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Euro-Krise

Eine europäische Ratingagentur funktioniert auf dem Markt nicht

17.01.2012 | 15:45 Uhr
Einer der großen Drei bei den Ratingagenturen: Standard & Poor's. Europäische Konkurrenz gibt es in dieser Gewichtsklasse nicht.Foto: dapd

Essen.  Guido Westerwelle will eine europäische Ratingagentur, um die Macht des amerikanischen Dreigestirns aus Standard & Poor's, Moody's und Fitch zu brechen. Spätestens seit Standard & Poor's Frankreichs Bonität senkte. Doch Experten winken ab. Weder eine private noch eine staatliche Ratingagentur würde sich durchsetzen.

Der Aufschrei war schon groß, als die amerikanische Ratingagentur Standard & Poor's damit drohte, die Kreditwürdigkeit Deutschlands und anderer EU-Staaten zu senken . EU-Kommissarin Viviane Reding forderte "das Kartell der drei US-Ratingagenturen zu zerschlagen" und europäische Ratingagenturen als Gegengewicht zu stärken. Und er wurde wiederholt, als S&P Frankreich die Top-Note AAA entzog.

Doch der Plan hätte nach Ansicht von Wirtschaftsexperten wenig Aussicht auf Erfolg.

Ratingagenturen brauchen Anerkennung, sonst scheitern sie

Das Kartell, das Reding meint, besteht aus den Ratingagenturen Standard & Poor's , Moody's und Fitch . Zusammen sind sie für 95 Prozent aller Kreditwürdigkeits-Bewertungen von Staaten verantwortlich. Sie sind auch die einzigen, die sowohl von der US-Börsenaufsicht als auch von der europäischen Wertpapieraufsicht ESMA als Ratingagenturen anerkannt sind.

Gegen diese Konkurrenz hätten europäische Ratingagenturen keine Chance, glaubt Thomas Hartmann-Wendels, Bankenexperte der Universität Köln: "Dafür beherrschen die Amerikaner den Markt zu sehr." Zwar könnten kleine Ratingagenturen anfangen, internationale Unternehmen und sogar Staaten zu bewerten, bloß: "Kein Mensch würde etwas darauf geben." Deshalb würde sich jedes Großunternehmen lächerlich machen, wenn es eine unbekannte Ratingagentur mit einer Bewertung beauftragt.

Deutsche Ratingagenturen bewerten mittelständische Unternehmen statt Staaten

Das scheint auch den deutschen Ratingagenturen klar zu sein: "Stand heute" konzentriere man sich auf die Bewertung mittelständischer Unternehmen, sagt ein Sprecher der Creditreform Rating Agentur mit Sitz in Neuss. Das Unternehmen ist die größte deutsche Ratingagentur. Die Ausweitung des Geschäfts auf Staatsbewertungen "wäre eine Option", heißt es, konkrete Pläne gebe es allerdings nicht.

So arbeiten Rating-Agenturen

Drei Rating-Agenturen beherrschen den Weltmarkt. Will ein Staat seine Kreditwürdigkeit von unabhängigen Experten überprüfen lassen, wählt er meist Standard & Poor's (S&P), Moody's oder Fitch. S&P und Moody's sind US-Unternehmen. Fitch gehört zur französischen Fimalac-Gruppe.  Auf ihre Rating-Urteile achten Banken oder Versicherer, wenn sie Staaten Geld borgen wollen. Denn ein Rating, erklärt S&P, „ ist unsere Einschätzung darüber, wie sich die Zahlungsfähigkeit und -willigkeit eines Staates künftig entwickelt“.

Bei S&P trägt ein Experte die Hauptverantwortung, die Bonität eines Staates zu analysieren. Ein zweiter Experte hilft ihm. Sie werten Konjunkturdaten aus, zum Beispiel zur Wirtschaftsleistung oder zur Arbeitslosigkeit. Die Analysten sprechen auch mit Verantwortlichen des Landes.

Glauben die Experten, dass sich die Kreditwürdigkeit eines Staats ändert, erstellen sie einen Bericht. Den präsentieren sie einem „Rating-Komitee“, dem etwa sieben bis neun Fachleute angehören. Der hauptverantwortliche Analyst erläutert seine Einschätzung. Über seinen Rating-Vorschlag stimmt das Komitee mehrheitlich ab. Der betreffende Staat wird informiert – und hat zwölf Stunden Zeit für Kritik. (sbi)

Sehr ähnlich formuliert es der Sprecher des Konkurrenzunternehmens Euler Hermes: "Vielleicht machen wir das irgendwann einmal." Beide Unternehmen sind von der deutschen Bankenaufsicht Bafin und dem europäischen Pendant ESMA als Ratingagenturen anerkannt, eine Zulassung für den deutlich größeren amerikanischen Markt haben sie nicht.

Dass die Amerikaner den Markt kontrollieren, sei "eine Frage der Historie", sagt der Creditreform-Sprecher. Sein Unternehmen ist seit zehn Jahren am Markt. Zu dem Zeitpunkt waren Standard & Poor's und die beiden schon seit Jahrzehnten weltweit aktiv. Finanzexperte Hartmann-Wendels stimmt ihm zu: "Ratingagenturen sind dort entstanden, wo Kapitalmärkte eine große Rolle spielten. Und das war in den USA, nicht in Kontinentaleuropa."

Eine staatliche Ratingagentur würde von den Investoren nicht akzeptiert

Auch der Alternativplan mancher Politiker, eine quasi-staatliche Ratingagentur an die Europäische Zentralbank anzudocken, halten Experten für falsch. "Ich finde es kritisch, wenn der Staat Banken und Unternehmen bewerten will", sagt Hartmann-Wendels: "Was passiert, wenn der Staat in seiner Bewertung daneben liegt?"

Noch tragischer sei es, wenn die staatliche Ratingagentur die Kreditwürdigkeit von Staaten beurteilen solle. "Die Staaten dürfen keinen Einfluss auf ihre eigene Bewertung haben."

Die Opfer der Schuldenkrise

Gerrit Dorn



Kommentare
19.01.2012
11:18
Objektivität und Neutralität von Rating-Agenturen ausreichend?
von danielf.at | #5

http://businesspunks.blogspot.com/2012/01/objektivitat-und-neuzralitat-von-rating.html

Mein Kommentar hier:
Eine Frage die sich mir seit einigen Wochen regelrecht aufdrängt: Sind private Institutionen in der Lage ohne jegliche politische und wirtschaftliche Einflussnahme von Aussen, und unabhängig vom Herkunftsland, eine völlig neutrale und objektive Bewertung von Staaten abzugeben oder bedarf es einem neuen Modell? Meiner Meinung nach NEIN - Sie sind nicht in der Lage dazu. Meiner Behauptung liegenkeine Beweise zugrunde, aber rein konzeptionell sehe ich nicht die notwendige - Transparenz - Neutralität - Diversität in der Staaten Bewertung von überweigend US-Amerikanischen Rating-Agenturen. Um sicherzustellen, dass die Ratings fern ab von jeglichen politischen und finanziellen Interessen abgegeben werden, bedarf es einer völlig neutralen Rating-Organsiation, welche völlig frei agieren muss. Ich stelle mir dieses Modell ungefähr so vor, wie die Legislatur in einem Rechtsstaat wie Österreich in welchem die Richter zwar vom Staat bezahlt werden aber in der Entscheidung und Rechtssprechung völlig frei und unabhängig sind. Das ... auf danielf.at

17.01.2012
17:44
Eine europäische Ratingagentur funktioniert auf dem Markt nicht
von bloss-keine-Katsche | #4

Wir brauchen gar keine Ratingagentur.
Die sind doch noch Zinsenhochtreiber für die Banken!
Zahlen muss es der Bürger.

17.01.2012
17:17
Eine europäische Ratingagentur funktioniert auf dem Markt nicht
von ruhrgebieti | #3

Stimmt!

Was wirklich nicht funktioniert, ist eine Ratingagentur, die anstatt zugunsten der anglo-amerikanischen Politik dann der europäischen Politik Gefälligkeitsgutachten gibt.

Wenn, dann müßte der Anstoß eher aus der Wirtschaft kommen, nicht aus der Politik. Ansonsten sind Ratingagenturen nichts anderes als ganz normale Unternehmen und jeder der Lust hat, sei aufgefordert, ein Gewerbe anzumelden.

17.01.2012
16:47
Das hat man von Lidl auch gesagt...
von mitLINKSinsVERDERBEN | #2

Aha, da sind sich also die Wirtschaftswe(a)isen einig und sicher. Es sind die gleichen Personen, die das Wachstum stets voraussagen, und es dann monatlich so lange korrigieren, bis der Abstand der Voraussage soweit geschrumpft ist, dass sie sich auf die Schultern klopfen können und sagen können: Siehste, hab ich doch gewußt.

Im GEGENTEIL:
Je früher wir eine solche "europäische" Ratingagentur etablieren, je früher sich diese als politisch unabhängig und seriös zeigt und je länger sie den großen, eindeutig politisch agierenden amerikanischen Ratingagenturen Paroli bieten kann, desto schneller wird sich auch die Politik vom zunehmenden Druck der Agenturen befreien können.

Bei dieser Diskussion ist doch überraschend, wie sich ein Herr Gabriel auf die Seite der amerikanischen Ratingagenturen stellt, um die Schuld der Bewertungen auf die Kanzlerin zu wälzen.
Derartige Äußerungen von einem deutschen Politiker in einer Zeit, in der offensichtlich die europäischen Beschlüsse vom amerikanischen Kontinent beeinflusst werden sollen, um der amerikanischen Pleite vorzukommen, sind aus deutscher und europäischer Sicht nicht nur als sabotage, sondern feindselig zu bewerten. Mehr noch:
Es ist ein Skandal, die Bemühungen, die Schuldenkrise in den Griff zu kriegen, durch solche Wahlkampfparolen zu sabottieren und damit den mehr als arg gebeutelten Bürgern zu schaden. Was sich Herr Gabriel dabei gedacht hat, bleibt wohl sein Geheimnis.
Wären diese Äußerungen umgekehrt gekommen, hätten sich Medien und Opposition auf jeden Fall drauf gestürzt wie die Geier auf das Aas.

Doch hier überrascht ja nichts mehr.

17.01.2012
16:31
Eine europäische Ratingagentur funktioniert auf dem Markt nicht
von holmark | #1

Konkurrenz belebt das Geschäft. Also mal anfangen, anstatt Angst zu schüren.

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