Zoten nach Noten bei der Rocky Horror Show in Witten

Bieder trifft Mieder: Das Paar Brad und Janet ist verstört, als es Dr. Frank N. Furter vom Planeten Transsexual begegnet.
Bieder trifft Mieder: Das Paar Brad und Janet ist verstört, als es Dr. Frank N. Furter vom Planeten Transsexual begegnet.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Witzig, überdreht und schrill - so ging’s bei der Rocky Horror Show in Wittens guter Stube, dem Saalbau, zu.

Witten..  Zwei Stunden lang gab’s Unterhaltung der lauten und schrillen Sorte - zum Mitmachen, Mitklatschen und Mittanzen. Zwischenrufe waren erwünscht - ja sogar Teil des Programms. Die Gäste waren außer Rand und Band.

Das Westfälische Landestheater mit dem fünfköpfigen Lippe-Saiten-Orchester brachte eine perfekte Inszenierung des schrägsten Musicals aller Zeiten auf die Bühne. Sie rissen das Publikum mit den beiden sich liebenden Hauptfiguren Brad - gespielt von Thomas Zimmer - und Janet - alias Michele Fichtner - in die Abgründe der verbotenen Lüste. Bunt, laut, süffisant und frech.

Die eigentliche Geschichte der packenden Rock-Show ist schnell erzählt. In einer regnerischen Herbstnacht sucht das verliebte Paar Brad und Janet nach einer Reifenpanne Hilfe bei den Bewohnern eines nahegelegenen Schlosses. Doch statt der erhofften Gelegenheit zum Telefonieren begegnet dem konservativen Paar etwas völlig Unerwartetes.

Unfreiwilllig erleben sie - jenseits ihrer Wertvorstellungen - die Nacht ihres Lebens. Schuld daran ist der exzentrische, außerirdische Wissenschaftler Dr. Frank N. Furter vom Planeten Transsexual aus der Galaxie Transsylvania. „Öffnet die Herzen, herzt die Öffnungen“, proklamiert Dr. Furter - imposant in Szene gesetzt von Leon van Leeuwenberg - provokant und doppeldeutig.

Etwas Humor und ganz viel Sex

Das „Enfant Terrible“ des Musicals in der Inszenierung von Reinhardt Friese macht seinem Namen alle Ehre. Das Publikum wird auf eine Reise durch Zeit und Raum mitgenommen, die beinahe atemlos macht. Es erlebt eine ungewöhnliche Geschichte mit etwas Humor und einer ganz großen Prise Sex. „Es ist nicht leicht, ein bißchen Spaß zu haben“ - so ein weiterer, doppeldeutiger Spruch des Exoten Frank N`Furter. „Ich bitte um nichts und erhalte jede Menge davon.“

Das Bühnenbild lebt von Lichtspielen und wechselnder Farbigkeit. Nebelschwaden sorgen für eine gewisse gruselige Atmosphäre. Hektische, piepsige Stimmen und lautes Kreischen ebenso. Den optischen Rahmen bildet ein klassischer Zelluloid-Filmstreifen. Die Perforation rechts und links vermittelt dem Zuschauer ständig den Eindruck, er sähe einen Film, bei dem die Schauspieler immer wieder den Rahmen sprengen und aus der (Film-)rolle tanzen. Das Orchester sitzt bei der Inszenierung nicht im Graben, sondern thront auf einem „Hügel“ - hoch über dem Geschehen.

Mit der Uraufführung des Musicals von Richard O`Brien erlebte das Musiktheater 1973 eine Revolution. In der ganzen Welt sucht das Kultmusical heute noch nach seinesgleichen. Selbst jetzt ist es noch das „Non-plus-Ultra“ der Musicals - durch seine faszinierende Wirkung auf das Publikum. Wann flatterten eigentlich das letzte Mal „Luftschlangen“ aus Klopapier durch den Theatersaal?