Zum Schnitzeltag ins Finanzamt

In der Kantine im Finanzamt Witten an der Ruhrstraße in Witten nehmen viele Senioren und Rentner ihr Mittagessen ein.  Ina Brahmann rührt die Soße.
In der Kantine im Finanzamt Witten an der Ruhrstraße in Witten nehmen viele Senioren und Rentner ihr Mittagessen ein. Ina Brahmann rührt die Soße.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Wo sonst Zahlen und Fakten dominieren, gibt’s donnerstags Gaumenfreuden zu günstigen Preisen. Besuch zum Mittagessen in einer der beliebtesten Kantinen der Wittener Innenstadt.

Witten..  Es riecht nach Bratfett und Paprika, Ina Brahmann rührt in einem riesigen Topf. Zigeunersoße, 60 Liter für 100 Schnitzel. Es ist Donnerstag: Schnitzeltag in der Kantine des Finanzamtes, Ruhrstraße 43, am Eingang scharf links durch die Glastür. Die Bude ist voll.

Iris und Werner Schade sitzen an einem der hinteren Tische. Schweigend. Er konzentriert sich auf das handgroße Stück Fleisch auf seinem Teller, sie bearbeitet die Kartoffeln mit der Gabel. Gesprochen wird wenig. „Es schmeckt“, sagt Iris Schade (59). Man sieht es. Und Werner Schade (64): „Meine Frau musste zum Arzt in die Stadt. Da gehen wir auf dem Weg eben hier in die Kantine.“ Jede Woche? „Zum Schnitzeltag: Ja!“

Salat oder Gemüse?

Vorne an der Theke hat sich jetzt eine Schlange gebildet. Ina Brahmann bedient einen nach dem anderen aus dem großen Topf. „Kartoffeln für Sie oder lieber Pommes?“ – „Schnitzel so in Ordnung?“ – „Na dann lassen Sie es sich schmecken!“ Die 41-Jährige hat Hotelfach gelernt, die Freundlichkeit kommt von Herzen. Hier, im etwas angestaubten 70er Jahre Ambiente eines Speisesaals, der so auch in einer Jugendherrberge im Sauerland gut aufgehoben wäre, mischen sich Essensaromen mit Gesprächsfetzen. „Und, heute wieder Bus verpasst?“, fragt ein Mann in Anorak. „Nee, heute hat die Tour geklappt“, antwortet sein Gegenüber. „Salat oder Gemüse?“, mischt sich Ina Brahmann ein.

Nicht lange, und die Kantine ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Schlange steht jetzt bis zur Tür, hinten in der Küche schwitzt Matthias Brahmann über den Pfannen, seine Schürze: fleckig. Der 47-Jährige ist der Koch im Haus, und er kann nicht nur Schnitzel. „Wir bereiten hier jeden Tag was anderes zu“, erklärt er den Speiseplan. Prinzip Abwechslung: Mittwochs gemischten Salat, freitags fleischlos, „und zwischendurch auch schon mal Currywurst“. Zwei Gerichte zur Auswahl jeden Tag, einmal vegetarisch, einmal nicht. Was denn so besonders an seinem Essen sei, fragen wir den Küchenchef. „Besonders ist sicher, dass es nur 4,30 Euro kostet“, lacht Brahmann.

Keine Lust alleine zu kochen

Gut bürgerliche Küche zu anständigen Preisen nennt es Rene van Keulen (66), der in der Finanzamtskantine Stammgast ist. „Meine Frau arbeitet, und für mich alleine habe ich keine Lust zu kochen“

chen“, erzählt der Rentner, der natürlich auch dasZigeunerschnitzel verzehrt. Es ist aber nicht der Schnitzeltag, der ihn herzieht. „Eigentlich esse ich am liebsten Grünkohl“, verrät der gebürtige Holländer. Halb zwei, Mittag fast vorbei. Rene van Keulen hat aufgegessen, auch die Schades sind satt. Ina Brahmann rührt noch immer hinten im Topf. Morgen gibt’s 100 Bratfische.