Ziemlich beste Nachbarn

Die Enkel Nicolas (12) und Helena (8) besuchen ihren Opa Bernd Thurow (72) sehr gerne. Hund Nelly ist immer mit von der Partie. Fotos:Barbara Zabka
Die Enkel Nicolas (12) und Helena (8) besuchen ihren Opa Bernd Thurow (72) sehr gerne. Hund Nelly ist immer mit von der Partie. Fotos:Barbara Zabka
Was wir bereits wissen
In der Siedlung „Familienheim“ in Bommern ist der Name Programm. Man hilft sich, man geht zusammen kegeln und feiert Sperrmüll-Partys.

Witten..  „Wohnen im Familienheim“ – das ist im Stadtteil Bommern schon längst kein Geheimtipp mehr. „Familienheim“ ist allerdings nicht nur der Name der ersten genossenschaftlichen Wohnsiedlung in Bommern, sondern steht gleichzeitig für die Wohnatmosphäre im Quartier rund um die Albert-, Georg-, Karl- und Ludwig­straße. Benannt wurden die kleinen Straßen nach den Vornamen der damaligen Siedlungsgründer.

Die Siedlung entstand auf dem stillgelegten Gelände der Zeche Bommerbank. Erbaut wurde die Wohnhäuser um 1912. Städtebaulich erinnern sie an die bekannte Margarethenhöhe in Essen. Alle Häuser haben eine individuelle Note. Markant sind die Walmdächer, die Treppenaufgänge, die Fensterkompositionen. Und natürlich die liebevoll gestalteten Vorgärten und die großzügigen Gärten hinter dem Haus.

„Das schönste Viertel“ von Bommern

Bei einem Nachmittagsspaziergang durch das Viertel sprachen wir mit Anwohnern. Allesamt waren sie überzeugt im „schönsten Viertel des Stadtteils“ zu wohnen. Zentral – nur wenige Meter sind es bis zum Bodernborn. Und gleichzeitig dort, wo andere Menschen Urlaub machen: das Muttental, die Ruhr und sogar Steger sind bequem zu erreichen. Jedes Haus sieht anders aus. Und so unterschiedlich sind auch die Menschen, die hier zuhause sind.

So sieht das auch Bernd Thurow (72): „Alles ist gleich um die Ecke. Einkaufsmarkt, Apotheke, Bushaltestellen. Gleichzeitig ist man schnell im Wald, auf Steinhausen oder an der Zeche Nachtigall.“ Familie Thurow lebt seit 26 Jahren im „Familienheim“. Bernd und Gabriele Thurow lieben vor allen Dingen die wunderbare Nachbarschaft. „Hier wohnen mehrere Generationen. Und wir alle haben einen guten Zusammenhalt.“ Da wird gemeinsam gekegelt, es gibt einen Siedlungstreff und regelmäßig Straßenfeste.

Auf den ersten Blick verliebt hat sich Henry Beierlorzer (57) in sein Haus an der Albertstraße. Das war vor einem Vierteljahrhundert – und die Liebe ist seitdem nicht abgekühlt. Insgeheim wird es von allen „Hexenhäuschen“ genannt. „Wegen der spitzen Dachs und dem verwunschenen Garten“, schmunzelt Beierlorzer.

Fast wie eine dörfliche Gemeinschaft

Auch Beierlorzer stellt der „ungewöhnlichen“ Nachbarschaft ein gutes Zeugnis aus. „Gemeinsamkeit wird groß geschrieben. Wir haben eine beinahe dörfliche Gemeinschaft, in der die Privatheit aber nicht verloren geht“, schwärmt er. „Jeder packt mit an, man leiht sich Werkzeug, den Rasenmäher, einen Liter Milch oder zwei Eier.“ Gemeinsame Wanderungen, Sperrmüllpartys oder der „Kultur- und Kegelverein Familienheim“ – kurz KuK genannt – gehören ebenso zur Nachbarschaft.

Erst drei Jahre wohnt Klaus Hesse (46) mit seiner Frau Yvonne im Viertel. „Als Bommeraner ist mir die Gegend bestens vertraut“, erzählt er. „Wir sind hier gleich gut aufgenommen worden. Es ist nicht so anonym wie in anderen Straßen. Und das Tolle ist, dass hier viele Generationen auf engstem Raum zusammenwohnen. Da ist es eine Selbstverständlichkeit, dass jeder jedem hilft.“

Obwohl die Siedlung auf den ersten Blick ruhig und verträumt aussieht, herrscht zur Rush Hour auch hier Hochbetrieb. „Das sind nicht die Anwohner, die hier entlangdüsen“, erzählt Hesse. „Wenn der Bodenborn verstopft ist, benutzen die Albertstraße viele Leute als Schlupfloch. Aber damit kann man leben.“

Mehrere Generationen unter einem Dach

Im „Einzugsstress“ ist Familie Mirbeck. Noch stehen überall Umzugskartons herum. „Aber wir freuen uns alle riesig auf unser neues Heim“, erzählt Enkelin Laura Mirbeck stolz. „Wir haben jetzt ein Drei-Generationen-Haus. Mit Oma, Opa, meinen Eltern und meinem Bruder.“ Die 18-Jährige freut sich außerdem darüber, dass ihre beste Freundin im Haus nebenan wohnt. „Und die anderen Nachbarn sind bestimmt auch total cool“, meint sie überzeugt.

Seit mehr als 60 Jahren wohnt Ruth Disse (89) im Quartier. „Nach der Hochzeit wohnten wir nebenan im Elternhaus meines Mannes Winfried – auf einem Zimmer im Dachgeschoss“, erinnert sie sich. Sie kann sich nicht vorstellen, woanders zu wohnen. „Wir sind mit vielen Nachbarn gemeinsam älter geworden. Jeder weiß alles vom anderen. Man nimmt Anteil.“

Besonders eng ist der Kontakt zu den direkten Nachbarn. „Wir gehen spazieren oder machen regelmäßig unseren Kaffeklatsch. Das gehört dazu.“ Jede Menge buntes Leben herrscht im Haus, wenn die ganze Familie zu Besuch kommt. Auch Ruth Disse freut sich, dass wieder mehr junge Leute ins „Familienheim“ kommen. „Dann macht die Siedlung ihrem Namen wieder alle Ehre – wie es früher einmal war.“