Co-Pilot steuerte 150 Menschen absichtlich in den Tod

Andreas Lubitz war Co-Pilot des Fluges 4U9525.
Andreas Lubitz war Co-Pilot des Fluges 4U9525.
Was wir bereits wissen
Am zweiten Tag nach dem Absturz des Germanwings-Airbus überschlagen sich die Ereignisse. Die aktuelle Lage im Liveticker:
  • Im Cockpit war zum Zeitpunkt des Crashs nur ein Pilot - der zweite war ausgesperrt
  • Staatsanwalt Brice Robin sagt: "Es sieht so aus, als habe der Co-Pilot das Flugzeug vorsätztlich zum Absturz gebracht und so zerstört."
  • Bisher gibt es keine Hinweise auf das mögliche Motiv des Co-Piloten
  • Unter den Opfern waren 75 Deutsche
  • Keine Anzeichen für terroristischen Hintergrund
  • Erste Opfer in den französischen Alpen geborgen

Essen.. Der Co-Pilot der über Frankreich abgestürzten Germanwings-Maschine hat den Airbus mit 150 Menschen an Bord mit Absicht auf Todeskurs gebracht. "Es sieht so aus, als ob der Co-Pilot das Flugzeug vorsätzlich zum Absturz gebracht und so zerstört hat", sagte Staatsanwalt Brice Robin am Donnerstag in Marseille.

Der 27-Jährige Andreas Lubitz sei zu dem Zeitpunkt allein im Cockpit und der Pilot aus der Kabine ausgesperrt gewesen. Warum der Mann die Maschine in die Katastrophe steuerte, ist unklar. Die Polizei durchsuchte am Donnerstag Lubitz’ Wohnungen in Montabaur und Düsseldorf. Hinweise auf einen Terrorakt gibt es laut Ermittlern und Bundesinnenministerium nicht.

Rettungskräfte bergen erste Opfer

Lufthansa-Chef Carsten Spohr sprach in Köln vom "furchtbarsten Ereignis in unserer Unternehmensgeschichte". Germanwings ist ein Tochterunternehmen des Konzerns.

Die Ermittler hatten seit Mittwoch die Aufnahmen eines geborgenen Stimmenrekorders ausgewertet. Schreie von Passagieren sind erst in den letzten Sekunden vor dem Aufprall zu hören. An der Absturzstelle in den französischen Alpen bargen Rettungskräfte die ersten Opfer. Vielerorts in Deutschland versammelten sich Menschen zu einer Schweigeminute für die 150 Insassen, von denen 75 Deutsche waren.

Pilot konnte verschlossene Cockpit-Tür nicht mehr öffnen

Die Staatsanwälte erwägen nun Ermittlungen wegen eines Tötungsdeliktes gegen den 27-Jährigen, der aus Montabaur in der Nähe von Koblenz stammte. Der Pilot hatte nach den neuesten Erkenntnissen das Cockpit verlassen, um auf die Toilette zu gehen, und das Kommando seinem Kollegen übergeben. Als er zurück ans Steuer wollte, habe er die automatisch verriegelte Kabinentür nicht mehr öffnen können, schilderte der Staatsanwalt.

Flugzeug-Katastrophe Die plausibelste Deutung gehe dahin, dass der Co-Pilot vorsätzlich verhindert habe, dass die Tür geöffnet werde. Auf Ansprache des Towers habe der Mann nicht reagiert. Ein Notruf sei nicht abgesetzt worden. Lufthansa-Chef Spohr erläuterte, dass es für den Notfall einen Sicherheitsmechanismus in der Kabinentür gebe: Dafür ist von außen ein spezieller Code einzugeben - kommt keine Antwort, öffnet sich die Tür. Der Kollege im Cockpit könne dies aber blockieren.

Die Tür rückt in Zentrum des Interesses

Ins Zentrum der Debatte rückt die spezielle Technik der Cockpit-Tür. Sie ist seit den Terroranschlägen des September 2001 vorgeschrieben. Die Türen sind seither nur von innen zu öffnen. Von außen geht das nur durch Codes. Doch diese Verschlüsselungen sind wiederum durch eine Blockade („Lock“) aus dem Cockpit auszuhebeln. In Luftfahrtkreisen führt das seit Längerem zu Debatten, nachdem ein ähnlich verlaufener Piloten-Selbstmord 2013 in Südafrika Dutzende Tote gefordert hatte. Auch strittig: Dass in Deutschland - anders als in den USA - der Aufenthalt einer zweiten Person im Cockpit während des Fluges nicht zwingend vorgeschrieben ist.

Während Lufthansa-Chef Spohr dies verteidigt - „fast alle Länder in Europa“ machten das so - handelte Norwegen am Donnerstag rasch. Dort ist es, wie jetzt auch bei einer kanadischen Fluggesellschaft, ab sofort verboten, dass sich Piloten während des Fluges „vorne“ alleine aufhalten.

Mehrmonatige Unterbrechung der Flugausbildung

Über den Co-Piloten war bekannt, dass er Mann seit 2013 Co-Pilot bei Germanwings war. Davor hatte er laut Spohr aber schon seit etlichen Jahren für den Konzern gearbeitet, auch als Flugbegleiter. Vor sechs Jahren habe es eine mehrmonatige Unterbrechung der Pilotenausbildung gegeben, danach sei die Eignung des Mannes nach allen Standards überprüft worden. "Er war 100 Prozent flugtauglich. Ohne jede Auffälligkeit", sagte Spohr.

Dem Piloten selbst sei kein Fehlverhalten vorzuwerfen, er habe "vorbildlich gehandelt". Spohr betonte: "Wir haben volles Vertrauen in unsere Piloten. Sie sind und bleiben die besten der Welt." Er sagte auch: "Wenn ein Mensch 149 Menschen mit in den Tod nimmt, ist das ein anderes Wort als Selbstmord."

Ausgesperrter Kapitän hat gegen Cockpit-Wand gehämmert

Der Stimmenrekorder hatte laut Robin bis zuletzt schweres Atmen aus dem Cockpit aufgezeichnet, gesagt habe der Co-Pilot nichts mehr. In den letzten Minuten, bevor der A320 an einer Felswand zerschellte, hätten der ausgesperrte Kapitän und die Crew von außen gegen die Cockpit-Tür gehämmert. In den ersten 20 Minuten nach dem Start haben sich Pilot und Co-Pilot demnach ganz normal unterhalten.

Der zweite Flugschreiber sei noch nicht gefunden, sagte Robin. Die Bergung und Identifizierung der Opfer könne in dem unwegsamen Gelände mehrere Wochen dauern. Die aus Düsseldorf und Barcelona angereisten Hinterbliebenen hatte er vor der Pressekonferenz informiert. Zuvor hatte bereits ein Düsseldorfer Staatsanwalt Medienberichte bestätigt, wonach einer der Piloten aus dem Cockpit ausgesperrt war.

Spaniens Ministerpräsident ist "erschüttert"

Die Erkenntnisse lösten Bestürzung aus. Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy schrieb auf Twitter: "Ich bin erschüttert."

Der Airbus mit der Flugnummer 4U9525 war am Dienstag auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf, als er über Südfrankreich minutenlang an Flughöhe verlor und am Bergmassiv Les Trois Evêchés zerschellte.

Angehörige werden zum Absturzort geflogen

Angehörige der Opfer landeten am Donnerstag auf dem südfranzösischen Flughafen Marseille-Provence. Die rund 50 Angehörigen waren am Morgen von Düsseldorf aus gestartet, um in die Nähe des Absturzortes zu gelangen. Mit an Bord des Airbus A321 reiste auch ein Betreuer-Team aus Seelsorgern, Ärzten und Psychologen. Außerdem war ein zweiter Sonderflug mit einer Germanwings-Maschine für Angehörige der Crew am Donnerstagvormittag ab Düsseldorf geplant. Auch aus Barcelona wurde ein Flieger mit Angehörigen spanischer Opfer erwartet.

Nach Angaben des Marseiller Staatsanwalts sind auch die Angehörigen von Pilot und Co-Pilot an den Absturzort gereist. "Aber wir haben sie nicht mit den anderen Familien zusammengebracht." (dpa/ds)

Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns nach eingehender, kontroverser Diskussion dazu entschlossen, das Bild des Co-Piloten zu zeigen und seinen vollen Namen zu nennen. Die zentrale Frage, die wir uns gemeinsam mit unseren Lesern stellen, war und ist: Wer ist zu einer solchen Tat fähig? Wir hatten und haben abzuwägen zwischen dem Recht der Familie des mutmaßlichen Täters, geschützt zu werden, und dem Recht der Öffentlichkeit, alle relevanten Informationen zu erhalten. In diesem Fall haben wir uns für eine umfassende Veröffentlichung in Wort und Bild entschieden. Angesichts des Ausmaßes der Tragödie sehen wir Andreas Lubitz als eine Person der Zeitgeschichte.

Die Ereignisse vom Donnerstag in der Chronik

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Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns nach eingehender, kontroverser Diskussion dazu entschlossen, das Bild des Co-Piloten zu zeigen und seinen vollen Namen zu nennen. Die zentrale Frage, die wir uns gemeinsam mit unseren Lesern stellen, war und ist: Wer ist zu einer solchen Tat fähig? Wir hatten und haben abzuwägen zwischen dem Recht der Familie des mutmaßlichen Täters, geschützt zu werden, und dem Recht der Öffentlichkeit, alle relevanten Informationen zu erhalten. In diesem Fall haben wir uns für eine umfassende Veröffentlichung in Wort und Bild entschieden. Angesichts des Ausmaßes der Tragödie sehen wir Andreas Lubitz als eine Person der Zeitgeschichte.