Verena Bentele

Natürlich wird etwas zu trinken angeboten. Kaffee? Wasser? „Kaffee und Wasser, wenn es keine Umstände macht, lautet die vorsichtige Antwort.“ Die freundliche Frage, ob sie etwas helfen könne, schiebt sie hinterher. „Und wenn der Kaffee zu viel wird, verzichte ich darauf.“ Das hinterlässt einen Eindruck – und zwar nicht den schlechtesten. Verena Bentele hat den weiten Weg aus München nach Iserlohn gefunden. Bevor sie am Abend im Parktheater einer Einladung des Lions Clubs Iserlohn-Hemendis folgt, ist sie in Begleitung einer Mitarbeiterin des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales zum Gespräch ins Wichelhovenhaus gekommen.

Es ist ruhiger um die frühere Weltklasse-Sportlerin geworden. In der Langlauf-Loipe und auf der Biathlon-Strecke war sie jahrelang das Maß aller Dinge, prägte mehr als eine ganze Dekade. Dass das im Behindertensport der Fall war, schmälert weder die Leistung, noch das Erreichte. Zwölf Goldmedaillen zwischen den paralympischen Spielen in Nagano 1998 und Vancouver 2010 kann selbst Biathlon-Legende Ole Einar Björndalen nicht vorweisen, der durchaus eine Vorbildfunktion für sie hat. Er kommt bei einer Olympia-Teilnahme mehr auf acht Mal Gold. Zu behaupten, sie wäre besser als der Norweger, käme Verena Bentele aber wohl niemals in den Sinn. Überhaupt ist es wahrscheinlich ein Ding der Unmöglichkeit, einer vergleichbar erfolgreichen Sportlerin zu begegnen, die nie die Bodenhaftung verloren und nie vergessen hat, wo ihre Wurzeln liegen.

In Lindau am Bodensee geboren und auf dem elterlichen Bio-Bauernhof mit zwei älteren Brüdern aufgewachsen, wird sie früh mit dem Sport-Virus infiziert. Dass sie blind zur Welt kommt, klingt zweifelsfrei hart. Aber sie hadert nicht mit ihrem Schicksal, sucht bei niemandem die Schuld. Und als Hindernis für irgendetwas lässt sie ihre Behinderung erst recht nicht gelten. „Ich habe zwei Möglichkeiten: Entweder ich sage mir, dass alles ganz schlimm ist, oder ich nehme die Herausforderungen an. Ich bin eben der Mensch, der genau weiß, dass es Situationen gibt, die schwierig werden könnten – das finde ich spannend. Ich glaube, ich bin in dieser Hinsicht eher der Wettkampftyp.“ Wer auf den Kilimandscharo, das mit 5895 Metern höchste Bergmassiv Afrikas, steigt oder den in der Nähe gelegenen Mount Meru (4562,13 Meter) als, so ist zu lesen, erster blinder Mensch der Welt bezwingt, darf ziemlich sicher von sich behaupten, ein Kämpfertyp zu sein.

Mit drei oder vier Jahren – so genau weiß sie es selbst nicht mehr – haben ihre Eltern sie erstmals auf Skier gestellt. Mit Neun entdeckt sie Judo, dann Skilanglauf und die Leichtathletik. „Im Langlauf habe ich am schnellsten Erfolge gehabt. Irgendwann musste ich mich aber entscheiden.“ Dass die Wahl auf den Wintersport fällt, bedeutet zunächst noch gar nichts. Fast schon schüchtern klingt es, als sie sagt, sie habe das Glück gehabt entdeckt und gefördert worden zu sein. Wobei das auch nicht den Kern trifft. Für das, was erreicht werden will, muss eben auch etwas getan werden. Und das musste ihr niemand zweimal sagen, schon zu Schulzeiten nicht. Eine ihrer Lehrerinnen war gleichzeitig auch ihre Trainerin. Die Diskussionen im Hause Bentele gingen eher in die andere Richtung. „Ich wusste, dass ich in der Schule gut sein musste, sonst hätte ich nicht so viel Zeit in den Sport investieren dürfen.“

Es gelingt. Ohne großen Aufwand, wie sie selbst sagt, sei sie eine klassische Zweierschülerin gewesen. Außer in Mathematik, wo es schon mal auf eine drei herunter ging, oder in Physik, wo auch die Vier mal mit nach Hause gebracht wurde. Aber dafür hat sie eine plausible Erklärung: „In Mathe und Physik besuchten meine Brüder die Leistungskurse, ich habe eher die sprachliche Begabung mitbekommen.“ Mitschüler wecken in ihr das Interesse für den Fußball, bis heute sympathisiert sie mit dem VfB Stuttgart, betont aber, kein Fan zu sein, der heulend in den Keller rennt, wenn der Verein verliert. „Dann müsste ich viel heulen“, sagt sie angesichts der prekären Tabellensituation mit einer ordentlichen Portion Selbstironie in der Stimme. Auch für den SC Freiburg, der mit wenigen Mitteln viel erreicht und der Jahr für Jahr von seinen besten Kickern verlassen wird, hat sie genau aus diesem Grund einiges übrig. Mit dem FC Bayern kann die Wahl-Münchenerin nicht so richtig warm werden.

Auch die Musik nimmt einen bedeutenden Platz in ihrem Leben ein. Gerne dürfen es mal „die guten alten 80er“ sein, gleichzeitig ist sie der Klassik nicht abgeneigt. Im Grunde geht es bei Verena Bentele aber eher rocklastiger zu. Zu den Instrumenten, die sie als Kind gespielt hat, passt das zwar weniger, das war neben der Geige – natürlich – die Blockflöte, aber was noch nicht war und noch nicht ist, kann ja noch werden. „Ich könnte mir schon vorstellen, Gitarre oder ein Blasinstrument zu spielen oder auch zu singen.“

Ihre solide Schullaufbahn, die 2001 schließlich mit dem Abitur ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht und zehn Jahre später mit einem abgeschlossenen Magisterstudium in den Fächern Neue Deutsche Literatur, Sprachwissenschaften und Pädagogik endet, kommentiert sie mit einem schelmischen Unterton: „Mir ist das Lernen immer relativ leicht gefallen. Bei blinden Lehrern konnte man sich manchmal auch untereinander das Blatt herumreichen und abschreiben.“

Es gibt gewiss Menschen, die ein Studium schneller packen aber auch noch mehr, die ohne Abschluss die Hochschule wieder verlassen. Verena Benteles Zeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München ist auch deshalb etwas ausgedehnter, weil 2002 die erfolgreichste Phase ihrer sportlichen Karriere anbricht. Mit vier paralympischen Goldmedaillen kehrt sie aus Salt Lake City heim, drei werden es vier Jahre später in Turin sein, hinzu kommt dreimal Gold bei Weltmeisterschaften. „Richtig studiert habe ich nur im Sommer, im Winter konnte ich höchstens mal eine Vorlesung besuchen, ansonsten war ich Sportprofi. Und das war ein Traum“, sagt sie als Erklärung – nicht als Entschuldigung. Diese Momente, in denen sie als Erste die Ziellinie überquert und anschließend die Goldmedaille um den Hals gehängt bekommt, gehören noch heute zu denen, die sie gerne noch einmal erleben würde.

Wen stören da ein paar Semester mehr als üblich? Doch es ist nur ein Teil der Wahrheit. 2009 kommt es zu einem schweren Trainingsunfall, bei dem ein Kreuzband im Knie reißt, Leber, Niere und Finger in Mitleidenschaft gezogen werden. Studium und Körper müssen ruhen, die Fitness leidet. „Da war ich unzufrieden, hatte Angst, so dass ich mich aufraffen musste, wieder auf Skiern zu stehen und das Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten neu aufbauen. Geduld ist gefragt. Und das ist eine Eigenschaft, die sie, angesprochen auf Stärken und Schwächen, als erstes zu ihren Schwächen zählt. Doch der Kampfgeist siegt. Langsam kommt sie zurück – um nur ein Jahr später im kanadischen Vancouver die Spiele ihres Lebens zu bestreiten. In den verschiedenen Langlauf- und Biathlondisziplinen siegt sie fünfmal. 2011 beendet die „Schneekönigin“, als die sie der „Spiegel“ einmal bezeichnet hat, ihre unvergleichliche Karriere.

Die Weichen Richtung Zukunft sind zu diesem Zeitpunkt längst gestellt. In Vorträgen und Seminaren für Unternehmen arbeitet sie seit Jahren als systemischer Coach und hält Vorträge. Zeitweise saß sie für die SPD im Münchener Stadtrat. Ein sehr aufwendiges Ehrenamt. „Dort hat man fast täglich Termine, alle drei Wochen ist Vollversammlung, montags Fraktionssitzung und alle zwei Wochen kommen drei, vier Ausschüsse zusammen.“ Sie musste erkennen, dass ihre Grenzen erreicht sind, das dieser Job nicht aus der Ferne bewältigt werden kann. Ihr Mandat hat sie zurückgegeben, das Interesse an der Politik, vor allem auf kommunaler Ebene nicht verloren. „Im Stadtrat sind die Ergebnisse der Arbeit sehr viel schneller sichtbar, man bekommt mit, dass die getroffenen Entscheidungen den Menschen etwas bringen.“ Ihre knapp bemessene Freizeit gestaltet sie nach wie vor äußerst sportlich. Hier ein Halbmarathon, dort eine Urlaubswoche auf Mallorca, wo mal eben 650 Kilometer auf dem Fahrrad, einem Tandem, abgestrampelt werden.

Winter 2013/14: Verena Bentele sitzt in ihrem Büro, das Telefon läutet. Am anderen Ende der Leitung meldet sich die Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Andrea Nahles. Die SPD-Politikerin, eine Parteigenossin Benteles, kommt direkt zur Sache, erklärt, dass das Amt der Bundesbeauftragten für Menschen mit Behinderung neu besetzt werden muss, und fragt: „Kannst Du Dir das vorstellen?“ Bentele holt sich die Meinung von Freunden und Familie ein und sagt zu. „Es ist eine tolle Aufgabe, sie ist spannend und vielfältig“, sagt die 33-jährige Blondine. Ihre Arbeit umfasst alle Bereiche der Teilhabe von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft. Es geht beispielsweise um Barrierefreiheit in Gebäuden, auf dem Arbeitsmarkt, in der Schule, im kulturellen Leben. Verena Bentele ist dabei mehr als eine Expertin in eigener Sache. Im Grunde betreibt sie Lobby-Arbeit für alle behinderten Menschen in Deutschland.

In ihrer Idealvorstellung kämpft sie jedoch nicht alleine. Ihr geht es auch darum, dass die Gesellschaft versteht, was es bedeutet, eine Behinderung zu haben. Dass diese Menschen nicht behindert sind, sondern dass sie behindert werden, von physischen Barrieren und auch Barrieren in den Köpfen. Sie will, dass jeder sich fragt, wie Barrieren abgebaut werden können. Sie will eine Offenheit für diese Themen herstellen, ist dafür viel unterwegs, führt Gespräche, hält Vorträge. Vor allem lebt sie diese Offenheit auch vor. Das typische Beispiel: Bentele ist, mit ihrem Blindenstock tastend, unterwegs. Kinder sehen sie und fragen ihre Eltern, warum die Frau denn diesen Stock hat. Ein geflüstertes „Psst“, ist dann oft die erste Reaktion der Erwachsenen. Ein falscher Ansatz. Wenn sie die Zeit hat, bleibt sie stehen und erklärt: „Schau mal, ich sehe nichts und mit dem Stock kann ich tasten, wann zum Beispiel eine Ampel kommt, ohne davor zu laufen.“ Der Hintergedanke ist Offenheit. „Wenn sich meine Mitmenschen ohne Behinderung gar nicht erst trauen etwas zu fragen und ihre Berührungsängste mit sich herumtragen, dann steht der Inklusion viel Unsicherheit im Weg.“ Sie erwartet nicht, dass sich jemand in ihre Situation hinein versetzt. Das könne sie auch gar nicht. Um den Kernpunkt zu beschreiben, wird sie beinahe philosophisch: „Das Anderssein ist die Normalität und nicht das Normale. Denn, was ist das definierte Normale? Daran glaube ich nicht. Jeder hat durch seine Begabungen andere Talente, so dass wir nicht in einen Topf von Normen einzuordnen sind.“ Je mehr man dieses akzeptiere, desto besser könne die Gesellschaft auch mit dem Thema Behinderung umgehen. Bis 2017 will Verena Bentele auch daran arbeiten. Dann endet mit der Bundestagswahl ihr Amt als „Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. Was danach kommt, steht noch in den Sternen. Möglich sei eine Rückkehr in die Selbstständigkeit, in die Politik. Vielleicht sagt Andrea Nahles ja auch: „Verena, ich fand Deine Arbeit so toll, bleib mal da.“

Eine Reihe wie „Ins Licht gesetzt“ kann ja schlecht diesen Titel tragen, wenn der Gast gar nicht ins Licht gesetzt wird. Auch Verena Bentele nimmt also auf dem legendären weißen Stuhl neben dem Scheinwerfer im Fotostudio Platz und befolgt, charmant lächelnd, die wenigen Anweisungen des Fotografen. Denn der ist sehr dankbar über die fotogene Frau, die sich allerdings Sorgen macht, ob ihre Augen das machen, was sie will. Geöffnet und konzentriert auf die Kamera gerichtet sollen sie sein. Das macht aber der Augenmuskel nicht immer mit, erklärt sie hinterher. Auch wenn sie ihr Leben von Anfang an nicht anders kennt – so offen und souverän mit einer Behinderung umzugehen, schafft nicht jeder.

Die Frage „Warum ausgerechnet ich?“, stellt sie sich nicht und auf den Tag X, an dem „irgendeine tolle Augen-OP“ ansteht, wartet sie nicht. „Ich würde sie trotzdem machen, weil ich es spannend fände, einmal zu sehen.“ Akzeptanz gegenüber sich selbst spielt eine wichtige Rolle und die ist vorhanden. Geholfen habe ihr auch ihr stets optimistisches Umfeld. Und wenn sie sich umschaut, ist sie sich sicher, vieles richtig gemacht zu haben. „Es klappt viel und manches organisiere ich anders.“ Dann bringt sie jene Menschen ins Gespräch, die sich selbst einschränken, die sich aus allem heraushalten. „Manche Menschen besitzen keinen Ehrgeiz, haben keine Leidenschaft für irgendetwas, sind nicht engagiert, weder politisch oder sozial, und kämpfen für nichts. Da denke ich oft: Diese Menschen nutzen ihre Möglichkeiten nicht und stoßen an innere Barrieren die manchmal so schwierig zu überwinden sind wie die äußeren.“ Es fällt schwer, Verena Bentele zu widersprechen. Aber an diesem Punkt muss das auch nicht zwingend der Fall sein.

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