Zu blöd für einen Computer

Harry Rowohlt bei einer früheren Lesung.
Harry Rowohlt bei einer früheren Lesung.
Foto: WAZ FotoPool
Witten. Vortragskünstler, Übersetzer und Schauspieler Harry Rohwohlt ist am Donnerstag, 21. März, zu Gast in der Wittener Werkstadt. Karten gibt es bis 17 Uhr im Vorverkauf für 12 Euro, an der Abendkasse für 14 Euro. Irmine Skelnik sprach ihn vorab.

Harry Rowohlts Lesungen sind legendär. Warum, weiß er selbst nicht so genau. Für ihn lohne es sich jedenfalls zu seiner Lesung zu kommen, verrät Deutschlands bekanntester Übersetzer und Kolumnist im Interview mit Irmine Skelnik.

Herr Rowohlt, ich war etwas überrascht, dass ich Ihnen die Interview-Anfrage nur faxen konnte.

Rowohlt: Ja, soll ich das Fax wegwerfen? Ich bin leider zu blöd für Computer. Außerdem: Wenn man da mal eingestiegen ist, muss man ständig was Neues kaufen. Das ist wie mit Navis, wo keine Hauptbahnhöfe drin sind. Und kurze Zeit später, oh Wunder, kommt eine Version mit Hauptbahnhöfen raus. Ich finde mich auch so zurecht. Bin gestern sogar von Köln aus nach Hause gekommen, nur um Ihr Fax zu finden.

Hatten Sie in Köln eine Lesung?

Nein, Lindenstraße.

Ach, das machen Sie noch?

Ja, vor Jahren hatten die mich da rausgeschrieben, aber es gab so viele Fanproteste, dass man mich wieder reingeschrieben hat.

Ich gestehe, ich guck es nicht . . .

Dann kann ich zu meiner formellen Standardantwort ansetzen: Ich würde mich freuen, sie als Neuzuschauerin begrüßen zu dürfen. Aber auch ohne Sie sind es irgendwas um die 7,4 Millionen. Das letzte Mal habe ich das übrigens zu Christian Wulff gesagt. Da war er noch im Amt. Die Antwort kommt gut von oben herab. Das geht bei dem aber schlecht, weil der so lang ist. Und von unten wirkt die nicht.

Glauben Sie, er hat inzwischen eingeschaltet?

Ich weiß nicht. Obwohl, sein neues Haus sieht aus, als dürften nur Lindenstraße-Fans einziehen. Soll ich Ihnen eigentlich mal meinen Formbrief Nr. 5 vorlesen. Das mache ich, wenn ich keinen Bock auf Interviews hab.

(Es folgt ein Text über die Unfähigkeit von Printjournalisten, wörtlich zu zitieren und Rowohlts daraus bedingte Vorliebe für Interviews beim Hörfunk. Interviews, heißt es zum Schluss, seien etwas für berühmte Menschen, die Angst hätten, nicht berühmt zu bleiben, wenn sie keine Interviews mehr gäben. Im ICE habe er aber eine Durchsage gehört: „Herr Rowohlt, wir wissen, dass Sie auf dem Klo rauchen.“ Das sei berühmt genug.)

Ist das mit dem Zug wahr?

Klar, ich bin Übersetzer, wir dürfen gar nichts erfinden. Die Bahn kann da böse werden. Und ich verreise ja nicht aus Quatsch. Ich muss ankommen. Ich hab zwar ‘nen Führerschein, fahre aber nicht. Auf dem Weg zum Arbeitsplatz brauche ich kein Auto – auch wenn unser Korridor elend lang ist. Aber generell finde ich: Verkehr auf die Schiene und Mehdorn auf die Straße.

Und jetzt in die Luft, so als neuer Flughafen-Chef . . .

Ich glaube, das einzige, wo Mehdorn seine Finger noch nicht drin hatte, ist die Elbphilharmonie. Man sollte sich sowieso vor Toupet-Trägern in Acht nehmen. Den habe ich mit Bosbach und Maschmeyer bei Jauch gesehen. Der trägt auch Perücke – das sieht man immer am Nacken.

Was lesen sie denn im Moment?

Ach, erstmal Auszüge aus einem Kinderbuch, dann Kleinscheiß, dann gibt’s Pause. Danach kommen vier Witze und vier Hymnen, weiterer Kleinscheiß und zum Schluss der absolute Hammer. Wer vorher geht, tut mir jetzt schon leid.

Ich meinte eigentlich privat . . .

Ach so. Mein armer Nachttisch sieht aus, wie die Skyline von Manhattan vor 9/11 – aber ohne das Chryslerbuilding. Empfehlen kann ich „Onno Viets und der Irre vom Kiez“, „So was von da“, „Der Hals der Giraffe“ und „Traurige Therapeuten“.

Jetzt aber zu Ihren Lesungen: Es gibt Redner, die solange vortragen, bis Zuschauer gehen.

Seit ich nicht mehr saufe, sind meine Lesungen gar nicht mehr so lang. Außerdem kommen die Leute ja nicht, um gleich wieder zu gehen. Die, die das tun, habe ich in den ersten anderthalb Jahren vergrault. Es ist eher so, das wenn ich den Faden verliere – was erschreckend selten passiert – mir das Publikum hilft. Zu meinen Lesungen kommt nur die Elite, besonders in Witten. Ich erinnere mich an einen Abend dort, an dem ich auf der Bühne fertig war und noch keine Lust hatte wegzugehen. Den Gästen ging das auch so, weil sie noch Getränke hatten. Dann habe ich gesagt: „O.k., Diskussion“. Die haben kluge Fragen gestellt, das wurde noch ein richtig schöner Abend. Das mit den Diskussionen wollte ich dann einführen, hab’s aber gelassen. Das gab es bis jetzt nur in Witten.

Wollen Sie das Interview gegenlesen?

Ja, ich mache gerade Ablage, da ist mir jede Abwechselung willkommen. Sie können es mir ja faxen.