Zu Besuch auf dem Erdbeerfeld in Witten-Heven

Agathe Pennisi (40) pflückt Erdbeeren für ihre ganze Familie.
Agathe Pennisi (40) pflückt Erdbeeren für ihre ganze Familie.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Selbstpflücken liegt im Trend. Weil die Früchte vom Feld günstiger sind, als im Laden. Warum das einzige Erdbeerfeld in Witten trotzdem einen Tag schließen muss

Die Dicksten sind noch lange nicht die Besten.“ Diese Bauernweisheit gilt nicht nur für Kartoffeln, meint Jimmy Augustin (41). Sondern auch für die süßen Früchtchen auf dem Erdbeerfeld in Heven. „Aber das muss man den Besuchern erstmal klarmachen“, sagt der untersetzte Mann. Hach, wie gut, dass es Jimmy gibt, denn genau das ist sein Job. Der „Erdbeerfeldeinweiser“ (so nennt Jimmy sich selbst) zeigt den Selbstpflückern, in welcher Reihe es etwas zu holen gibt, und wo sie bitte nicht hintrampeln sollen. „Immer höflich natürlich“, betont er.

Gerade allerdings kann Jimmy sich eine Verschnaufpause gönnen – denn nachdem am Wochenende hunderte Besucher über die roten Beeren hergefallen sind, haben sich die Reihen sichtlich gelichtet. „Heute Nachmittag haben wir geschlossen, damit die Erdbeeren nachwachsen können.“

Unschlagbar günstig

Kontrolliertes Nachwachsen auf zwei Hektar an 50 000 Erdbeerpflanzen – auf diesen botanischen Marathon muss Erdbeerbauer Knut Schulze-Neuhoff (50) seine Pflänzchen sorgfältig vorbereiten. „Auf der einen Hälfte des Feldes pflanzen wir Früherdbeeren, auf der anderen Späterdbeeren“, erklärt Schulze- Neuhoff das System Selbstpflücker. Die eine Sorte braucht länger zum Reifen. „Dadurch erreichen wir, dass nicht alle Früchte gleichzeitig gepflückt werden.“

Selbstpflücken ist nämlich beliebt, besonders an Wochenenden. Natürlich, weil ein Kilo selbstgepflückte Erdbeeren mit 2,50 Euro im Vergleich zur mindestens doppelt so teuren abgepackten Variante im Handel unschlagbar günstig sind. Ein bisschen ist es aber auch das Erlebnis, was zählt. „Ich komme pro Saison fünf bis sechs Mal hierher“, erzählt Agathe Pennisi (40). Rund 40 Minuten ist sie heute zwischen den schnurrgeraden Reihen aus Erdbeerpflanzen herumgekrochen, jetzt ist ihr Eimer voll. „Geht ganz schön auf den Rücken“, gibt die Mutter von zwei Kindern zu. „Ich hoffe, es sind mindestens sechs Kilo geworden.“ Die ganze Familie warte daheim auf ihre Ernte. „Wir machen da Marmelade draus, Erdbeerkuchen, oder wir essen die Erdbeeren einfach so zwischendurch.“

Irgendwann ist Schluss

Krumm gemacht haben sich heute auch Claudia Zocco (27) und Wojtek Zasade (30). Jeder trägt einen schweren Korb, dessen Inhalt „wird zu Marmelade eingekocht“, sagt Zocco. Gibt es denn ein Geheimnis, wie man die besten Beeren findet? „Jetzt gucken Sie mal genau hin“ Jimmy macht vor: „Beine breit über die Pflanze, dann runter beugen und mit einer Hand die Blätter nach oben biegen – da siehst Du genau, wo die Reifen sitzen.“ Die Leute, sagt Jimmy, die meinen immer, sie sehen die Guten von oben. „Aber das stimmt ja gar nicht. Man muss sich schon ein bisschen anstrengen.“

Damit die Guten so gut wie auf dem Selbstpflückerfeld in Heven werden, dafür braucht es außerdem die richtige Mischung aus Regen und Sonne. „Wenn die Erdbeeren zu viel Sonne bekommen, kriegen sie ‘n Schlag“, sagt Jimmy. Und schmecken nicht mehr. Regnen müsste es jetzt ebenfalls mal. „Sonst wird der Boden zu trocken.“ Und irgendwann sei eben auch Schluss. „Wenn die Beeren gepflückt sind, sind sie gepflückt.“ Die letzte wird in diesem Jahr Anfang Juli in den Eimer wandern, schätzt Erdbeerbauer Schulze-Neuhoff. „Dann kann sich das Feld erholen, nächstes Jahr machen wir auf einem neuen Feld weiter.“