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NSU-Prozess

Beate Zschäpe verrät im NSU-Prozess viel, obwohl sie schweigt

18.07.2013 | 12:14 Uhr
Beate Zschäpes Auftritt vor Gericht wirkt inszeniert, soll Zweifel an der Anklage schüren.Foto: dpa

München.  Sie steht als Terroristin vor Gericht. An zehn Morden und zwei Sprengstoffanschlägen soll Beate Zschäpe beteiligt gewesen sein. Doch die Hauptangeklagte im NSU-Prozess schweigt bei Gutachtern und im Gerichtssaal - zu den Vorwürfen, zu den Taten, zu ihrer Person. Warum sie dennoch viel verrät.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit und währte trotzdem nur einen Moment. Richter Manfred Götzl lieferte sich mit Anwältin Doris Dierbachin dieser Woche eine heftige Auseinandersetzung. Da blickte Beate Zschäpe plötzlich zu André E. Der 33-jährige Neonazi erwiderte für Sekunden die Kontaktaufnahme. Vielleicht fühlten sich die beiden Angeklagten in diesem Moment unbeobachtet, weil der Streit die Aufmerksamkeit der meisten Prozessbeteiligten des NSU-Verfahrens auf sich zog.

André E. könnte einer der wenigen sein, dem die Terrorbeschuldigte noch vertraut. Der jahrelange NSU-Helfer Holger G. sagt gegen seine früheren Freunde aus, seit ihm harte Strafen drohen. Auch der Jenaer Neonazi Ralf Wohlleben soll seit mehreren Jahren beim NSU-Trio in Ungnade gefallen sein. Sie warfen ihm vor, die Unterstützung für die drei untergetauchten Bombenbastler aufgegeben zu haben, als er vergeblich versuchte, in der Thüringer NPD Karriere zu machen.

Beate Zschäpe trägt einen wohlgehüteten Schleier über ihrem Inneren

Dieser Blickkontakt ist eine der Reaktionen von Beate Zschäpe vor Gericht, die kurz den wohlgehüteten Schleier über ihrem Inneren lüften. Ist die dunkelhaarige, gepflegt wirkende Frau auf der Anklagebank wirklich eine Terroristin, eine Rechtsextremistin, die an zehn Morden und zwei Sprengstoffanschlägen mit beteiligt gewesen sein soll?

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Diese Frage stellt sich an jedem Verhandlungstag im Schwurgerichtssaal A101 des Oberlandesgerichts erneut. In der 38-jährigen Angeklagten ist kaum noch die ungepflegte Frau zu erkennen, nach der knapp fünf Jahre auf der Internetseite des Bundeskriminalamtes gefahndet wurde. Sie ähnelt auch nur wenig der völlig erschöpften Frau, die sich am 8. November 2011 nach einer tagelangen Odyssee in Jena der Polizei stellte und danach in einem Jogging-Anzug gefilmt wurde.

Ihr Gesicht erstarrt zur Maske, als Kameras und Augenpaare auf sie gerichtet sind

Ihr Auftritt vor Gericht wirkt inszeniert, soll Zweifel an der Anklage schüren. Als Beate Zschäpe Anfang Mai erstmals den Verhandlungssaal betrat, lächelte sie. Es war nur ein kurzer Moment, bis der Angeklagten klar wurde, dass mehrere Kameraobjektive und Fotoapparate auf sie lauerten, Hunderte Augenpaare sie anstarrten. Ihr Gesicht erstarrte zur Maske, sie drehte den Fotografen den Rücken zu. Dass sie da bereits deutlich länger als ein Jahr im Gefängnis gesessen hatte, war ihr nicht anzusehen.

Seither vollzieht sich dieses Ritual immer wieder vor Verhandlungsbeginn. Allerdings ist das Lächeln häufig einem genervten Gesichtsausdruck gewichen. Die Justiz verzichtet darauf, Beate Zschäpe  in Handschellen vorzuführen. Sie soll nicht als Märtyrerin erscheinen.

Ob ihre Stimme so selbstsicher wie ihr Auftreten vor Gericht wirkt?

Welche Schuld sie an den Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) trägt, darüber müssen die Richter entscheiden. Bis zu einem Urteil wird es bestimmt noch ein Jahr, eher aber noch länger dauern. Die Angeklagte selber schweigt. Ob ihre Stimme so selbstsicher wie ihr Auftreten vor Gericht wirkt, dass weiß im Verhandlungssaal kaum jemand. Sie schweigt, nennt nicht einmal ihren Namen, überlässt das Reden und Agieren ihren Anwälten und dabei wird es vorerst sicherlich bleiben.

Das Verhältnis zu ihren Verteidigern Anja Sturm, Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl wirkt vertraut. Süßigkeiten werden während des Prozesses ausgetauscht, immer wieder wird auch miteinander geflüstert. Zumeist sind es Anmerkungen, die Beate Zschäpe zu Zeugenaussage macht oder Antworten auf Fragen, die ihre Anwälte haben.

Manchmal aber zaubert ein solches Gespräch auch ein Lächeln auf ihr Gesicht.  Deutlich gelacht hat sie in dieser Woche nur einmal. Ein Zeuge erklärte, dass der Mitangeklagte Holger G. erzählt haben soll, dass das Zusammenleben von Zschäpe mit Mundlos und Böhnhardt harmonisch gewesen sei: „Wie eine Ehe - nur mit zwei Ehemännern.“

Gedenkfeier für die Opfer

 

Kommentare
18.07.2013
18:27
Beate Zschäpe verrät im NSU-Prozess viel, obwohl sie schweigt
von michelucci | #11

Man sollte genauso verfahren, wie damals mit Baader und Co., weg damit und fertig!

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2013-07-18 12:14
NSU, Beate Zschäpe, Prozess, München, Rechtsextremismus, Terror
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