Von den Erscheinungen des Alters

Babuschka Galina aus der Iserlohner Partnerstadt Nowotscherkassk ist ein gutes Beispiel für eine 60-Jährige, die viel älter aussieht, als sie eigentlich ist.Foto: Dr. Hans-HeinrichStricker
Babuschka Galina aus der Iserlohner Partnerstadt Nowotscherkassk ist ein gutes Beispiel für eine 60-Jährige, die viel älter aussieht, als sie eigentlich ist.Foto: Dr. Hans-HeinrichStricker
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Der Menschen entwickelt im Laufe seines Lebens drei Gesichter. Von den Spuren und „Abdrücken“ des Lebens.

Iserlohn..  Wussten Sie schon, dass der Mensch während seines Lebens in der Regel drei Gesichter entwickelt, sofern er ein hohes Alter erreicht? Gemeint sind hier nicht das sprichwörtliche „2. Gesicht“ und andere esoterische und wahrsagerische „Fähigkeiten“. Zur Debatte stehen hier die drei Gesichter, die bei Mann und Frau aufgrund zunehmenden Alters zeitlich nacheinander zustande kommen, und die sich erheblich voneinander unterscheiden können. Gemeint sind die sogenannten „Abdrücke“ des Lebens, die im Gesicht von uns Menschen ihre Spuren in Form von Ausdruck, Hautspannung bzw. Falten- und Altersfleckenbildung, Abmagerung oder lokalen Verquellungen, dauerhaften Ausschlägen usw. hinterlassen.

Stress und Belastungen lassen älter aussehen

Dabei gilt es, drei Ausnahmen zu berücksichtigen. Erstens die „erbgenetische Veranlagung“: Es gibt Menschen von etwa 90 Jahren, die aussehen, als seien sie erst 65 oder 70 Jahre alt. Zweitens der „Stress“ durch eine große und überdurchschnittlich harte Lebensbelastung: Manche Menschen sehen mit 50 oder 60 Jahren dann so aus, als seien sie bereits 80.

Viele von uns können sich sicherlich noch aus Fernsehen, Presse oder „Fox - Tönender Wochenschau“ im Kino an die „ausgemergelten“ letzten deutschen Kriegsgefangenen erinnern, die aus den sibirischen Arbeitslagern Mitte der 50er Jahre heimkehrten. Manche wurden von ihren Angehörigen nicht oder kaum mehr wiedererkannt.

Drittens die „relative Gesundheit“ als Grundvoraussetzung, sofern keine schweren und zehrenden Krankheiten im Leben vorhanden waren. Hierzu zählen u. a. Zustände nach erhebliche Verletzungen, Krebs, Schlaganfälle, heftiges Rheuma, einige neurologische Leiden usw. Besonders schwere chronische Leber- und Magen-Darmerkrankungen – wie auch chronische Hauterkrankungen – lassen früh altern.

Für die drei Gesichter, die ein Mensch im Laufe seines Lebens „in der Regel“ (keine Regel ohne Ausnahmen!) entwickelt, spielt der Wiedererkennungseffekt eine entscheidende Rolle. Und das geht folgendermaßen vor sich. Man legt ein Foto von Herrn X im Alter von 5 Jahren zugrunde und ordnet es irgendwo in eine Reihe von 99 Bildern anderer Gleichaltriger ein. Im Alter von 6 bis 18 oder 20 Jahren stabilisiert sich die Physiognomie des Menschen, also auch bei Herrn X, zum sog. 1. Gesicht. Hier würde jeder neutrale Beobachter aus 100 Bildern das Foto des 5-jährigen „Kindes X“ mit dem Foto des 20- jährigen „Herrn X“ binnen kurzem zweifelsfrei identifizieren.

Bis zur Lebensmitte festigen sich die Gesichtszüge und bleiben (mit kleineren Abstrichen) im Wesentlichen unverändert. Etwa zwischen dem 50 und 55. bis zum 75 bzw.78. Lebensjahr entwickeln die meisten Menschen ihr 2. Gesicht. Jetzt braucht man schon etwas länger, um das Gesicht von Herrn X mit seinem Foto im Alter von 5 Jahren aus 100 Bildern zu identifizieren. Spätestens zwischen dem 80. Lebensjahr von Herrn X und seinem Lebensende – sagen wir im 95. oder 96. Lebensjahr – dauert es deutlich länger, sein Foto unter 100 Konterfeis von 5-Jährigen herauszufinden, weil er in der Regel inzwischen sein 3. Gesicht bekommen hat.

Die hier dargestellte Einteilung ist ein relativ grobes, aber für viele im Prinzip zutreffendes Raster. Die zeitlichen Einteilungen können sich nach rechts (höheres Alter) oder nach links (jüngeres Alter) gegebenenfalls etwas verschieben. In früheren Epochen (16., 17., 18. Jahrhundert) waren die Unterschiede der Gesichter im Vergleich zum Lebensalter noch wesentlich krasser. Die Zeiten waren eben härter und zugleich karger, insbesondere für diejenigen, die man etwas despektierlich als das „gewöhnliche Volk“ bezeichnet.

Schauen wir uns nur das Bild von Dürers Mutter an, das sich als Zeichnung in vielen Kunstbüchern und im Internet findet. Albrecht Dürer entstammte einer keineswegs wohlhabenden Familie, was man auch am Gesicht seiner Mutter erkennen kann. Sie sieht für heutige Verhältnisse deutlich älter aus, als es einer 63-Jährigen entspricht. Im Übrigen hat sicher auch dazu beigetragen, dass sie 18 Schwangerschaften durchgestanden hatte, 15 Kinder definitiv gebar, von denen dann aber 12 nicht „durchkamen“. Nur 3 (Endres, Hans und eben der bekannte Albrecht) überlebten bis zum Mannesalter.

Auch ein älteres Gesicht und das Alter kann schön sein

Wichtige Bemerkung am Schluss! Dass wir es nicht vergessen: Auch ein älteres Gesicht (wie auch das Alter überhaupt) kann schön sein. Denn nicht nur Hoffnung und Ausgeglichenheit, Lebenserfahrung und Reife machen schön und ausdrucksvoll und lassen sich als solche „auf dem Gesicht“ nieder. Auch das Phänomen der Weisheit, besonders der Altersweisheit mit ihrer Entspanntheit, Güte und gelassenen Sicht der Dinge können ein Antlitz prägen, mag es auch ein paar „liebenswerte Falten“ haben.