Ulrich Stracke

Ich hätte eigentlich gedacht, dass mich das nicht sonderlich tangiert“, sagt Ulrich Stracke. Dass ihn sein Abschied nun doch derart berührt, hat er nicht vermutet. Vor allem auch, dass sein Abschied andere so sehr berührt, hat ihn geradezu überwältigt. Vor wenigen Tagen hatte er zu seinem letzten Schülerkonzert eingeladen, und das ist zu einer ziemlich tränenreichen Sache geworden. „Drei meiner Schülerinnen haben mir noch ein Ständchen mit einem selbst komponierten Stück gebracht“, sagt er sichtlich gerührt. Für einen Lehrer von seinem Schlag ist eine solche ehrliche und tief em­pfundene Anerkennung und Zuneigung der Schüler wahrscheinlich das größte Abschiedsgeschenk, das man sich denken kann. „Das sind Momente, die ich wohl nie vergessen werde.“

Gestern hat Ulrich Stracke an der Musikschule Iserlohn nun seinen letzten Arbeitstag hinter sich gebracht. Nach exakt 40 Jahren als „Fachbereichsleiter Zupfinstrumente“, wie es offiziell heißt, ist er in den Ruhestand gegangen. Und damit ist – das ist keineswegs übertrieben – nicht nur für die Musikschule, sondern für das ganze musikalische Iserlohn eine Ära zu Ende gegangen. Im Rampenlicht stand er dabei nur selten, weswegen er in der öffentlichen Wahrnehmung auch oft hinter anderen Protagonisten des Musikbetriebs zurückstand. Er ist es aber, der die klassische Gitarre nach Iserlohn gebracht und hier groß gemacht hat. Er komponiert, arrangiert, musiziert und lehrt – und hat dabei ganze Heerscharen von Gitarristen ausgebildet, von denen eine ganze Reihe ebenfalls den Weg als Berufsmusiker eingeschlagen haben, selbst Gitarrenlehrer oder Konzertgitarrist wurden und mit ihm das Musikleben in Iserlohn deutlich geprägt haben. Eine eigene Ulrich-Stracke-Schule, wenn man so will, die Iserlohn zu einer weltweit bekannten Hochburg der klassischen Gitarre gemacht hat. Das Internationale Gitarren-Symposion, das letztlich über seinen Schüler Thomas Kirchhoff auch auf ihn selbst zurückgeht, ist dafür das prominenteste Beispiel.

Wie stark und rasant sich alles rund um die klassische Gitarre in den zurückliegenden Jahrzehnten entwickelt hat, zeigt ein Blick auf die Anfänge von Ulrich Stracke selbst. Als der klein war, gab es in Iserlohn nämlich noch keinen großen Ulrich Stracke, der ihm etwas hätte beibringen können. Es gab noch nicht einmal eine Musikschule. Er musste sich alles selbst beibringen, und die klassische Gitarrenmusik war noch weitgehend unbekannt. Gitarre hieß in den 60er-Jahren E-Gitarre, die Rockmusik näherte sich gerade ihrem ersten und bis heute unerreichten Höhepunkt, und auch Ulrich Stracke war infiziert. Von Klein auf hatte er schon einen unbändigen Drang zur Musik gespürt. Woher dieser Drang kam, kann er selbst gar nicht genau sagen. Musik sei in seiner Familie verankert gewesen, und sein Großvater Carl Stracke hatte ein Elektrogeschäft in Hemer-Westig, das noch heute besteht und das einer der beiden Söhne von Ulrich Stracke auch fortführen wird. In diesem Geschäft hatte er schon als Kind alle aktuellen Schallplatten griffbereit. Vielleicht sei das eine Wurzel der Leidenschaft gewesen. Den selben Drang zur Musik und zur Vervollkommnung habe er in all den Jahren aber bei so ziemlich all seinen kreativeren Schülern beobachtet. Es muss etwas Grundlegendes für Musiker sein, die es ernst meinen.

Dass er selbst mit dieser Leidenschaft ernst machte, kam für seine Eltern aber nicht in Frage, was ihn später auch erst einmal in eine Ausbildung als Buchdrucker führte. „Verlorene Zeit“, wie er sagt. Er musste sich die Musik wohl hart erkämpfen. „Meine erste Gitarre habe ich mir selbst gebaut, das klang so was von scheußlich“, erinnert er sich an die wohl wirklich blutigen Anfänge. Mit zehn Jahren bekam er dann seine er erste Akustik- und mit 16 Jahren endlich die lang ersehnte E-Gitarre. Mit Schüler-Bands am Woeste-Gymnasium ging es los. Weil er die Schule dabei vernachlässigte, zogen seine Eltern aber irgendwann die Reißleine und schickten ihn nach Schloss Wittgenstein ins Internat. Ein Glücksfall, wie er sagt. „Ich war von da an nur noch auf Musik fixiert, habe den Jazz kennen gelernt und mir die Finger wund geübt.“

Das genaue Datum liegt im Dunkeln, aber irgendwann im Jahr 1968 hat der 18-Jährige dann bei einer Party bei einem Studenten eine Platte von Andres Segovia, dem Urvater der modernen klassischen Gitarrenmusik, gehört. „Das hat mich emotional umgehauen“, sagt er, und diese Erfahrung war dann auch der Wendepunkt schlechthin. Der Klang dieser Gitarre hat ihn nie wieder losgelassen. Die Liste von dem, was Ulrich Stracke in der Musik alles gemacht hat und was er in ihr liebt, ist schier unendlich. „Über allem steht aber der Klang der klassischen Gitarre“, sagt er. Vielleicht, weil man dieses Instrument – nicht ganz so stark wie die Geige, aber doch ganz ähnlich – zum Singen bringen kann. Für viele große Musiker ist der menschliche Gesang das klangliche Ideal für alles, was sie tun. Ähnlich empfindet auch Ulrich Stracke. Und so hat er auch unterrichtet. Die Gitarre wirklich zum Singen bringen, sei das oberste Ziel, das er auch immer versucht habe, seinen Schülern zu vermitteln.

Als 18-Jähriger hat er sich die Welt der klassischen Gitarre als Autodidakt erschließen müssen. Kein guter Weg, wie er rückblickend sagt. Man gewöhne sich viel Falsches an, was man sich hinterher wieder abgewöhnen müsse, das sei langwierig und anstrengend. Dass er es dann als Autodidakt ins Studium geschafft hat, war natürlich keine Selbstverständlichkeit, denn auch damals, 1972, gab es schon gut ausgebildete Gitarristen, die vieles im klassischen Sinne richtiger machten als er. Bis heute spielt Ulrich Stracke beispielsweise in einer im Grunde „falschen“ Haltung ohne Fußbänkchen, was für klassische Gitarristen sehr unüblich ist. Als er zur Aufnahmeprüfung in Dortmund ging, hatte ihm sein Freund Ewald Schlinkert, mit dem er dann auch das Studium aufnahm und der später der Gitarrenlehrer von Hemer wurde, sein Bänkchen geliehen – mit den Worten: „Sonst denken die noch, Du hättest überhaupt keine Ahnung.“ In der Prüfung hat er sich auch prompt bei Bachs berühmter Bourree mächtig verhauen und einfach das gemacht, was er am besten kann – improvisieren. Er hat das Ganze dann als eigene Bearbeitung verkauft und damit das Prüfungs-Komitee überzeugt und sämtliche Konkurrenten hinter sich gelassen.

Das Musikstudium hat er zunächst vor seiner Familie verheimlicht und erst nach glänzend bestandener Zwischenprüfung seine Eltern eingeweiht, die dann aber auch sehr glücklich mit dem Weg ihres Sohnes waren. Schon während des Studiums hatte er sich in einer Initiativbewerbung an die gerade gegründete Iserlohner Musikschule gewendet, die der damalige und inzwischen legendäre Leiter Franz Weilnhammer noch mit den ebenfalls legendären Worten „Gitarre kommt mir nicht ins Haus“ abgelehnt hatte. Wenig später, als klar wurde, dass eine Musikschule ohne dieses immer beliebter werdende Instrument im Grunde nicht denkbar ist, und die Stelle als Gitarrenlehrer 1975 ausgeschrieben wurde, sprach Ulrich Stracke ein zweites Mal in dem damals noch winzigen Büro von Franz Weilnhammer vor, und wurde dann auch genommen. Aus den ebenfalls winzigen Anfängen der Musikschule und der Gitarrenmusik darin, wuchs ein blühender Fachbereich, in dem heute rund 120 Gitarrenschüler unterrichtet werden – mit einer langen Warteliste.

Ulrich Stracke selbst war und ist trotz seiner Hingabe als Lehrer immer viel mehr gewesen als „nur“ Lehrer. Es gibt vermutlich nicht viele Musiker, die derart breit aufgestellt und so offen für alle möglichen Einflüsse sind. Er spielt Kontrabass im Orchester, unterrichtet auch E-Bass, und im Keller seines Hauses, das ohnehin vollgestopft ist mit Musik und Musikinstrumenten aus aller Welt, darunter mindestens 30 Gitarren, setzt er sich auch ans Schlagzeug. Natürlich war und ist er als Konzertgitarrist solo und im Duett mit Sängern anderen Gitarristen, vorzugsweise aber mit der Geige aktiv – früher an der Seite von Attila Kubinyi, heute zusammen mit Edyta Pietrasch-Szyszko. Dass er immer wieder malt und solch große Fertigkeiten in der Kunst entwickelt hat, dass er sogar als junger Mann noch vor seinem Musikstudium freie Malerei in Dortmund studiert hat, ist noch mal ein ganz anderes Kapitel. Dazu kommt eine Vielzahl von Bands von Blues über Folk bis Jazz, in denen er teilweise bis heute aktiv ist. Und in der weltweiten Kultur-Vereinigung „Schlaraffia“ findet er immer wieder neue Anregungen und Inspiration für musikalische Projekte und vieles mehr.

Er hat immer darauf geachtet, neben der Musikschule ein eigenes künstlerisches Leben zu führen. Wobei das Komponieren (meist für die eigenen Schüler-Ensembles) und das Arrangieren (immer wieder auch für das berühmte Amadeus-Guitar-Duo mit Dale Kavanagh und Thomas Kirchhoff) einen immer größeren Raum eingenommen hat. Hier sieht er auch vor allem anderen seine musikalische Zukunft. Den Drang zur Vervollkommnung, den er schon als Kind hatte, verspürt er immer noch. „Zum Glück“, sagt er. „Ich habe immer noch Ziele, wenn man die nicht hat, wird man ziemlich schnell alt.“ Vielleicht nimmt er auch noch ein Musikwissenschafts-Studium auf. Sicher ist er sich da aber noch nicht.

Auf jeden Fall wird er aber auch weiterhin als Dozent beim Gitarren-Symposion mitwirken. Dieses weltweit inzwischen größte Festival für klassische Gitarre, an dem er von Beginn an beteiligt war, ist auch für ihn ein ganz besonderes und besonders großes Kapitel. Überhaupt sei es für ihn außerordentlich prägend gewesen, dass er Thomas Kirchhoff als Schüler zur klassischen Gitarre gebracht habe und bis heute so engen Kontakt zu ihm habe. Sich selbst beschreibt Stracke als introvertierten Menschen, was typisch für sein Instrument sei. So, wie die klassische Gitarre selbst, seien auch die meisten Gitarristen eher stille, leise und zurückhaltende Menschen. Dass sich mit Thomas Kirchhoff hier ein ganz anderer Typ an die Spitze der Bewegung gesetzt habe, sei ein ungeheurer Glücksfall gewesen und habe die ganze Szene ungemein nach vorne gebracht. „Von solchen Leuten können wir gar nicht genug haben.“

Schon 1972 ist Ulrich Stracke mit seinen Schülern zu seinem Professor Reinhard Froese und dessen „Arbeitstagen für Gitarre“ gereist. Als diese Reihe auslief, war es Thomas Kirchhoff, der die Idee hatte, so etwas mit einem neuen Konzept in Iserlohn aufzubauen. Der Erfolg des Symposions ist bekannt. Und Ulrich Stracke genießt es ungemein, neben dem Alltag an der Musikschule hier auch mal Studenten unterrichten zu können, von denen man ja auch immer wieder eine Menge lernen könne.

Der Alltag an der Musikschule habe sich hingegen ebenfalls in den letzten Jahren sehr verändert, und das nicht immer zum Positiven. Die Grundprobleme mit immer mehr schulischen Belastungen bei den Kindern und immer weniger Entfaltungsmöglichkeiten in der Musik sowie immer schlechtere Arbeitsbedingungen für Instrumentallehrer sind bekannt, wobei gerade in letzterem Punkt die Stadt Iserlohn, die nach wie vor feste Vollzeitstellen für Instrumentallehrer ausschreibt, eine positive Ausnahme darstellt. Ein typisches Gitarrenproblem sei es aber, dass der Druck der privaten Musikschulen im Rock-Bereich hier besonders spürbar wird und zu einer starken inhaltlichen Veränderung in Richtung Popmusik führt. Grundsätzlich sei das nicht negativ, es gehe ja um die Sache. Die eigentliche klassische Gitarrenmusik, für die er selbst so glüht, gehe aber deutlich zurück.

„Und trotzdem habe ich mich immer wieder dabei ertappt, wie ich in der Musikschule am Fenster stand, in den Park geblickt und gedacht habe, was für einen wunderbaren Beruf ich habe: Kindern Musik beizubringen.“ Überhaupt sei es das Allergrößte, mit Kindern zu arbeiten. In der Musikschule hat er das gestern zum letzten Mal gemacht. Sein Spitzname „Opa lala“, den ihm seine Enkelkinder gegeben haben, verrät aber schon, dass er zu Hause auf jeden Fall weiter machen wird.

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