Eine europäische Ratingagentur funktioniert auf dem Markt nicht

Einer der großen Drei bei den Ratingagenturen: Standard & Poor's. Europäische Konkurrenz gibt es in dieser Gewichtsklasse nicht.
Einer der großen Drei bei den Ratingagenturen: Standard & Poor's. Europäische Konkurrenz gibt es in dieser Gewichtsklasse nicht.
Foto: dapd
Was wir bereits wissen
Guido Westerwelle will eine europäische Ratingagentur, um die Macht des amerikanischen Dreigestirns aus Standard & Poor's, Moody's und Fitch zu brechen. Spätestens seit Standard & Poor's Frankreichs Bonität senkte. Doch Experten winken ab. Weder eine private noch eine staatliche Ratingagentur würde sich durchsetzen.

Essen.. Der Aufschrei war schon groß, als die amerikanische Ratingagentur Standard & Poor's damit drohte, die Kreditwürdigkeit Deutschlands und anderer EU-Staaten zu senken. EU-Kommissarin Viviane Reding forderte "das Kartell der drei US-Ratingagenturen zu zerschlagen" und europäische Ratingagenturen als Gegengewicht zu stärken. Und er wurde wiederholt, als S&P Frankreich die Top-Note AAA entzog.

Doch der Plan hätte nach Ansicht von Wirtschaftsexperten wenig Aussicht auf Erfolg.

Ratingagenturen brauchen Anerkennung, sonst scheitern sie

Das Kartell, das Reding meint, besteht aus den Ratingagenturen Standard & Poor's, Moody's und Fitch. Zusammen sind sie für 95 Prozent aller Kreditwürdigkeits-Bewertungen von Staaten verantwortlich. Sie sind auch die einzigen, die sowohl von der US-Börsenaufsicht als auch von der europäischen Wertpapieraufsicht ESMA als Ratingagenturen anerkannt sind.

Gegen diese Konkurrenz hätten europäische Ratingagenturen keine Chance, glaubt Thomas Hartmann-Wendels, Bankenexperte der Universität Köln: "Dafür beherrschen die Amerikaner den Markt zu sehr." Zwar könnten kleine Ratingagenturen anfangen, internationale Unternehmen und sogar Staaten zu bewerten, bloß: "Kein Mensch würde etwas darauf geben." Deshalb würde sich jedes Großunternehmen lächerlich machen, wenn es eine unbekannte Ratingagentur mit einer Bewertung beauftragt.

Deutsche Ratingagenturen bewerten mittelständische Unternehmen statt Staaten

Das scheint auch den deutschen Ratingagenturen klar zu sein: "Stand heute" konzentriere man sich auf die Bewertung mittelständischer Unternehmen, sagt ein Sprecher der Creditreform Rating Agentur mit Sitz in Neuss. Das Unternehmen ist die größte deutsche Ratingagentur. Die Ausweitung des Geschäfts auf Staatsbewertungen "wäre eine Option", heißt es, konkrete Pläne gebe es allerdings nicht.

Sehr ähnlich formuliert es der Sprecher des Konkurrenzunternehmens Euler Hermes: "Vielleicht machen wir das irgendwann einmal." Beide Unternehmen sind von der deutschen Bankenaufsicht Bafin und dem europäischen Pendant ESMA als Ratingagenturen anerkannt, eine Zulassung für den deutlich größeren amerikanischen Markt haben sie nicht.

Dass die Amerikaner den Markt kontrollieren, sei "eine Frage der Historie", sagt der Creditreform-Sprecher. Sein Unternehmen ist seit zehn Jahren am Markt. Zu dem Zeitpunkt waren Standard & Poor's und die beiden schon seit Jahrzehnten weltweit aktiv. Finanzexperte Hartmann-Wendels stimmt ihm zu: "Ratingagenturen sind dort entstanden, wo Kapitalmärkte eine große Rolle spielten. Und das war in den USA, nicht in Kontinentaleuropa."

Eine staatliche Ratingagentur würde von den Investoren nicht akzeptiert

Auch der Alternativplan mancher Politiker, eine quasi-staatliche Ratingagentur an die Europäische Zentralbank anzudocken, halten Experten für falsch. "Ich finde es kritisch, wenn der Staat Banken und Unternehmen bewerten will", sagt Hartmann-Wendels: "Was passiert, wenn der Staat in seiner Bewertung daneben liegt?"

Noch tragischer sei es, wenn die staatliche Ratingagentur die Kreditwürdigkeit von Staaten beurteilen solle. "Die Staaten dürfen keinen Einfluss auf ihre eigene Bewertung haben."