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Flüchtlingsdorf NRW

Handwerkerstraße: Flüchtlingen ein normales Leben spenden

09.03.2016 | 17:28 Uhr
Handwerkerstraße: Flüchtlingen ein normales Leben spenden
Shame Khalil (Mitte) und zwei ihrer Kolleginnen in der Bäckerei des Flüchtlingsdorfes. Die Bäckerei wurde mit Spendenmitteln aus NRW gebaut und kann das ganze Camp mit Brot versorgen.Foto: Christian Schwarz

Mam Rashan.  Im Flüchtlingsdorf NRW im Norden des Irak entsteht eine Handwerkerstraße, um Flüchtlingen eine Perspektive zu geben. Die Handwerkskammer Düsseldorf hilft.

Es ist eigentlich nur ein großer Container mit einem einfachen Ofen, einer Arbeitsfläche, einem mechanischen Teigkneter. Aber es ist Abu Hadis Reich, und er ist stolz darauf. „Sehen Sie“, sagt er, „ich war fast eineinhalb Jahre arbeitslos, und jetzt verdiene ich wieder mein eigenes Geld.“ Abu Hadi ist Chef einer kleinen Bäckerei am Rande des Flüchtlingsdorfes NRW, einem Dorf, das in den vergangenen Monaten mit der Hilfe von Spenden aus Nordrhein-Westfalen im Norden des Irak gebaut wurde. Um das Dorf ist eine Kleinstadt gewachsen, 4000 Menschen leben jetzt hier im Flüchtlingslager Mam Rashan. Abu Hadi und sein kleines Team versorgen sie alle mit Brot. Jetzt entsteht in Mam Rashan eine Handwerkerstraße, damit noch mehr Menschen Arbeit finden.

Abu Hadi hat einmal ein ganz normales Leben gelebt. Der Mann mit dem kräftigen schwarzen Schnauzer war Tagelöhner, er hat in Backstuben ausgeholfen, auch in der irakischen Hauptstadt. Viel verdient hat er nicht, es reichte gerade so, Abu Hadi hat sieben Kinder. „Aber ich habe nie Hilfe von anderen gebraucht“, sagt er. Dieses normale Leben zerbrach im Sommer 2014, so wie das Leben von Millionen Irakern. Damals überrannten die Fanatiker des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) auch die Region um Sindschar, wo vor allem Jesiden wie Abu Hadi lebten, Menschen, die wegen ihrer Religion von den Dschihadisten als Teufelsanbeter bezeichnet und gnadenlos verfolgt werden.

"Wir haben gedacht, das ist unser Ende"

Panisch floh Abu Hadi mit seiner Familie an jenem heißen Tag im August vor dem Ansturm der bärtigen Männer mit ihren schwarzen Fahnen, fünf Tage verbrachten die Flüchtlinge in den Sindschar-Bergen. „Wir hatten nichts, kein Essen, kein Wasser, wir haben gedacht, das ist unser Ende.“ Sie überlebten es, gelangten in eine Stadt namens Zakho. Dort lebten sie ein Jahr lang mit dutzenden anderer Familien in einem sechsstöckigen Rohbau, ohne Strom, ohne fließendes Wasser. „Es war schlimm, aber die Bevölkerung hat uns geholfen. Sie haben uns Essen, Matratzen und Bettdecken gebracht.“

Im Flüchtlingsdorf NRW haben Abu Hadi und seine Familie nach mehr als einem Jahr ein menschenwürdiges Obdach in Wohncontainern gefunden. Das Dorf konnte dank der Spenden von zahlreichen Menschen, Kirchengemeinden und Unternehmen aus NRW errichtet werden. Insgesamt 600 000 Euro hat die Caritas Flüchtlingshilfe Essen bereits für das Projekt einwerben können, für das EvonikChef Klaus Engel, RVR-Direktorin Karola Geiß-Netthöfel und der frühere WDR-Intendant Fritz Pleitgen die Schirmherrschaft übernommen haben. Auch zahlreiche NRZ-Leser und die Funke Mediengruppe, zu der die NRZ gehört, haben gespendet. Die Welthungerhilfe und die UNO haben hunderte weitere Wohncontainer gebaut.

„Ein klein wenig Normalität“

Obdach allein aber macht kein erfüllendes Leben. Deswegen hat die Flüchtlingshilfe die Bäckerei gebaut, möglich gemacht hat das eine Großspende der Essener Firma Deichmann. Neben Abu Hadi arbeiten vier Frauen in der Backstube, darunter auch Shame Khalil. Sie ist 22, eine Waise, und wie alle Menschen im Camp jesidischen Glaubens. „Natürlich ist es gut, dass ich Geld verdiene, aber es ist mir noch wichtiger, dass ich etwas tun kann“, sagt sie.

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Um noch mehr Menschen in dem Camp eine Perspektive zu schaffen, wird dort jetzt eine Straße mit Ladenlokalen für Handwerker gebaut. „Die Möglichkeit, einer Beschäftigung nachzugehen, bietet ein klein wenig Normalität in einer Zeit, in der Vieles provisorisch ist. Viele Menschen haben Schreckliches gesehen und erlebt, und das Nichtstun verschlimmert die Situation“, sagt der SPD-Landtagsabgeordnete Serdar Yüksel, der das Projekt initiiert hat.

Handwerkskammer Düsseldorf hilft

Die Handwerkskammer Düsseldorf wirbt bei ihren 57 500 Mitgliedsbetrieben für die Realisierung der Ladenlokalstraße: „Wir unterstützen damit ein beispielhaftes Projekt, das den Flüchtlingen einen sicheren Aufenthalt relativ nah zu ihrer Herkunftsregion ermöglicht und sie zugleich in Beschäftigung bringt. Damit können sie ihre Fähigkeiten voll nutzbar machen für die Versorgung der Bewohner und den weiteren Ausbau der Infrastruktur“, sagt Handwerkskammer-Präsident Andreas Ehlert.

In die alte Heimat werden Abu Hadi und seine Familie so schnell nicht zurückkehren können, auch wenn die IS-Terroristen immer weiter zurückgedrängt werden. Sindschar und die Dörfer in der Umgebung sind zerstört und vermint, der Wiederaufbau wird Jahre dauern. „Aber jetzt habe ich wenigstens Arbeit“, sagt Abu Hadi.

Spenden für die Caritas-Flüchtlingshilfe an:

Caritas Flüchtlingshilfe Essen e.V., Bank im Bistum Essen, IBAN: DE 4536 0602 9500 0010 2628, Stichwort: Nordirak

Jan Jessen

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Handwerkerstraße: Flüchtlingen ein normales Leben spenden
Handwerkerstraße: Flüchtlingen ein normales Leben spenden
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2016-03-09 17:28
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