Autobahn-Haltestellen: Hier und doch schon weg

Essen. Wir haben’s versucht. Reden wo alle schweigen. In der Bahn. Oder, schlimmer gar: an der Haltestelle. Übers Bahnfahren, über Haltestellen, über Verkehrslärm. Ein Protokoll.

Wenn die „Schlagader des Westens“ mal wieder verstopft ist, dann brüten die Fahrer in ihren Blechkisten. Vielleicht werfen sie gelegentlich neidische Blicke nach links. Denn dort verkehren in unbeirrtem Minutentakt die Straßenbahnen. Zwischen den sich windenden Autokarawanen streben zwei schnurgerade Gleise adrett der nächsten Haltestelle entgegen. Unbeirrte Beweglichkeit mitten im Stop and Go.

Aber es ist auch laut. Es stinkt und lärmt und hupt. Um dich Menschen, die du nicht siehst, schon weil die Zeit drängt. Die Haltestelle ist ein Ort an dem man ist, um ihn bald hinter sich zu lassen.

An der Haltestelle „Savignystraße“ haben die Planer offenbar ihr Bestes gegeben, um ein wenig Komfort zu erzeugen. Wer will, kann hier den Geräuschen entfliehen. Zwei sonnengelbe Wartehäuschen aus Glas und Stahl schirmen ab vor Wind und Wetter, vor Abgas und Krach. Es ist hell und gefliest und gepflegt drinnen. Über allem wacht das Auge der Überwachungskamera. Lena, die Mittzwanzigerin, hält sich lieber hier drinnen auf. Sie nutzt die Wartezeit, um für die Uni zu lernen, aber sie ist ja nie lange hier. „Mit dem Auto komme ich schlecht in die Stadt“, sagt sie. Außerdem hat sie ja ein Semesterticket.

Rosemarie Steg ist mit Hund unterwegs. „Lady, wie die Di.“ Die beiden wohnen ohnehin an der Autobahn, da ist man Einiges gewöhnt. „Man nimmt das gar nicht mehr wahr“, sagt Frau Steg. Der Boxer sabbert freundschaftlich auf meine Hose. „Ich bin nie dazu gekommen, meinen Führerschein zu machen“, erzählt Frauchen, irgendwann kamen die Kinder. Früher hat sie in der Bahn gelesen. Oder gestickt. Der Plausch endet in hektischem Aufbruch als der Zug kommt. „Versuchen Sie es doch mal eine Haltestelle weiter“, rät sie noch. Da quert nämlich auch noch eine viel befahrene Straße die A 40. Mehr Verkehr geht nicht.

Eine Straßenbahnminute weiter westlich ist es in der Tat mit dem Luxus vorbei. Auf den Wänden haben Sprayer ihre Reviermarkierungen hinterlassen, einen Rückzugsort gibt es nicht, ein Wartesaal ohne Wände, Hardcore-Haltestelle. „Stört Sie der Lärm?“, frage ich den Herrn mit der schwarzen Weste. „Wie bitte?“, fragt er zurück. Ins Gespräch kommt man an der „Hobeisenbrücke“ nicht so schnell. Die Bahn kommt, weg ist er.

„Können Sie mir etwas über die Haltestelle hier erzählen - “, setze ich an. „Ich wüsste nicht was“, entgegnet die grau Gelockte in Rosé und wendet resolut. Dann kehrt sie zurück und hebt an: „Durchsagen verstehen Sie hier nicht. Viel zu laut. Sitzbänke sollte man aufstellen für ältere Leute. Hab’ ich schon oft gesagt. Gucken Sie mal, die Autos. Überall stehen Bänke, in jeder Stadt, nur nicht hier. So“, endet sie resolut. „Das können sie schreiben. Schönen Tach noch!“

Das ältere Paar, das einige Minuten später durchreist empfindet ebenfalls wenig Vergnügen am Aufenthalt. „Bahnhöfe sind ja furchtbar“, stellt er fest. Und hier ist es ganz besonders unschön: „Es gibt keine Rolltreppe, der Aufzug ist kaputt und geht nicht bis unten. Ist doch witzlos für ältere Leute!“ „Wenn, dann fahren wir mit dem Auto“, fügt sie hinzu. Nur heute, da mussten sie eben in die Klinik.

Student Sebastian nimmt den Krach gelassen. „Ich denke, da schaltet man irgendwann ab. Man kommt in Essen auf jeden Fall schneller vorwärts mit der Bahn.“ Dann grinst er. „Aber es ist witzig, dass Sie fragen. Ich habe genau an dieser Haltestelle eine Umfrage zu Schadstoffen gemacht, für die Uni.“ Neben der Gladbecker Straße und einem weiteren Messpunkt ganz in der Nähe seien hier die höchsten Emissionswerte gemessen worden.

Kommilitone Toni ist gleichfalls hart im Nehmen. „Meine Fenster gehen direkt auf die A 40 raus“, lacht er. Und mit der Bahn ist er schneller in Bochum in der Uni.

Michelle, die Schülerin, nutzt die Bahn für den Schulweg. „Ja, der Lärm stört schön. Aber Fahrradfahren ist so anstrengend“, seufzt sie. „Den Berg hoch…“ Könnte man es denn schöner gestalten? „Was die da auf die Wände malen weg machen, dass es sauberer wird.“

Der zwölfjährige Tim will eigentlich nicht reden. Er will nur fragen. Warum macht man hier Fotos, bitte?

Stefanie ist die Optimistin in der Galerie meiner Minutenbekanntschaften. „Das müsste komplett saniert werden“, stellt sie sachlich fest. „Aber ich glaube, die sind dabei, das zu verschönern“, fügt sie mit hoffnungsvollem Blick auf die Deckenkonstruktion hinzu. „Hier, das ist, glaube ich, neu…“

Bob Zidane hat keinen Wagen. Sanierung? „Das kostet viel Geld, und nicht jeder ist bereit, das auszugeben“, zuckt er die Schultern. „Die Stadt ist schließlich mehr verschuldet als manche afrikanischen Staaten.“ Bahnfahren lohnt trotzdem: „die umweltfreundlichste Art – und schneller als mit dem Auto!“

Dann kommt mein Zug.

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