 und 2014 in Mannheim operiert wurden, könnten mindestens Infektionen erlitten haben. „Es hat sicher auch Tote gegeben“, sagt ein Arzt. „Nur werden die Angehörigen diese Todesfälle ja nicht mit dem Aufenthalt im Uniklinikum Mannheim in Verbindung bringen. Noch nicht.“

Wegen der Zuspitzung ist Kurz derzeit nicht persönlich zu sprechen, wenn es um die Klinik geht. Fragen dazu? Nicht am Telefon, nur schriftlich. Der Aufsichtsratschef denke nicht an Rücktritt, heißt es dann. Kurz habe seine Pflichten „voll erfüllt“.

Hygieneskandal „So kann das nicht weitergehen“, sagt Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz mit 55.000 Mitgliedern und Förderern. Der gesamte Aufsichtsrat müsse ausgewechselt werden. „Ein Neuanfang muss her.“ Brysch hat das Land Baden-Württemberg zum Eingreifen aufgefordert. Gesundheitsministerin Katrin Altpeter (SPD) solle die Aufklärung der Vorgänge zur Chefsache machen. „Die Patienten wollen Sicherheit haben.“ Doch die Gesundheitsministerin will sich nicht einschalten in die Affäre. Das Regierungspräsidium Karlsruhe tue alles, um die Hygiene wieder herzustellen, sagt sie.

Die Aufsichtsbehörde hat seit 2002 Hinweise auf Mängel in der Klinik. Jetzt kündigt sie „weitere unangemeldete Kontrollen“ an, „kurz-, mittel und langfristig“.

„Das System Dänzer lebt weiter“, steht in einem Brief, den der Marburger Bund aus der Uniklinik Mannheim bekommen hat. „Das ist ein Hilferuf“, sagt Jan Schultze-Melling, Justiziar des Ärzteverbandes. Alfred Dänzer war der Klinikchef, der die sieben skandalösen Jahre in Mannheim als Geschäftsführer verantwortete. Dänzer war auch Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Der Skandal fegte den Top-Funktionär aus allen Ämtern. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihn und fünf weitere Ex-Klinikkräfte. Der Verdacht: Verstoß gegen das Medizinproduktegesetz. Darauf stehen bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe.

Dänzers Fall lähmt die DKG. Der Lobbyisten-Klub, bei früheren Klinikskandalen meist relativierfreudig und schnell in der Gegenoffensive, ist sprachlos. Ein Statement zur Uniklinik Mannheim? „Nein, wir bitten um Verständnis. Dazu können wir keine Stellung nehmen.“